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DER JÄGER IM HINTEREIS

Die weltentrückten Gründe des hinteren Ötztales gehören zum Schönsten, was der Herrgott erschaffen hat. Wenn der Wanderer durchs Rofental südwärts zieht, schaut er aus den Hochkaren wildzerklüftete Gletscherabbrüche, aus deren smaragden schimmerndem Mund weiße Wildbäche über hohe Felsen der Achschlucht zuschäumen. In das Rauschen der Fernerbäche tönt der heisere Schrei des Hochvogels und das Krachen der berstenden Fernerklüfte. Ein schwindelnder Pfad führt durch schaurige Felsschluchten über den wilden Vernagtbach in die grünen Almmatten, an den Fuß des Hintereisferners. Speik und Enzian, Almrausch und Edelweiß leuchten auf diesem herrlichen Altare der Natur zu Gottes Sternwelt empor und wie Kerzen ragen die eisgekrönten Gipfel wie Wildspitz, Weißkugel, Similaun und Hintere Schwärze aus dem Gletschermeer zum Himmel hinan. Ergriffen steht der Wanderer still und staunt und - betet. Ist es denn zu wundern, wenn die Alten in dieser Welt sich Schutzgeister dachten, die jeden, der diese heilige Stille entweiht, bestrafen? Ja, der Berggeist! Hart und verwittert wie die braunen Felswände sein Antlitz, hell und klar wie Edelweiß und blaue Enziane seine Augensterne, langen braunen Geröllhalden gleich wallt sein Bart am starken Körper nieder, leuchtendem Firnschnee ähnlich krönt sein Haupt des Alters Silberhaar. Das ist der Alte der Berge. Grimmig und stolz thront er in seinem Reich, Adler und Gemse sind seine Begleiter. In den Bergen liegt aber nicht nur Härte, Stolz und Unnahbarkeit, es ist auch unsagbar Zartes und Schönes drin. Schönheit und Liebe verkörpern die „Saugen Fräulein". Sie sind die Bergholden, die Schutzengel der Bergnatur. Zu ihnen flieht die gehetzte Gemse um Schutz vor der Büchse des Jägers, ihnen blühen die Blümlein an des Gletschers Rand entgegen. Tiefer Friede, hehre Hoheit und heilige Liebe leuchtet aus dem engelreinen Antlitz der „Saligen"; wie das Schneegefild an den Lehnen der Bergkönige wallt ihr weißes Gewand umrahmt von blondem Lockenhaar an ihrem schönen Leib nieder. So tanzen sie über Gletschergründen ihre Reigen. So sitzen sie beim Spiel tief drinnen im Berg in gold- und diamantglänzenden Hallen.

Wandert man etwa eine Stunde vom höchsten Hofe des Ötztales, dem Rofner Hofe, taleinwärts dem Hochjoch zu, sieht man plötzlich rechter Hand einen starken Wildbach durch eine wilde Schlucht in den Talbach stürzen. Es ist der Vernagtbach, gespeist vom gleichnamigen Ferner, der jetzt weit droben beim „Hintergrasl" seine Zunge beendet. In früheren Jahrhunderten war dies freilich anders: der Vernagtferner erstreckte sich zeitweise bis ins Tal, sperrte den Bach, es entstand ein See. Eines Tages brach er aus, die schäumenden Fluten rissen talauswärts Brücken, sogar Grund und Boden, Häuser und Ställe fort. Schaut der Wanderer tiefer in den Talgrund, glänzt ihm der Hintereisferner entgegen, umrahmt von den dunklen Hängen des Rofenberges.

In diesen Gegenden trieb sich vor vielen, vielen Jahren ein Jäger herum, der an Kühnheit und Ausdauer jedem anderen überlegen war. Rauhe Winterstürme schreckten ihn ebensowenig, wie die unheimlichen Gewitter des Sommers. Lawinen und Muren bedeuteten ihm keine Gefahr. Wohl hatte er ein kleines Bauerngütl weiter draußen im Ötztale, doch seine Jagdleidenschaft ließ ihn dieses ganz vernachlässigen.

Wieder einmal im Herbst jagte er Gemsen nach und verfolgte sie bis ins Hintereis. Da war auf einmal das ganze Rudel verschwunden, gerade als ob der zerklüftete Hintereisferner sie aufgenommen hätte. Zornig trat der Wildschütz den Rückweg an. Am folgenden Morgen kam er wieder und es erging ihm ebenso. Am dritten Tage wollte er genauer erforschen wie das zugehe. Da war es ihm, als ob der Hintergraslkamm sich spaltete und den Tieren einen Ausweg öffne. Ein donnerndes Getöse und vor dem erschreckten Jäger stand eine wunderschöne, lichte Gestalt mit bis an die Knie reichenden goldenen Haaren und einem wie Kristall glitzerndem Gewand. „Du kennst mich nicht und weißt nicht, wieviel Leid du mir angetan hast", sprach die silberklare Stimme, „ich bin Haldiga, das Bergfräulein, eine Schwester der Saligen. Heute bist du in meine Hand gegeben; ich könnte dich in den Abgrund schleudern, da du zu weit in meine Welt eingedrungen, die Ruhe und den Frieden meines Reiches gestört und meine Schutzbefohlenen mit Wut verfolgt hast. Doch höre: dies einemal stelle ich dir noch die Wahl zwischen zwei Dingen: kommst du nie mehr hierher und störst du nie mehr die heilige Einsamkeit meiner Berge, so sollst du glücklich sein, dein Besitz wird sich mehren, dein Reichtum wachsen und die schöne Kundl wird dein geliebtes Weib! Kannst du das aber nicht und überschreitest du noch einmal die Grenze meines Reiches, so wird Unheil über dich, deinen Besitz und das ganze Tal kommen. Meine Rache wird furchtbar sein." Ehe der Jäger ein Wort sagen konnte, erscholl ein scharfer Pfiff und das Bergfräulein war verschwunden. Der Wildschütz kehrte nach Hause zurück, das Gewehr versteckte er unter einem Stein und jagte den ganzen Winter nicht mehr. Als der Lenz ins Tal schaute, holte er sich vom Rofen die schöne Kundl als Weib auf seinen Hof. Einen Sommer lang lebte er glücklich und zufrieden. Doch als der Herbst kam, packte ihn die Jagdleidenschaft mit ganzer Kraft. Sein besorgtes Weib konnte trotz ihrer Bitten und Warnungen nicht dagegen aufkommen. An einem Oktobermorgen war er ohne Gruß von ihr gegangen. Von unwiderstehlicher Macht getrieben stieg er mit seinem Gewehr den Fernern zu. Schon sah er ein Rudel Gemsen, er legte sein Rohr an, ein Pfiff und das Rudel stob davon den Gletschern zu. Der Jäger eilte nach; an der Spitze der Gemsen glaubte der Jäger einen weißen Gemsbock zu sehen. Den wollte er unbedingt haben. Da, auf einmal ein Krachen und Bersten, ein unheimliches Rollen und Stürzen in den Weiswänden ringsum. Der Ferner, auf dem er stand, zitterte, bebte und zerklüftete sich, die riesigen Eisschollen lösten sich los und der mächtige See, der sich seit Jahren angesammelt hatte, wälzte sich gurgelnd, alles vernichtend durch die enge Talschlucht hinaus ins Hochtal, hinunter ins Ötztal und hinaus bis an den Inn. Der Hof des Jägers war verschwunden. Von ihm selbst hörte man nichts mehr. Der Schutzgeist der Gemsen „Haldiga" hatte an ihm schreckliche Rache genommen. Heute sind nur noch die weiten öden Schutthalden eine Erinnerung an jene Zeit, da der Vernagtferner sich bis ins Tal ausdehnte.

Falkner, Christian, Sagen aus dem Ötztal, in: Ötztaler Buch (= Schlern-Schriften 229), Innsbruck 1963, S. 117 ff.
aus: Sagen und Geschichten aus den Ötztaler Alpen, Ötztal-Archiv, Innsbruck 1997