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WIE DIE HEXEN AUSGETRIEBEN WERDEN

Wenn eine Hexe im Stall oder Haus Schaden angerichtet hatte, wandten sich die Leute oft an einen Priester, daß er mit den Segensmitteln der Kirche den Einfluß der Bösen banne. Und da behaupten manche Leute, man habe die Hexen in irgendeiner Form aus dem Stall ausfahren sehen. So erzählt man sich von einem Bauern in Niederthei: Er war auf einmal im Stall um all sein Vieh gekommen. Da er Hexeneinfluß vermutete, ging er zum Geistlichen und bat ihn, er möge den Stall aussegnen. Der Geistlich kam, ging in den Stall hinein und hieß den Bauern draußen warten. Als der Priester am Schluß der Segnung angelangt war, rief er hinaus: „Wenn du die Hex sehen willst, die dir dein Vieh getötet hat, so komm schnell herein!" Der Bauer aber wollte nicht hineingehen, er sagte: „Nein, ich brauch sie nicht zu sehen, ich hab sie genug gespürt".

Bei einem anderen Bauern waren eines morgens im Stalle zwei Ochsen tot und alle Kühe krank. Der Bauer ließ den Stall aussegnen. Da sah man plötzlich zwei Kugeln bei der Stalltür hinausfahren und ins Haus hinein, über die Stiege hinauf, aber wo sie weiter hin geraten waren, konnte niemand sagen. Man suchte das ganze Hause ab und fand schließlich die zwei unheimlichen Kugeln beim Kinde in der Wiege.

Falkner, Christian, Sagen aus dem Ötztal, in: Ötztaler Buch (= Schlern-Schriften 229), Innsbruck 1963, S. 165 f.
aus: Sagen und Geschichten aus den Ötztaler Alpen, Ötztal-Archiv, Innsbruck 1997