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GURGL IN ALTEN ZEITEN

Gurgl liegt 1927 Meter über dem Meere und gilt als das höchste Kirchdorf Europas. In alten Zeiten aber sollen die Häuser noch weiter droben gegen den „Großen Gurgler Ferner" zu gestanden haben. Denn bis dorthin, wo heute der mächtige Eisstrom aus dem Hintergrund des Tales leuchtet, ging man in alten Zeiten durch einen Zirmwald, von dem heute nur mehr kümmerliche Reste knapp oberhalb des Dorfes stehen. Unter seinen Baumkronen haben die Ochsen und Kühe auch bei starkem Schneefall noch acht Tage lang Unterstand und Weide gefunden. Einmal aber hat er Blitz eingeschlagen und der ganze Zirmwald ging in Flammen auf. Droben im Königstal, wo man übers Joch zur Seeber Alm ins Passeier übergeht, sieht man heute noch in der Mitte des Kares einen kleinen Bühel aus großen Steinen. Da soll einst eine gut eingerichtete Höhle gewesen, in der wilde Fräulein gehaust haben. Oder haben sich die ersten Ansiedler als Hirten und Jäger dort aufgehalten? Die ersten Bewohner des hinteren Ötztales sind über die Jöcher aus dem Süden, aus dem Passeier und vom Schnals-tal gekommen. Sie lebten als Hirten und Jäger und auch als Bergleute hier in den Hochtälern, so im Windach bei Sölden, wo bei „den Bruggern" heute noch, allerdings nur im Sommer bewohnte, Häuser stehn, oder auf Gaislach, wo einst „Rusilena" lustig gehaust hat, in Rofen und endlich in den Hochkaren um Gurgl. Am Granatkogl im Verwalltale soll ein Bergwerkstollen gewesen sein. Granaten sind ja heute noch dort und am Kirchenkogl in Menge zu finden.

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Der erste Bauer dieser Gegend hatte seinen Hof eine gute Stunde hinter Gurgl „im Alble" drin stehen. Dort hat man noch vor 80 Jahren Mauerreste und eine Tränkrinne gefunden. Ein Hufeisen fand man drinnen beinahe am Gletscherrand. Auf der Tränkrinne stand zu lesen „B+R 1410", Blasius Rutsch oder Rozzo soll er geheißen haben. Der Rutsch hatte drei Töchter. Die sind einmal auf einem Kirchgang in der Nähe des Hauses von einer Staublawine verschüttet worden. In damaliger Zeit mußten die Hinter-Ötztaler bis nach Umhausen in die Kirche gehen. Das war für die Rutschtöchter ein Weg von 10 Stunden.

Falkner, Christian, Sagen aus dem Ötztal, in: Ötztaler Buch (= Schlern-Schriften 229), Innsbruck 1963, S. 128
aus: Sagen und Geschichten aus den Ötztaler Alpen, Ötztal-Archiv, Innsbruck 1997