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EIN FÜRCHTERLICHER GRUß

Da wollte einmal einer von Habichen nach Roppen um Birnen gehen. Er ging sehr zeitig in der Nacht von daheim weg, er hatte keine Uhr und wußte die Zeit nicht. Es war finstere Nacht. Wie er durchs langgestreckte Dorf Sautens ging, sah er am Wegrande einen Mann stehen. Er glaubt, es wäre ein Wetterpasser und grüßt ihn mit dem damals üblichen Gruße: „Gelobt sei Jesus Christus!" Keine Antwort. „Wird wohl ein Gehörloser sein", denkt sich der Wanderer und grüßt ihn ein zweitesmal noch lauter. Wieder keine Antwort. Da wird er zornig und schreit, was er aus dem Halse bringt. Weil aber das drittemal jeder, sei es Mensch, Engel oder Teufel, antworten muß, erdröhnt nun die Stimme des Angeredeten mit einer Macht, als ob das ganze Dorf Antwort gäbe: „In Ewigkeit!" Darauf wuchs die Gestalt des seltsamen Postens am Wegrand in die Höhe und wurde so groß, daß sie über die Hausdächer hinausreichte. Dem Wanderer aber fuhr der Schreck derart in die Glieder, daß er nicht mehr weitergehen konnte und in einem der nächsten Häuser rasten mußte. Er lag dann dort acht Tage krank.

Falkner, Christian, Sagen aus dem Ötztal, in: Ötztaler Buch (= Schlern-Schriften 229), Innsbruck 1963, S. 172 f.
aus: Sagen und Geschichten aus den Ötztaler Alpen, Ötztal-Archiv, Innsbruck 1997