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Das Brotkastl

Auf dem Almweg vom Silzer Sattele nach Marlstein findet sich hinter einer Wegbiegung eine Felsnische, die im Volksmund als Brotkastl bekannt ist. Diese Felsnische füllen unzählige kleine Steine.

Die Zahl dieser Steine vermehrt sich ständig. Es ist nämlich Brauch geworden, einen Stein in die Nische zu werfen.

Bleibt er dort liegen, darf der Wanderer erwarten, dass er im nächsten Jahr daheim keinen Mangel an Brot erleben wird.

Zur Zeit, als fürstliche Grundherren geeignete Gebiete in Höhenlagen für
Schwaighöfe roden ließen, wirtschaftete im Nedertal ein einziger Bauer.

Für im Jahresablauf anfallenden Arbeiten stellte er Taglöhner ein, die bisweilen sogar vom Inntal oder vom vorderen Ötztal zu ihm herauf kamen.

Sie kamen gerne, weil der Bauer dafür bekannt war, dass er seine Leute gut und reichlich verköstigen ließ. Mit dem Reichtum des Bauern wuchs aber auch dessen Habgier und dessen Geiz.

Bettler duldete er bald überhaupt nicht mehr. Sie ließ er von scharfen Hunden vom Hof verjagen.

Das Weizenmehl versteckte er in einem aufgelassenen Erzstollen. Nach und nach blieben auch die Taglöhner aus, weil ihnen der reiche Bauer immer öfter eine angemessene Verpflegung und eine gerechte Entlohnung vorenthalten hatte.

Als er wieder einmal dringend Leute zur Einbringung der Ernte gebraucht hätte, suchte er die Hütten der umliegenden Kleinhäusler auf.

Doch er fand alle verlassen vor. Er stieß nur auf eine uralte Frau, die landauf-landab als Hexe verschrieen war.

Sie gab ihm keine Acht und ließ sich durch seine Fragen nicht vom Ziegenmelken abhalten.

Plötzlich überkam ihn ein schrecklicher Verdacht.

Er fürchtete um seine großen Mehlvorräte!

Er eilte zu seinem Hof.

Um Mitternacht schlich er zu seinem Mehllager. Im Schein einer Fackel zählte er die hoch aufgestapelten Mehlsäcke. Erleichtert konnte er heimkehren, keiner fehlte.

Die Sorge um die großen Vorräte ließ ihn aber nicht ruhen. Schon am nächsten Morgen machte er sich daran, Brot zu backen.

Voller Eifer arbeitete er Tag und Nacht, bis er unzählige Brotlaibe in einem riesigen Kasten am tiefsten Punkt der Höhle abgelagert hatte.

Der Erschöpfung nahe begab er sich auf den Heimweg, und schlief drei Tage und drei Nächte durch.

Als er aufwachte, eilte er zu seinem Brotkasten. Dort angekommen musste er feststellen, dass viele Laibe fehlten. Seine früheren Taglöhner hatten sich wohl den ihnen vorenthaltenen Lohn abgeholt. Wütend verließ er die Höhle, rief seine Bluthunde und wollte sie auf die Frauen und Kinder der Kleinhäusler hetzen.

Seine Stimme versagte. Kein Wort kam ihm über die Lippen. Da gewahrte er die alte Frau, die er als Hexe fürchtete.

Als sie zu kichern begann, flüchtete der reiche Bauer.

Am ganzen Leib zitternd verkroch er sich in den hintersten Winkel seiner Höhle und setzte sich auf den Brotkasten.

Bald setzte ein Gewitter ein. Unter Blitz und Donner regnete es in Strömen. Eine Mure verlegte den Eingang zum Brotkeller.

Noch viele Jahre danach versuchten immer wieder Leute aus der Umgebung, in den Brotkeller des Bauern vorzudringen.

Der Eingang blieb aber für immer verschlossen.
Allein das Brotkastl erinnert noch an den sündhaften Geiz des alten Bauern. *)

*) Vgl.: Gästezeitung Kühtai, Nr. 7, März 1977, S. 12

Quelle: Einige Sagen aus unserer Umgebung, Johann Zauner, gesammelt in einem gemeinsamen Projekt der Volksschule Mötz und Volksschule Silz, S. 18.