SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Tirol >> Jochberg, Kitzbühel, Leukental

   
 

Der Fememord am Schwarzsee

Ein sonnenklarer, frischer Augusttag nahm seinen Anfang. Vom Osten her wehte ein guttuendes Lüftchen. Der Himmel war ohne Wolken, das Land stand im Grün des Grummets. Auf den Äckern wiegten sich die Kornähren majestätisch. Die Zeit der Kornernte war da.

In der Stadt Kitzbühel regte sich alles. Wunibald, der Stadtschmied und "Chroniker" - den letzteren Namen gab man ihm wegen seines großen Wissens über vergangene Tage - stand in seiner Schmiede, wünschte seinen Gesellen einen guten Morgen, ging zur Esse, ließ den Blasbalg an und begann ein Stück Eisen zu erwärmen.

"Gesellen, gestern habe ich einen neuen Auftrag erhalten. Ein Bote vom Falkenstein war da und beauftragte mich, für das Schloß Falkenstein Waffen zu liefern. Dieser Falkensteiner braucht seinen Teil an Waffen; das Felsennest in der Sperten muß ja in den Waffen ersticken!" rief Wunibald seinen Gesellen zu und lächelte.

"Gibt es Ritterfehde?" fragte ein Geselle.

"Es wird ein böses Ende nehmen und es wäre besser, der Tod nähme seine Sense und tat' mähen. - Wenn die Lorenzikohlen fallen, wird der Femedolch in der Femelinde stecken. Ein gar angesehener und stolzer Rittersmann wird sein Leben lassen müssen. Gott gebe ihm Gnade."

Jetzt wußten die Gesellen, warum der Meister lächelte. Das geheime Femegericht war zusammengetreten und hatte einen Urteilsspruch gefällt, der in der Lorenzinacht vollzogen werden sollte.

Die Sonne stand im Zenith. Die Elfuhrglocke läutete. Alles eilte zum Mittagtisch. Auch Wunibald und seine Gesellen gingen in die Stube und nahmen dort das Mittagsmahl ein. Während des Essens sagte Wunibald:

"In drei Tagen ist Lorenzi. Wenn in unserer Stadt die Kunde von der vollzogenen Feme eintreffen wird, werden zwei Begräbnisse sein."

Alle waren über diese Rede im Unklaren. Sie verstanden den Sinn nicht, sie begriffen sie nicht. Sie hatten jedoch Ehrfurcht vor dem Worte des Meisters, denn er wußte viel, der Meister war ein Chronist!

Die Sternschnuppen, die in der Lorenzinacht vom Himmel fallen, man nennt sie Lorenzikohlen, denn sie sollen schöner sein als alle anderen des ganzen Jahres.

In dieser Nacht ging ein Wanderer gegen Kitzbühel. Sein Gang war schleppend. Die Augen wandte er stets dem Himmel zu und wenn eine Lorenzikohle vom Himmel fiel, dann sagte er stets: "Sternlein sind so viele, sie fallen vom Himmel, wie die Menschenleben dahinsterben."

Der Wanderer war ein Handelsmann aus dem benachbarten Bayern. Lange Jahre trieb er mit Getreide und anderen Lebensmitteln regen Handel. Er brachte Vieh nach Bayern und Getreide herein. Durch seinen Handel zog er sich das Mißtrauen und die Feindschaft der umliegenden Grafen und Burgherren zu, die das Handelsmonopol nicht aus ihren Händen lassen wollten. Und eines Tages, da wurde er als Steuerhinterzieher gebrandmarkt. Er liefere an die vorgesetzte Behörde nicht mehr jenen Lehenszins ab, den man ihm vorschreibe - so lautete die Beschuldigung.

Schnell berief der Freigraf von Münichau das geheime Femegericht ein. Die Mitglieder erschienen auf Schloß Münichau und beschlossen das Todesurteil des Handelsmannes.

"Wenn wir heute ein Urteil auf Tod gefällt haben, so haben wir es getan, weil ein Eindringling glaubte, durch seinen Handel den bisherigen zu überflügeln. Nichts hätten wir gegen ihn unternehmen können, bis er seine Steuern, den üblichen Handelszehent und Lehenszins, nicht mehr bezahlte. Freischöffen, ich fordere euch auf, zu sagen, ob ihr für oder gegen das Urteil sprecht", sprach der Freigraf zu den Freischöffen.

"Wir bestätigen das Urteil unseres Freigrafen! Hartwig von Münichau, wir sind bereit, es zu vollstrecken", klang es einstimmig.

Der Fronbote trat vor die sieben Freischöffen und fragte: "Wo soll das Urteil vollstreckt werden?"

Der Sitte des Gerichtes entsprach es, auch den Angeklagten zu hören. Der Freigraf lud den Handelsmann, der den Namen Rudolf Hasberger trug, zur Linde am Schwarzsee. Nichts Genaues wußte Hasberger, doch er ging trotzdem hin, denn er wollte seinen Mann stellen und sich verantworten.

Es war in der Lorenzinacht des Jahres 1332.

Rudolf Hasberger kam zur Linde. Der Fronbote empfing ihn und führte ihn vor den Freigrafen und die Freischöffen.

Hartwig verlas das Urteil.

"Ich bin nicht schuldig. - Ich zahle immer, was ich zahlen mußte. Sollte ich mehr zahlen müssen, so bin ich bereit, wenn die Aufforderung an mich ergeht", erwiderte der Hasberger.

"Sie haben den Handelszehent für das heurige Jahr noch nicht bezahlt", warf Hartwig ein.

"Er ist erst um Ägidi fällig", sprach stolz und siegesbewußt Rudolf.

"Auch der Lehenszins ist noch zu zahlen und die Getreidepreise haben Sie erhöht." "Der Lehenszins wird in der Herbstebennacht bezahlt und daß die Getreidepreise höher sind, ist nicht meine Schuld. In Bayern war im vergangenen Jahr eine Mißernte und auch heuer scheint die Ernte nicht gut zu werden; dadurch kann wenig Getreide ausgeliefert werden und man mag überhaupt froh sein, ein wenig Getreide zu einem höheren Preis zu bekommen. - Herr Freigraf, Fronbote und Freischöffen! Das Urteil, das ihr gegen mich gefällt habt, ist schlecht. Ich habe nichts hinterzogen! Freischöffen, gebt ein gerechtes Urteil."

"Fordern Sie die Schöffen nicht zum Urteil auf! In Ihrem Nest Falkenstein wollen Sie die Tradition fortsetzen, an der das Geschlecht der Velben zugrunde ging. Alle Schmieden meiner Freigrafschaft haben große Aufträge für Falkenstein. Und wie man hört, wollen Sie die Macht an sich reißen und der Herr meiner Freigrafschaft werden. Dieses Spiel verdient den Tod ohne Widerrede. Ich dulde es nicht, daß dieses Falkennest nochmals zum Aufschwung kommt. Meine Väter haben Falkenstein gebrochen und ich sorge dafür, daß es gebrochen bleibt. - Freischöffen zur Wache!"

Die zwei jüngsten Schöffen stellten sich mit ihren Femedolchen an die Seite Rudolf Hasbergers. Unheimlich sah ihre Bekleidung aus und im Lichte von zwei Pechfackeln war die ganze Umgebung gespensterhaft. Der See rauchte ganz leicht.

Schon wollte der Freigraf das Zeichen zur Vollstreckung des Urteils geben, da sprangen die zwei ältesten Freischöffen vor den Freigrafen.

"Nach altem Recht steht den beiden ältesten Freischöffen das Recht zu, das letzte Wort zu sprechen. - Wir fordern die Freigabe des Angeklagten, denn die Gründe sind zu gering, um den Urteilsspruch auszuführen. - Uns scheint, daß der Herr Freigraf ein falsches Urteil sprach und uns belogen hat", sprach einer der beiden.

"Zieht den Dolch", befahl Hartwig.

"Der Dolch wird nicht gezogen!" riefen die beiden ältesten Freischöffen dazwischen.

"Habt ihr nicht in Münichau dafür gestimmt?" erinnerte Hartwig.

"Freigraf, du hast uns belogen. Der Handelszehent und der Lehenszins sind noch nicht fällig. Was die Sache mit dem Aufrichten des Schlosses Falkenstein betrifft, so ist dies keine Sache, um das Freigericht zu mißbrauchen!" rief einer der beiden.

"Hartwig von Münichau, zieh' dein Urteil zurück!" riefen nun mehrere Freischöffen.

"Das Urteil bleibt!"

In diesem Moment stürzten sich die zwei Vollstrecker des Urteils auf den Handelsmann. Er war bald tot. - Die beiden Ältesten zogen auch den Femedolch und stürzten sich auf den Freigrafen. Auch er war bald tot.

"Ein Unschuldiger und ein Schuldiger", sagte der Fronbote.

Die Femedolche wurden in die Femelinde gesteckt. Dem Brauch gemäß betete man noch für die Seelen der Gerichteten. Dann ging man auseinander.

Ein sonniger Augustmorgen stieg vom Osten auf. In der Stadt Kitzbühel waren zwei Leichen aufgebahrt, deren Beerdigung nun stattfand. Als man mit den Särgen in den Friedhof schritt, ging ein Gemurmel durch die Leute. Die Botschaft vom Fememord war soeben eingetroffen. "Vier Dolche steckten in der Femelinde, das bedeutet zwei Tote", hieß es allgemein.

"Die Lorenzinacht dieses Jahres ist eine unglückliche gewesen", sagte Meister Wunibald zu seinen Gesellen.

"Meister, woher wußtest du das alles so früh vor dem Urteil?" fragten die Gesellen.

"Man nennt mich einen Chronisten, und als solcher habe ich Augen und Ohren. Die Dolche habe ich selber geschmiedet. Und wie ihr hört, ist auch Hartwig von Münichau unter den Toten. Er wurde von den beiden ältesten Freischöffen getötet, denn diese lebten mit ihm in Feindschaft. Er wollte sie aus dem Femegericht hinausbringen und hat den Burgherrn von Falkenstein, einen bayrischen Handelsmann, falsch angeklagt und verurteilt. Durch dieses Spiel glaubte er zustande zu bringen, was er wollte, nämlich sowohl sich den Gegner als auch die unbequemen Freischöffen vom Halse zu schaffen. Woher ich das alles weiß? Wer Augen hat, der schaue, und wer Ohren hat, der höre", erzählte Wunibald, der Stadtschmied.

schmiedeeisernes Kreuz © Berit Mrugalska
Schmiedeeisernes Kreuz auf dem Kitzbühler Friedhof
"Das weiße Seidentuch ist ein tibetischer Seidenschal, ein Katag,
und es schlingt sich um das Grabkreuz von
Peter Aufschnaiter (1899 -1973)
,
dem eher unbekannten Weggefährten von Heinrich Harrer."
Für diese Information danken wir Brigitte Weninger!
© Berit Mrugalska, 29. Mai 2005

Die Femelinde wurde von Jahr zu Jahr dürrer, denn ein Unschuldiger wurde erdolcht. Aus der Stelle, wo die Dolche der jungen Freischöffen staken, rann ein roter Saft heraus; man nannte ihn "das unschuldige Femeblut", während die Dolche, mit denen Hartwig von Münichau erdolcht wurde, rostig wurden als Zeichen seines falschen Urteilsspruches.

Jedes Jahr in der Lorenzinacht, wenn alles still und der Himmel ohne Wolken ist, soll man, wenn ein Lorenzisternlein auf die Erde fällt, die Worte des Fronboten hören: "Ein Unschuldiger und ein Schuldiger."

Quelle: Anton Schipflinger in: Kitzbühler Nachrichten, 1939, Nr. 29, S. 8.
aus: Sagen, Bräuche und Geschichten aus dem Brixental und seiner näheren Umgebung, gesammelt und niedergeschrieben vom Penningberger Volksliteraten Anton Schipflinger, zusammengestellt von Franz Traxler, Innsbruck 1995 (Schlern-Schriften Band 299).