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Der Schuß

Es war im Monat Mai 1892, als meine Eltern selig und ich im Hause Bachgasse Nr. 19 (Jetzt Erzherzog-Eugen-Straße 7) einzogen. Einige Tage darauf kam ein Herr aus der Schweiz zu uns, der mich die Verwaltung eines Wochenblattes lehren sollte. Vormittags und nachmittags unterrichtete mich derselbe, der ehevor Österreich nicht betreten hatte und uns überhaupt ganz fremd war. Sein Aufenthalt war bis zum 1. September bedungen. Eines Tages - es war zirka 1 Uhr nachmittags - ertönte in nächster Nähe eine so starke Detonation wie ein Schuß. Mama befand sich in der Küche, der Schweizer Herr etwas näher, d. h. im Erker des großen Mittelzimmers, mit der Vorbereitung für meinen Unterricht beschäftigt, und ich in meinem Zimmer, das an das große anstieß. Mit entsetzten Mienen flogen geradezu ich und auch der genannte Herr der Küche zu, woher der Schall drang, wo aber auch Mama mit etwas bleichem Gesichte zur Türe trat und frug: "Ja, was gibt es dann?" Ganz merkwürdig war der auffallende Pulvergeruch. Mit einer Lupe wurde der Boden abgesucht. Es fand sich nichts. Der Schweizer Herr behauptete, es wäre ein Schuß aus einer alten Sattelpistole gewesen, wie solche zur Schwedenzeit im Gebrauch waren. Ein moderner Browning hat einen ebenso harten und scharfen Knall, aber die Detonation ist kürzer.

Das Vorkommnis mit dem Schusse wiederholte sich nochmals, und zwar im großen Mittelzimmer um 9 Uhr abends. Papa hätte aus Schreck bald die brennende Petroleumlampe zu Boden fallen lassen. Ich langte mit einem raschen Griff darnach, um einen eventuellen Schaden zu verhindern. Unvergeßlich wird mir das jähe Erblassen des sonst so starken Mannes und der schreckhafte Ausdruck in seinen dunklen Augen sein.

Quelle: Geistererscheinungen im Haller Damenstift, nach anvertrauten Aufzeichnungen des Frl. Ida Feuerstein, Oberstaatsbibliothekar Dr. Hans Hochenegg, Tiroler Heimatblätter, Heft 7/9 1955, S. 90ff.