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Der Meßnerbauer in Rinn bei Hall

Da lebte vor beiläufig drei Jahrhunderten in Rinn ein sehr braver, genügsamer Bauer auf dem Meßnergute. Trotz aller Anstrengung und Genügsamkeit kam er in die Gefahr der Versteigerung. In dieser Aufregung träumte ihm einmal: "Gehe hinauf zur Zirler Brücke; dort wirst du erfragen, wie du dein Glück machen kannst."

Er nahm von seiner Frau Abschied, begab sich nach Zirl und stand dort auf der Innbrücke von früh morgens bis zur Abenddämmerung. Es gingen viele Leute über die Brücke, begrüßten ihn einfach, aber sagten ihm nichts vom Glück. Der Zirler Geißhirte trieb morgens früh seine Geißen über die Brücke und begrüßte den Bauern: "Bist du schon da". Als er abends diese zurückführte und den Bauern noch unbeweglich am alten Fleck stehen sah, fragte er: "Wie stehst du noch da? Bist du angefroren oder verwünscht?" "Weder angefroren noch verwünscht", erwiderte der Bauer; "aber ich hatte einen Traum und dieser sagte mir, ich solle zur Zirler Brücke gehen, dort werde ich erfragen, wie ich mein Glück machen könne." Da bemerkte der Hirt: "Du bist wohl ein recht einfältiger Mensch und noch dümmer als ich. Schau einmal her, was man auf Träume halten kann. Mir träumte heute nachts auch etwas Pudelnärrisches; ich hätte es schon vergessen, wenn du nicht eben von Träumen gesprochen hättest. Mir kam vor, ich sei auf einem Bauerngute, daß der Meßnerhof hieß, und dort unter dem Küchenboden sei, wenn ich ihn abreiße, ein Schatz zu finden. Ich will nun wetten, es gibt auf der ganzen weiten Welt keinen Meßnerhof, obwohl genug Höfe in der Welt sind; ich habe davon nie etwas gehört und kenne doch alle Höfe bis nach Innsbruck und Telfs. Siehst du also, wie närrisch mein Traum war, und nicht weniger närrisch ist der deinige. Du kommst wohl eher nicht nochmals hieher, um den ganzen Tag hindurch dich an das Brückengeländer zu lehnen und Wache zu stehen. Da müßten dich doch meine Geißen auslachen. Gute Nacht. Laß dir Zeit auf dem Heimwege…." Der Meßnerbauer war zufrieden. "Dieser Hirte muß doch der Glücksbote sein. Den Meßnerhof weiß ich besser als der Zirler Geißer und den Küchenherd auch." Er eilte nach Hause. Mitternacht vorüber. Auf sein Klopfen an der Haustür öffnete ihm seine Frau sofort. "Bringe mir nun ein Licht und gehe dann wieder schlafen; ich komme bald nach."

Sparherd in Rauchküche, Tirol  © Tanja Beinstingl

ehemalige Rauchküche mit Sparherd in einem Bauernhaus im Gschnitztal
© Tanja Beinstingl, 5. Juni 2004

Der Bauer betete etwas, griff nach einem Pickel, eilte in die Küche und fing an, den Herd aufzureißen. Da stieß er plötzlich auf etwas Hartes. Er hob dies weg und vor ihm lag ein reicher Schatz in einem Hafen. Dieser war voll von Goldstücken und Talern und anderen Münzen mit dem Gepräge aus der Zeit Ferdinand II. (1619 - 1637). Das Glück war gemacht und der Hof gesichert. Neugierigen teilte der Bauer alles mit, wurde wohlhabend, allgemein geachtet; kein Armer schied ohne Gabe von diesem Hofe!

Spuren der Schatzgräber  © Tanja Beinstingl

auch vor diesem Herd hat vermutlich ein Schatzgräber sein Glück versucht!
© Tanja Beinstingl, 5. Juni 2004

Hierüber bringt Praxmarers Erzählung "Die Verbrecher der Hochstraße" (3. Auflage 1909), Anhang, "Der Glückstraum des Meßnerbauern" Näheres.

Quelle: Aus der heimischen Sagenwelt, von P. A. Troger, in Tiroler Heimatblätter, 2. Jahrgang, Heft 4, Oktober 1924, Seite 5

Anmerkung: Jakob Grimm bemerkte: "Einzelne Träume wurzeln in der deutschen Volkssage so tief, daß man ihren Ursprung weit zurücksetzen muß, z. B. der von dem Schatz, welcher einem auf der Brücke angezeigt werden soll." (J. Grimm, Deutsche Mythologie, S. 1100).

vergleiche auch:

Der Traum vom Schatz auf der Brücke von den Brüdern Grimm 1816/18
Der Schatz unter der Brücke von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg 1861
Der Traum von der Zirler Brücke von Ignaz V. Zingerle 1891
Der Zirler Goaßer als Glücksbote von Karl Paulin 1972