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Die Siechenmutter zu St. Nikolaus

Nahe den gezierten Gräbern
An St, Niklaus Kirchenmauer,
Blickt das Bildniß einer Jungfrau
Trostreich in die Todeeschauer.
Rosen um das Haupt gewunden.
Strahlt sie, stärkend fromme Seelen;
Die Bedeutung will ich gerne Für die Nachwelt euch erzählen.

Nah dem Inn am Blumenhügel,
Wo Frau - Hütt in Wolken thronet,
steht das Haus der "Sondersiechen",
D'rin die Hiotbskrankheit wohnet.
Böser Aussatz, nicht zu heilen.
Macht er Herz und Brust beklommen.
War vom fernen Morgen lande Mit dem KreuMg heimgekommen,

Wer wills wagen in der Pestluft
Vater oder Mutter werden? -
- Ich! ruft laut ein Bürgermädchen,
Daß gelobt sei Gott auf Erden!
Ich bleib Mutter bis zum Tode
Theil mit ihnen meine Habe,
Denn mein Bräutigam ist Christus,
Ich - die reine Opfergabe.

Wie die Rose schön und munter
Blühet sie in stiller Klause,
Margaretha ist's, die fromme Pflegerin im Siechenhause,
Tag und Nacht zur Ehre Gottes
Betet sie und pfleget Wunden,
Und der Herr in seiner Milde
Macht der Kranken viel' gesunden.

Endlich starb die Siechenmutter
Himmelreif im späten Jahre,
Ihre Seele flog gen Himmel,
Und der Leib lag auf der Bahre.
Lag, ein Bild vom ew'gen Frieden
In der hölzernen Kapelle,
Denn das war der Siechenmutter
Stets die allerliebste Stelle.

Betend weilten ihre Kinder
Bei Margrethen Nackt und Tage,
Und es klang wie Abschiedläuten
Weit ins Thal die Todesklage;
Wanden rund ums Haupt ihr Rosen,
Legten ihr zur Seite Bilder,
Und - der Siechenmutter Antlitz,
Ward von Stund zu Stunde milder.

Roth von Wangen, roth von Lippen,
Lag sie da in schönen Träumen,
Rosenduft und edler Weihrauch,
Wehten lieblich in den Räumen.
Nach drei Tagen hoher Wunder,
Legt man sie nach Wunsch und Bitte,
Wo die niedrigsten der Kranken Lagen,
in der Gräber Mitte.

Legen vorher das Kreuz Christi,
Ihren Bräutigam zur Reise
In der Mutter kalte Hände,
Betten sie in Blumen leise.
Werfen drüber leichte Erde,
Pflanzen auf den Hügel Blumen
Gießen täglich es mit Thränen:
Seufzen - Beten - und verstummen.

Manch' Jahrhundert zog vorüber
Mit der Menschen Haß und Lieben
Von der frommen Margaretha,
War die Sage nur geblieben.
Eine Kirche ward gestiftet,
Statt dem Kirchlein arm von Holze,
Daß Sankt Nikolaus zu ehren.
Auf sie steig' mit heil'gem Stolze.

Um den Grund zum Bau zu graben.
Mußten viele Gräber weichen,
So auch das von Margarethen,
Doch der Himmel gab ein Zeichen:
Unverletzt lag sie im Grabe,
In der Jugend schönstem Prangen
Und die Rosen frisch erblühend.
Schmiegten sich um Schlaf' und Wangen.

Hark' und Schaust entfiel den Händen,
Weit und breit kam Volk zum Platze,
Kniet im Staub voll Demuth nieder,
Betend ob dem Kirchenschatze.
Rührt kein Steinlein von der Mutter
Rief begeistert laut die Menge,
Einen Bogen spannt statt Mauer
Nach der ganzen Grabeslänge.

Unter ernstem Sang der Hymen,
Schwang der Maurer seine Kelle,
Wölbte fleißig, bis zum Abend
War vollendet ihre Zelle.
D'rüber steigt empor der Kirche
Von Sankt Niklaus blanke Mauer,
- Solch ein Grundstein - wer kann zweifeln
Gibt ihr Stärke, Segen, Dauer.

Wieder sind zweihundert Jahre
Fast im Strom der Zeit verronnen
Doch am Grabe Margarethens
Quillt der gleiche Gnadenbronnen.
Sieche, Arme und die Kranken,
Die am Grabe da verweilen,
Finden Trost in ihrem Elend
Fühlen ihre Wunden heilen.

Quelle: Märzenveilchen, Johann Nepomuk von Alpenburg, Innsbruck 1855, S. 19ff