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"S' Schrattl"

Im Mittelgebirge um Innsbruck und Hall und hinab ins Unterinnthal - sowohl in Dörfern, wie auf Einzelhöfen - eben so auf den in den Bergen liegenden Alpen ist "d'Schrattl" oder "s'Schrattl" ein gefürchtetes Etwas, was noch kein Mensch gesehen hat, aber fürs Vieh gerade das ist, was für den Menschen die Trud ist.

Es sucht Kühe auf, welche es so drückt, daß sie dann den Kopf nicht mehr in die Höhe bringen, weil der rücken ganz gelähmt ist, "s' hat'n Schrattldruck kriegt", auch andere Gliedmaßen drückt d'Schrattl lahm.

Kommt's über Schweine, dann strecken sie alle vier Füße von sich und liegen wie tod da.

Auch Küniglhasen (Kaninchen) druckt es z'samm, und gar gerne die Hennen.

Schrattelgatter kennt fast jeder Bauer und ist leicht zu verfertigen mit fünf schmalen Spänen; von geweihtem Palmholz in ineinandergeschoben, hält das Schrattelgatter von selbst, ohne daß es braucht genagelt zu werden.

Hat man kein geweihtes Palmholz, so hat man sich auch mit anderem Palmholz, ja auch mit anderem Holz gut geholfen. Es scheint, daß dieses Schrattelgatter d'Schrattl gar nicht leiden mag; denn wenn man es im Kühstall oder wo immer ob der Thüre aufhängt und d'Schrattl sieht es, so eilt es flugs davon, als ob's zornig wär ob dem Gatterl, und man ist sicher. Daher soll es in keinem Stall fehlen, um so mehr, weils keine Unkosten macht, und wenns nichts nützt, so schadets auch nichts, meint der alte Windegger-Seap (Josef Rößler von Windeck am Tulferberg, Bauer von Aldrans bei Innsbruck.)

Man hat auch d'Schrattl geziehen, daß es andere Schäden im Stall mache, z. B. Zusammenhängen zweier Kühe in eine Kette, Vermeinungen und Verzauberungen beim Vieh; doch das scheint nur aus der Luft gegriffen, weil man keine sicheren Beweise hat. Das Drücken ist klar und wird von hunderten glaubwürdiger Leute bestätigt. Man hält dafür, daß das Schrattl ein paar Pratzen mit langen Fingern hat, fast krallenartig, daher entwischt nicht mehr, was es ergriffen hat. Soll bei Tag in den dichtesten Wald versteckt sein und nur bei der Nacht ausgehen, daher hat man es noch nicht gesehen und ist ein mysteriöses Ding.


Quelle: Mythen und Sagen Tirols, gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Zürich 1857, S. 369f