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Die Knappenlöcher am Höttingerberg

Im Jahre 1831 eröffnete das Ehepaar Johann und Katharina Kinth das Ofenlochbad. Sie empfahlen es für heilsam bei

1. rheumatischen und gichtischen Leiden,
2. bei Gelenksentzündungen, Katarrh, Verstopfung, Hypochondrie und Nierenleiden,
3. bei Strophulose und Rhachitis,
4. bei Hysterie und Kolik usw.,
5. bei Krätze, Herpes usw.,
6. bei allen Uebeln, wo es auf Steigerung des Lebens ankommt (wörtlich so!), nach Quetschungen und Beinbrüchen.

Das Bad kostete 4-6 Kreuzer, mit Handtuch 8 Kreuzer, in Privathäuser geliefert 12 Kreuzer. Die leihweise Beistellung einer Wanne noch 3 Kreuzer außerdem.

Dieses Ofenlochbad stand an Stelle des heutigen Volksbades Nr. 3 im Ofenlochgaßl, heute Badgasse. Das Badwasser wurde von Öllacher untertersucht und ergab in 4 Pfund Wiener Gewichts 6.31 Gran wasserfreie schwefelsaure Bittererde und 3,53 Gran wasserfreien kohlensauern Kalk.

Dieses so überaus heilkräftige Wasser erwähnt schon 1777 Crantz in seinem Gesundbrunnen der Österr.-Ung. Monarchie als aus dem Weinstockstollen im Höttingergraben stammend. Heute scheint es seine Heilkraft verloren zu haben. Diese Quelle speist nämlich die Wasserleitung im Kirschental und es ist mir nie aufgefallen, daß dort eine besonders gesunde Bevölkerung wäre. Oder sollten sich die dortigen Einwohner niemals baden?

Dieser eben erwähnte Weinstockstollen ist keineswegs ein natürliches Höhlengebilde, sondern ein Überrest von den vielen am Südhang der Solsteinkette verstreuten Bergbauen.

"Den Anlaß zu diesen Bauen gab wohl der nicht seltene Anflug von Malachit und Kupferlasur auf den schwarzen Kalken, die manchen Varietäten des erzführenden Schwazer Kalkes nicht unähnlich sind. Eingesprengt ist etwas Bleiglanz und Antimonarsenfahlerz, wie eine Lötrohrprobe ergab, welche Herr Wohnar ausführte. Zu einer quantitativen Analyse reichte das Material nicht aus." (Adolf Pichler, Verh. d. geol. Reichsanstalt 1888.)

Alle diese Gruben gingen auf Blei und Blenderze in Nestern und Putzen im Kalk und Fluhßpat. (Isser, Berg- und Hüttenmännisches Jahrbuch 1888. S. 226.) In der Tat liegt dort erzführender triadischer Muschelkalk teils zu Tage, teils verdeckt von jüngerem Moränenschutt.

Wann dort zum ersten Male Bergbau betrieben wurde, läßt sich scheinbar mit Sicherheit nicht mehr erweisen. Jedenfalls ist einem Bericht im "Tiroler Anzeiger", 1911, 6, Oktober, nicht viel Glauben beizumessen. Dort behauptet nämlich ein gewisser G. B. K., er hätte Anzeichen gefunden, die einen steinzeitlichen Bau erwiesen.

Die erste urkundlich sichere Nachricht, die mir bekannt ist, stammt aus dem Jahre 1479. 15. 9. (Staatsarchiv Wien). Albert Jäger erwähnt sie in seinen Beiträgen zur tirolisch - salzburgischen Bergwerksgeschichte 1875. Herzog Sigmund überläßt darin dem Peter Jenner zwei Kübel Arz, so er im Hötttnger Bach gewonnen, und erlaubt ihm, das Silber, so er daraus machen würde, nach seinem Gefallen zu verkaufen.

Der Höttinger Bach © Berit Mrugalska
Der Höttinger Bach kurz unterhalb der Weinstockquelle
© Berit Mrugalska, 29. April 2004

Albert Jäger glaubt, daraus auf Silberwäscherei schließen zu dürfen. Wenn man aber dagegen hält 1. daß nie sonst von Silberwäscherei die Rede ist und 2. daß Höttinger Bach und Höttinger Graben in den meisten Urkunden gleichbedeutend durcheinandergeworfen wurde, so erhält Jägers Ansicht zum mindesten einen argen Stoß.

Im nächsten Jahre wird dem Simon Phab, dem Ulrich Hutten und dem Ott Tischler der Bau einer Schmelzhütte bei Innsbruck bewilligt (1480).

Die erste einwandfreie Nachricht stammt aus dem Jahre 1501. Da wird St. Peter im Hettingerpach erwähnt (Wolfskron. Tiroler Erzbergbaue). Die Verwertung von Fahlerz, Galmei, Kies und silberhaltigem Bleiglanz erfolgte im Hüttwerch zu Mülein, dem heutigen Standsmannhaus, nahe beim Koreth.

Am 6. Mai 1517 befiehlt Kaiser Maximilian seinem getreuen Konrad Pien, Hutmeister zu Rattenberg, daß er mit dem Artzkauffer zu Swatz, Hieronymus Gabl, wenn sie beide zur Abrechnung heraufkommen, das Artz im Hettinger Pach und im Roßkopf in der Verwesung des Berggerichtes zu Hall gelegentlich besuchte und wenn's gut ist, dasselbe von den Gewerken dieser Bergwerke um ein entsprechendes Geld fürs Hüttwerch zu Rattemberg ankaufe und mit der Zeit und nach Stand des Amts bezahle . (Kopialbücher 1517, Antworten und Bevelch 247. Mir ebenso wie 1818, 39, 40, 49, 54, 77, 1631, 22, 31 gütigst mitgeteilt Von Herrn Schulrat Prof. Zösmayr.)

Der Knappensteig © Berit Mrugalska
Der Knappensteig am Höttinger Berg, Innsbruck
© Berit Mrugalska, 29. April 2004

Aus dem nächsten Jahre: Der Kaiser schreibt an seine Raitkammer zu Innsbruck, daß diejenigen, welche in seinem Namen das "Ertzt zu St. Peter in Hettinger Pach" von den Gewerken ankaufen, dies viel zu nachend tun, so daß sie für 1 Star Sturfglas, das wohl 8 oder 9 fl wert ist, nicht mehr als 18-17 Pfund Berner gäben und noch dazu die Bezahlung von seinem Hutmeister lange Zeit nicht erhalten, ihm nachlaufen und Kosten aufwenden müssen. Deswegen und aus Not werden die Veldörter unbebaut gelassen, was nicht sein darf; damit nun das Bergwerk im Hettinger Pach wieder geweckt und die Gewerken wieder zu Bauen bewogen werden, so soll, das "Glasartzt" in Zukunft nicht so nachend, sondern nach der Probe des Schweizer Erzes gekauft werden, so daß, wenn diese für den Zentner auf 6 Lot stehen, man 11 Pfund dafür geben, wenn aber "das ettlinger Glasartzt" 12 Lot halte, so müsse man ihnen 22 Pfund dafür geben, aber schneller als bisher, damit das Bergwerk, welches sein lieber Vetter und Fürst Erzherzog Sigmund zeit seines Lebens so lieb gehalten, daß er deshalb die Hütten zu Mullin gebaut habe, nicht erliege. - Gegeben zu Augspurg, den 28. L. 1518. (Copialbücher, Geschäfte vom Hof, 81.)

Aus dem Jahre 1532 hat sich eine Bergwerksordnung erhalten. Die H. S. ist unter F. B. 12.209, Nr. 4, im Ferdinandeum zu finden. Die 31 Punkte enthalten nichts, was in anderen Bergwerksordnungen nicht auch zu finden wäre.

1549 werden bereits die Stollen bei St. Christoph, Weinstock, St. Johann, Barbara und Möslin genannt. (Cop. 1549 Gem-Miss. 724.)


1550 wird den Georg Resch, Wilhelm YgI und Hannes Reichart erlaubt, das alte Glasbergwerk bei St. Helena im Grafenmarkt (Gramart) zu erheben. Auch ein jährliches Hilfsgeld von 200 fl wird ihnen bewilligt. Der Erzgang wurde erst erreicht, nachdem man 25 Lihen (332 Meter) weit durch "Naglstein" gegraben hatte.

In Ettenhards Bergwerksbuch 1556 heißt es:

"Hettinng ligt gerad gegen Ynnsprugg yber. Vnnd sein im Hettinnger Perg auch vil gruben; darbei Silber und Bleiarzt gebrochen und noch vor augen. So ist auch vonn Hettinnger perg nit weit hinab gegen dallwerdts ein ort genanndt Grasenmardt, daselbs ist auch ein alts perckhwerch unnd ist hoffentlich ain Gottsgab zuerpauen. Hat den rinngen wexl, als von der marckh Silber 30 kreutzer unnd ist yeder Gruebenmaß zwischen Fürst und Sol fünnfzehen Klaffter."

1621. 1. Juli: Die Kammer an den Faktor zu Schwaz Georg Gschwendtner wegen Belegung und Fortbauung des Bergwerks im Hetingerpach, nach, dem es derzeit nicht tunlich sei, die dortigen Gebäude zerliegen zulassen, weil daselbst noch ein gut Glas- und Bleierzbrechen vorhanden sei, man dasselbe Erz auch im österreichischen Handel vermängelt... (Coo. 1621. Gem.-Miss. 961.)

Am 5. August desselben Jahres wird an die Kammer berichtet, "daß einige Hoffnung vorhanden ist und es für tunlich erachtet wird, sich mit dem österreichischen Handel zur Mitgewerkschaft einzulassen." (ebda 1191.)

Bald darauf erklärte sich Bürgermeister und Rat zu Innsbruck bereit, bei dem Bergwerk im Hetingerpach neben dem österreichischen Handel zwei Neuntel mit zu verbauen. (Cop. 1622, Gem.-Miss. 158.)

1631 ist ein Freigrübler im Hettingerpach namens Wolfgang Zäch in Geldnöten. Ihm wird "von neuem an Inflet und Eisenzeug" mit 3 fl 56 kr. ausgeholfen. (Cop. 1631. Gem.-Miss. 1043.)

Dann hört man 130 Jahre lang nichts mehr. Erst Josef v. Sperges schreibt wieder davon: (Tyrolische Bergwerksgeschichte, Wien 1765.) "Es wird allda noch gebauet."

Beachtenswert ist das Gutachten des Johann v. Erlach an den Landesgouverneur v. Sauer aus dem Jahre 1787. (HS im Ferdinandeum F 2686 Fol. 151.) Es heißt da: "Silber-, Kupfer- und Bleibergwerk am Höttinger Berg unterinntalischenschen Kreises.

"Daß jemals an diesem nächst der Stadt Innsbruck gegen Mitternacht liegenden hohen Gebürg ein ordentliches Bergwerk existieret wäre, ist aus denen ante actis nicht, wohl aber soweit zu erheben, daß viele Gruben Gelände von verschiedenen Partikularen empfangen und gebauet, auch hierin Ertzte von unterschiedlichen Metallen Gehalt, als Silber, Kupfer und Blei erobert worden seien; daß aber die Gänglen nur schmal und nicht fertig, auch die Erzte sehr absätzig sind.

"Von den letzten Zeiten weiß man eben, daß von Privatgewerken hie und dort alt verfallene Gruben eröffnet und eine Zeit bearbeitet worden, welche doch jedesmal wegen der Schmäle der Gänglen und Absätzigkeit deren Erzten mit Verlust von den weitern Bau haben ablassen müssen. Es scheinet demnach:

"Wohl nicht rätlich auf die Erhebung dieser altverlegenen Gruben Gebäuden einige Kosten anzulegen."

1806 schreibt Wilhelm Edler von Senger im Sammler (I. S. 98):

"Es ist nicht lange her, daß einige Private die Gewältigung dieses alten Baues versuchten. Allein die vielen Verhauungen schreckten sie bald wieder von diesen Unternehmungen ab."

Die Letzten, die an diesen mehr als 300 jährigen Stollen tätig ihr Glück versuchten! In der "Volks- und Schützenzeitung" (15. 1. 1869) findet sich zwar die kurze Mitteilung:

"Dem Vernehmen nach soll von einer Gesellschaft der seit unbekannter Zeit aufgelassene Bergbau im Höttinger Graben wieder aufgenommen werden."

Ebenso wurde vor ungefähr zwei Jahren (1922?) wieder das Schurfrecht für dieses Gebiet von einem Innsbrucker erworben. Weiter als bis zu einer Vermessung (im letzten Fall nur der "Oberen") scheint es in beiden Fällen nicht gekommen zu sein.

So läßt sich die Erzgewinnung in dieser Gegend über drei Jahrhunderte, von 1479-1806 verfolgen. Dabei lassen sich fünf Gruben (im Höttinger Graben allein) nachweisen.

1. Weinstock - St. Helena im Gramart - "untere". Wird das erstemal 1560, da aber schon als alter Bau erwähnt. Dieser Stollen wird im "Tiroler Boten" 1832, S. 48, von einem gew. Feuerstein beschrieben. Er gibt den Hauptgang als 600 bis 800 Klafter (das sind 1 bis 1.2 Kilometer) lang an.

Weinstockquelle III © Berit Mrugalska
Der heutige Eingang der Weinstockquelle III
© Berit Mrugalska, 29. April 2004

Eingangsschild © Berit Mrugalska
Weinstockquelle III, Eingangsschild
© Berit Mrugalska, 29. April 2004

Stollen(Quellen?)eingang © Berit Mrugalska
Unterhalb des Weges, ca. 100 m von der Weinsockquelle entfernt,
ein weiterer Stollen(Quellen?)eingang

© Berit Mrugalska, 29. April 2004

2. Mösslin - St. Peter u. Paul-Gottbrat-hl. Dreifaltigkeit-"obere Knappenlöcher". Die erste Urkunde schrieb ab Noel in seiner Sammlung "Bergwerksverleihungen in Unter- und Oberinnthal von Anno 1628 - incl. 1696. (H. S. Dip. 423 im Ferdinandeum) Fol. 3.:

Adi den 23. Tag Juni, 1629 empfahen die Edl und vesten H. Jakob Göbhart, d. Hochfürstl. dht. Erzh. Leopoldi zu Oesterr. u. v.-ö. Kammer Raithrath Pandalion Schiestl, Herr Christoph Empl und H. Hans Ainzinger zwen alte verlegne geben und dann noch ain pau, die konfftig die H. werden umschlagen. Liegen im Höttingerbach, ligt der alte Haubtbau etwas ob den Weinstock aus d. linggen Hand yb d. bach, hat anvor bey St. Johannes gehaisen. Lassen den bey sein alten nammen verbleiben. Den andern alten Bau, so anvor die Mösslin gehaißen, nennen den aniedsto bey St. Peter und Paul. Den 3ten so aufzuschlagen bey St. Ursula. Solche drey gebeh seyn Ihnen Herrn verliehen zu Ihren Rechten und Gerechtigkeiten, wie Bergwerksbrauch und die Erfindung vermag. Gwerchen Thailler: Panta. Schiestl 12 Viertel, Jak. Göbhart 8 Viertel, Empl 8 Viertel, Hans Anzinger 8 Viertel, das ist gleich 36 Viertel.

3. St. Johannes. Der Eingang zu diesem Stollen wurde 1908 vom Verschönerungsverein vermauert, als er den Weg von Gramart zum Höttingerbild anlegte. Der Stollen ist aber noch durch den "Weinstock" über den "Wasserfall" und den "Steigbaum" in einer halben bis drei Viertelstunden zu erreichen. (Für rasche und ortskundige "Schlieser".)

4. Zu Unser lieben Frauen Geburt. Ist in den Urkunden zwischen 1651 und 1656, in der freien Natur etwas unter dem "Herzwiesele" zu finden. Hiezu gehörten "siben Schermb-und Saigergebey".

5. St. Peter und Paul. "Den 9. May 1654 empfahen Mattheus Lang, Simon Schwandtin und Michael Schwab von Telfs ayn Neyschurff im Höttingerberg ob dem albensteig, so durchgehet auf Hochpleiß, den nennen, sie zu St. Peter und Paul, welcher Neyschurff ist Ihre verliehen
zu….(wie oben 1629.) (Noel Fol. 105.)

Überreste dieses Stollens konnte ich noch nicht finden.

***

Zwei Reiseführer gibt es, die diese Bergwerke erwähnen, die heute unter dem Namen "Knappenlöcher" schlechthin bekannt sind: Der eine ist der Naturführer durch Tirol von Dalla Torre (Berlin, Junk 1913) und der andere: Beda Weber, Das Land Tirol, ein Handbuch für Reisende, 1837. Im ersten Band, G. 367, steht zu lesen:

"Gerade östlich vom Höttinger Bild auf der Ostseite des Baches befand sich die Brunnenstube zur Kaiserkronbadheilquelle in einem unterirdischen, durch mancherlei Gewölbe und Gänge durchschnittenen Höhlenraum, der wahrscheinlichen Betriebsstätte eines ehemaligen Bergwerkes. In mehreren dieser Gewölbe zeigt sich der herrlichste Tropfstein an Wand und Decke, wie vom schönsten carrarischen Marmor gebildet, durch stets rege Feuchtigkeit in schimmerndem Glanze erhalten. Die von oben herabhängenden Tropfsteinzapfen nehmen sich besonders zierlich aus. Der Hauptgang dieser Höhle ist durchaus gefahrlos, nur an zwei Stellen etwas unbequem, weniger die Seitengänge, wo man sich schwer verletzen könnte."

Und trotzdem, wer ist in Innsbruck oder gar in Hötting aufgewachsen und hätte nicht seinen Entdeckerdrang im "Finis" befriedigt oder mit neugierig-gruseligen Gefühlen ins "Nixenloch" hinabgeschaut?

Knappenloch © Berit Mrugalska
Eines der Knappenlöcher am Höttinger Bach
© Berit Mrugalska, 29. April 2004

Siehe auch Das verfluchte Goldbergwerk beim Höttingerbild

Siehe auch Der Achselkopf auf goldenem Fuße

Quelle: Die Knappenlöcher am Höttingerberg, Kurt Walde, in: Tiroler Heimablätter, Heft 2, Innsbruck 1924, S. 3ff.