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Innsbruck (Reisebericht 1876)

Bevor wir uns abermals über den Inn hinüber verfügen, um verschiedene Herrlichkeiten, von denen uns auf den Gipfeln der Kalkberge ein dämmerig-glänzendes Bild aufgegangen ist, in der Nähe zu betrachten, wollen wir doch einen Blick auf und in die anmuthige Landeshauptstadt werfen, an deren weitgelagerten Häusern wir nun schon mehrmals im Fluge vorbeigekommen sind.

Von den Tiroler Städten hat Innsbruck das am meisten "moderne" Aussehen. Man findet dort zwar Gebäude, welche das bürgerliche und behäbige Wesen des Mittelalters zur Schau tragen, andere, die ihrer Bauart nach als Wirthshäuser an irgend einer Straße des Berglandes stehen könnten und dann wieder Zinshäuser-Straßen, deren Charakter unsrer Nützlichkeits-Periode wohlthuend zusagt. Es giebt Viele, welche die Stadt vornehmlich dieser Straßen wegen die schönste des Landes nennen. Geräumige Läden, glatte Trottoirs, Rechtwinkeligkeit bieten dem Bürger des neunzehnten Jahrhundertes ästhetische Genugthuung.

Innsbruck, Goldenes Dachl © www.SAGEN.at

Goldenes Dachl in Innsbruck

Ein Phantast und Antiquitäten-Krämer möchte behaupten, gewisse "alte" Winkel von Innsbruck oder Trient gäben dem Nachdenken oder der Einbildungskraft mehr Stoff als ganze Stadtviertel, welche der Architekt im Auftrage von "Geschäftsleuten" baut. Indessen wird zu Innsbruck das allzu moderne, glatte, aufklärerisch-nüchterne Aussehen der neuen Stadttheile durch manche mittelalterliche Staffage, insbesondere durch viele Kutten, denen man begegnet, angenehm abgeschwächt.

Im Ganzen dürfte Innsbruck den Eindruck einer "künstlichen" Hauptstadt machen. Man sieht viele Honoratioren, aber keinen rechten Geschäftsverkehr. An eigentlich städtischem Wesen, an Wohlhabenheit, unabhängiger Gesinnung dürfte seiner Zeit, wenn nicht heute noch, vielleicht Bozen vor dem größeren Innsbruck Einiges voraus gehabt haben.

Prächtig ist das Thal, in dem sich die Stadt zu beiden Seiten des Flusses ausbreitet. Diese Lage kann sich an Schönheit mit allen leichter zugänglichen Landschaften messen. Durch die Morgen und Abende schimmern die feinen Gebirge des Thales bald wie Vergißmeinnicht, bald wie Blutnelken hindurch. Unbeschreiblich ist besonders die Glorie, welche von Selrain zur Martinswand hinüberlodert, wenn die Sonne im Dufte von Ober-Innthal versinkt.

Von den Gärten der nördlichsten Vorstadt steigt man rasch zu Alpenmatten hinauf und gelangt in graue Kare, in deren Klüften oft die Nebelballen wie eingekeilte Lawinen-Reste festsitzen. Und das zu überschauen, ist die Brücke der rechte Ort. Unter dem Beobachter rauschen die Wirbel des Stromes, worin die von den Eisfeldern gelösten Wellen zum Meere ziehen, und von allen Seiten erheben sich hohe Berge, welche diesem Zuge zuschauen. An einer anderen Stelle haben gelehrte Gärtner den Reiz des Thales erhöht. Eine Menge Pflanzen, die auf den kalten Höhen daheim sind, gedeihen im "botanischen Garten" und bilden mit den zusammengetragenen Felsstücken ein Miniatur-Lebensbild jener Wildnisse.

Der verschiedene architektonische Charakter der Stadt prägt sich insbesondere auch in den Häusern aus, in welchen der Fremdling Obdach und Herberge findet.

Innsbruck © www.SAGEN.at

Innsbruck

Die Anspruchsvolleren gehen in jene "Hotels" mit den glatten Außenseiten und den französischen Aufschriften, wie sie aller Orten stehen, die Anderen in gemüthliche Häuser mit Erkern und Nebenstübchen, mit guter, freundlicher und billiger Bedienung. Von solchen befinden sich mehrere auf dem linken Ufer des Flusses, aber auch diesseits sind sie noch nicht völlig von jenen anderen kalten und ungemüthlichen Anstalten verdrängt worden.

Auf die Frage, was ein Fremdling, wenn er mehrere Tage lang in der Hauptstadt zubringen will oder muß, anstellen soll, geben ihm zunächst die Reisehandbücher Antwort, indem sie ihm die Kunstschätze und Sehenswürdigkeiten bezeichnen.

Wenn er diese überstanden hat, so möge er sich in den Schatten der Baume des Hofgartens setzen, woselbst er auch im Winter seinen Mokka im Hauche eines Treibhauses schlürfen kann - welchen Genuß ihm dreißig Mal größere Städte vorenthalten. Auch versäume er es nicht zum Berg-Isel und der weiter oben sich eröffnenden Aussicht zu pilgern, ebensowenig sollte das besonders durch Philippine Welser berühmte Schloß Ambras vernachlässigt werden.

Mit Hilfe der Eisenbahn ist Absam, von wo sich einzelne der Stubaier Ferner sehr hübsch betrachten lassen, rasch zu erreichen - dem Unternehmenderen aber empfehle ich Heilig-Wasser in hohem Walde und einen Spaziergang von dort nach Patsch, auf welchem Wege die Stubaier Eiswelt ein wundervolles Bild bietet.

Den zahlreichen Liebhabern stärkender Getränke sind die Quelle böhmischen Bieres am Bahnhof oder der schattige Wein-Garten des Delevo in der Neustadt zu empfehlen, wenn sie nicht vorziehen, sich ähnlichen Genüssen beim "Bierwastl" am kühlen Gestade des Inn sich hinzugeben.

Im Uebrigen werden auch trockene Spaziergange im Inneren der Stadt durch das Fremdartige, was an Trachten und Aehnlichem durch den örtlichen Verkehr des Landes hierher gezogen wird, dem Reisenden, insbesondere dem nordischen, mancherlei belehrende Anregungen und Vergnügen bieten.

Innsbruck, Stadtplatz © www.SAGEN.at

Stadt-Platz in Innsbruck

Doch jetzt beeilen wir uns, diejenigen Gletscherbilder aufzusuchen, welche zunächst an Innsbruck liegen und von der Stadt aus in einem Tagesgange erreicht werden können.

Wir übergehen den im vorigen Bande angedeuteten Weg nach der Oeffnung des Selrainer Thales zwischen Axams und Oberperfuß und versetzen uns an die Ueberfuhr bei Zirl, an das Gestade des Stromes, der vom Gletscherschlamm jetzt grau gefärbt, hochwogig an uns vorüberfluthet.

Es ist die Zeit, in welcher die Kirschen reif an den Bäumen hängen und der Mais schon so hoch steht, daß er einen Menschen überragt, welcher durch die schmalen Feldwege geht.

Wir schreiten über den Bach, der milchig aus der Zirler Klamm, von mitgeschwemmtem Kalk gesättigt, zum Vorschein kommt, und gelangen vor dem Inn mitten in ein wälsch anzuschauendes Gestrüpp - so wie der Niederwald auf den Kalk-Halden um den Gardasee herum ausschaut - in ein Wirrsal von Hippophaë und Kreuzdorn, von Heckenrosen und Wolfsmilch, in welchem kümmerlich aussehende Rinder weiden.

An dem schnurrenden Seil über den Strom zu fahren, dessen Wellen pfeilschnell, daß Einem schier schwindelig wird, an den Fähren vorübersausen und in den heißen Sommermorgen hinein die Kälte aushauchen, die ihnen von den großen Eislagern gegeben worden ist, mochte als ein lustiger Anfang der Wanderung betrachtet werden können.

Am jenseitigen Ufer lagen damals Eisenbahnschwellen aufgeschichtet, zur Versendung auf dem Flusse bestimmt, dem Wanderer den Holzreichthum des Thales andeutend, dem er selbst entgegentrachtete. Im Uebrigen hat das Ufer ganz und gar das Aussehen, wie es den Gestaden eines wassermächtigen Gletscherstromes zukommt. Da sind Auen, deren Boden aus mehlfeinem Sand, Schlamm oder Moor besteht, mit stillstehenden und fließenden Wassern, Sackgassen des jähen Stromes draußen, mit versickernden Seitenbächlein, inselhaft abgetheilt, mit Pfaden, die unter dem Tritt nachgeben wie eine Stahlfeder, mit Prügelsteigen über glasklare Tümpel, bewachsen mit dichtem Weiden- und Erlengestrüpp.

Wenn das Gestrüpp ausschaut wie wälsches Strauchwerk auf den entblößten Hängen des mittäglichen Landes, so hat auch der wirkliche Wald, den wir in der Richtung von Oberperfuß erblicken, etwas Südliches. Die Föhren stehen, nach ihrem Alter, staffelweise übereinander, Palmen- oder piniengleich, so daß mehrere Stockwerke von Baumwipfeln da sind, von denen das eine das andere überwölbt - wie wir dergleichen auch schon anderweitig an den Föhrenständen des nördlichen Kalkgebirges wahrgenommen haben.

Schloß Ambras © www.SAGEN.at

Schloß Ambras

Nach Unterperfuß (dem ersten Dorfe, das wir auf diesem Ufer des Inn erreichen) kommt ein Theil der Melach, des Gletscherwassers, das von den Eisfeldern, denen wir entgegengehen, herabkommt, sausend in einem schnurgeraden gemauerten Kanal, herein, den wohl die Noth anzulegen gelehrt haben wird, da der Melachbach unter die gefährlichsten Tributpflichtigen des Innstromes gerechnet wird, obwohl es auf diesem Ufer an solchen Wütherichen von Flauerling an bis gegen Stams und zur Oetzthaler Ache hinauf keineswegs fehlt.

An einem sonnenhellen Hochsommertage, wo die Welt so farbenreich und bunt sich regt, durch eines dieser innthalischen Dörfer zu pilgern, möchte Malern dringend zu empfehlen sein. Bleiben wir Beispiels halber mitten in Unterperfuß stehen und halten Umschau nach den nächsten besten Gegenständen, welche uns umgeben.

Philippine Welser © www.SAGEN.at

Philippine Welser

Da erhebt sich vor uns eine rothe Martersäule, blutig roth, doch nicht so roth wie die Kirschen an dem Baume, der sie gegen den Mittagsbrand mitleidig überschattet. Die nächste Umgebung ist theils anziehend, theils nicht, in welch letztere Ordnung ich die Menge von Brettern einreihe, die waldduftig aufgehäuft sind und aus der lärmenden Säge kommen. Das graue Gletscherwasser dagegen, welches bemeldete Säge in Bewegung setzt, ist durch seinen Farbengegensatz mit dem grünen Rasen, durch den es rennt, schon ein Gegenstand, auf welchem die Augen nicht ungern verweilen. Wie da, aus der festgezimmerten Arche, durch welche sie seitwärts gebändigt werden, die Schaumwellen aus der schiefergrauen Fluth emporspringen, als wollten sie die grünen, großen Birnen mit sich fortreißen, die von den tief geneigten Aesten des Baumes gerade über ihnen hängen.

Der weiße Kalk des Hauses schaut nur an einzelnen Stellen durch das dichte Spalier der Aprikosenäste, welche die Mittagsseite umklammern. Doch ist eine große eiförmige Freske, welche in grellen Farben eine heilige Frau darstellt, von ihnen freigelassen.

In der Wiese, durch welche der Bach rennt, dessen Schaumwellen und kühler Hauch dem Kundigen sofort die eisige Heimat verrathen, blüht es roth und himmelblau und golden durcheinander, wie es eben in der lieben Sommerszeit der Brauch ist. Ueber diese vielen Blumen und das hohe Gras hinweg, durch die Wipfel der Obstbäume hindurch dringt der Blick auf die graue Martinswand und erkennt in der Grotte, in welche den Kaiser die Mythe versetzt, das Crucifix und den schmalen Pfad, der zu dem hohen Orte führt. Zu anderer Zeit, wenn durch Regenwolken hie und da ein matter Sonnenstrahl siel, sah ich die nämliche Wand wie grauen Atlas glänzen.

Sofort außerhalb des Dörfchens Unterperfuß geht man (wobei man es mit dem Wege nicht genau zu nehmen hat) gerade gegen Süden die Wälder hinauf, bei welchem Streben man binnen einer halben Stunde an irgend einem Punkte auf die Hochfläche gelangt, auf welcher sich das Dorf Oberperfuß, ausbreitet.

Man gelangt also aus der Region der Gärten, der Wiesen mit den blauen und rothen Blumen, aus dem Thale, in welches von Westen her aus Sonnenflitter der Mundi mit seinem geisterbleichen Scheitel hineinwinkt, durch Hohlwege, in welche Föhrenschatten fällt und worin Haselnußsträucher, hohe Farren und Glockenblumen gedeihen, auf die freie Hochebene, auf welcher die uns schon von früheren Wanderungen bekannte Heimath des kunstfertigen Peter Anich sich befindet.

Denkmal Kaiser Maximilian © www.SAGEN.at

Relief vom Denkmal Kaiser Maximilian's in der Franziskanerkirche zu Innsbruck

Diese Hochflächen sind eine besondere Eigenthümlichkeit gewisser Theile des Innthales und gehören zu seinen hervorragenden Schönheiten.

Besonders anziehend ist der Anblick der nördlichen Kalkwände, die so steil zum Innthale abstürzen. Solstein, Wetterstein und wie sie alle heißen die grauen Leichensteine, in welchen die seltsamen Thiere der Trias-Welt eingebettet liegen, das hohe Dörflein Reith, an dem wir so oft vorübergekommen sind, geben hier ein überraschendes Längen-Bild. Aber auch die anmuthigen nächsten Umgebungen, das hohe, durch eine Fichte gekennzeichnete Belvedere dort, die schwarzen und rothen Kirschen, die über dem rauschenden Mais hängen, die Zaungassen durch die Wiesen, aus denen die Nelken hervorleuchten, die gelben Getreidefelder, die Buntheit, würden diese Höhen zu einem sehr entsprechenden Wanderziele machen, wenn man von ihnen auch nicht das weite Innthal und die Reihe der Nordalpen von den Arnspitzen in der Leutasch bis zum Eingänge in's Zillerthal hin aufgeschlossen sähe.

Von Oberperfuß an (wo jetzt auch schon der Wirth durch sogenannte Verschönerung der Außenseite seines Hauses dem gebildeten ästhetischen Bewußtsein der Wanderer ein Opfer gebracht hat) hört der holperige Fahrweg auf, und es beginnt ein Steig, der bald durch Wiesen, bald an steilen Waldhängen hoch über der Melach sich in's Selrain hineinzieht.

An dem beschriebenen Wandertage, wo bald die Sonne heiß auf die feuchten Halden brannte, daß sie einen wohlduftigen Qualm von sich gaben, bald aus der Ferner-Gegend durchglitzertes Regenwehen herüberlangte, erschienen die Beleuchtungen im sommerprächtigen, walddunkelen Thale besonders mannichfaltig und lebhaft. Gelbes Getreide vor schwarzem Fichtenhintergrund, Zäune, die unter den daran wuchernden Blumen fast verschwinden, weiße Kapellen und Bienenstücke am Rande der Waldwiesen, unten das bald beschattete, bald aufblitzende Gletscherwasser brachten Abwechslung in die eintönige Hoheit des Thal-Einganges.

Mit einem Male sehen wir neben der grauen Fluth unten, über die Wiesen hin ausgebreitet, noch etwas Anderes liegen als herabgewetterte Steinblöcke - etwas Weißes, schon durch die blendende Farbe von Glimmerschiefer-Trümmern unterschieden.

Es ist Wäsche, welche dort trocknet, und Leinwand, die gebleicht wird.

Das Selrainer Thal besorgt die schmutzige Wäsche für den größten Theil der vier bis fünf Stunden entfernten Landeshauptstadt Innsbruck.

Daß die mit dem Waschen zusammenhängenden Beschäftigungen und Einrichtungen im Allgemeinen poetisch seien, wird Niemand glauben und es hat sich sogar unter den Poetastern der Zopfzeit, welche alle möglichen Hantirungen zu "Lehrgedichten" verarbeiteten, keiner gefunden, welcher in so und so viel Gesängen sich der Wäscherinnen angenommen hätte. Und doch bewirkt hier die Umgebung, daß man sich versucht fühlt, das Treiben zu malen.

Hier steht, mitten von hochgewachsenem Hanf umgeben, eine Waschhütte. Man hört das Geplätscher, den klatschenden Ton der geklopften Wäsche, so sehr auch heraußen die Hühner, von dem Herannahen unseres Hundes erschreckt, um das Blockhaus herum gackern. Drüben stürzt ein Wasserfall durch Fichten den Mädchen entgegen, welche singend zum Bach hinabschreiten, um die Linnen, welche hier oben, im Blockhause, aus der Lauge hervorgezogen worden sind, in die reine Eisfluth einzutauchen. Wie Milch und Blut erscheinen die Gesichter, und die entblößten Arme der Mädchen müssen den Neid städtischer Koketten herausfordern.

Eines der Mädchen bietet uns, nachdem wir an die Fluth hinabgestiegen sind, um zu betrachten, einige Blüthen der vanille-duftigen Prunelle (Artemisia mutellina) mit den Worten: "Magst keine schmeckenden Büsch?" und es reicht sie so ungeziert freundlich hin, daß die jungen Comtessen, die sich dort drüben, im Bade "Rothenbrunn" in der Sommerfrische aufhalten, es von ihrer Hofmeisterin kaum besser gelernt haben können.

Mir scheint, ich habe dieses Mädchen und ihre Genossinnen öfter in der Stadt gesehen, wie sie mit schweren Päcken beladen in die Häuser gingen, um mit eben so schwerer Ladung wieder zurückzukehren. Man mußte aber sehr früh auf der Straße gewesen sein, um sie mit ihren Wägelchen ankommen zu sehen, und noch später in dunkler Nacht auf dem holperigen Thalwege, um ihre Rückkehr von dem harten Tagewerke des Austragens zu beobachten.

So gut sich auch die kräftigen Gestalten der Mädchen und Frauen wie der Männer in städtischer Umgebung ausnahmen, so sehe ich sie doch noch lieber hier.

Dort rastet eine der Wäscherinnen, nachdem sie ihre Linnen aus dem eiligen Bach gezogen, unter welchem die überströmten Blöcke wie von Glassmalt zugedeckt hervorschauen, um sich ein wenig gegen die Sonne zu schützen, die wieder einmal allzu wohlmeinend in die Tiefe herabscheint, neben einer Waldkapelle, an welcher eine traurig, schier blöd dreinsehende Heilige Jungfrau steht. Sie stützt ihren Kopf auf einen Gneißblock, eben wie ein Tisch, der, verschiedenen Spuren nach zu urtheilen, vor vielen Jahrtausenden als irrendes Stück von den damals mächtigeren Gletschern hier abgelagert worden ist. Und tausend Fuß weiter oben auf grünem Plane winkt, vielen Andächtigen ein Pilger-Ziel, das Kirchlein des heiligen Quirinus.

Ich setzte mich auf den ebenen Gneißblock, zu dem die trübselige Madonna herüberschaut, neben das aufrauchende Wasser, über dem der Steg zittert, und neben das rastende Mädchen, das seine dunkeln Augen auf die weißen Tücher heftete, die von ihm selbst auf dem grünen Ufer ausgebreitet worden waren. Der Lärm des Gletscherwassers, vermengt mit dem des gegenüber abstäubenden Wasserfalles, hemmte das Gespräch, das ich zu unterhalten mich anstrengte, ein wenig - doch nicht hinlänglich, um mir nicht einige Aufklärung über die Schicksale der vor mir ausgebreiteten Linnen und ihrer Besorgerinnen zu verschaffen.

"In jene Waschhütte dort beim Hanffeld," so sagte sie unter Anderem, "wird die Holzasche hineingeschleppt, die wir auf manchem saueren Gange einsammeln. Daraus machen wir unsere Lauge, dort arbeiten wir Winter und Sommer. Die Arbeit bleibt sich gleich - aber das Trocknen ist nicht immer so lustig, wie jetzt auf dem Gras da."

"Wie wird es damit im Winter gehalten?" frug ich.

"Da trocknen wir in unsern Stuben, die wir zu diesem Zweck stärker als gewöhnlich heizen."

Ich schauderte bei der Vorstellung von dem Eindrucke, den eine solche Stube hervorbringen muhte. Bin ich doch oft genug während des Winters in Bauerngemächern des Hochgebirges gewesen, welche gegen frische Luft verschlossen sind wie der Inhalt einer Sardinenbüchse. Stellt man sich zu den langen Wollstrümpfen, ledernen Hosen, Schweinsblasen, Kitzfellen, die am Ofen trocknen, auch noch mehrere Reihen von Hemden vor und nimmt dazu den Wohlgeruch des landläufigen "Tabakbrennens," so müssen die Lehren der physiologischen Chemie, welche darthun, daß der Mensch zum Athmen einer gewissen Menge von Sauerstoff bedürfe, als gänzlich unhaltbar angesehen werden.

"Ihr müßt Euch doch ein hübsches Stück Geld ersparen," bemerkte ich, um das Gespräch auf eine andere Seite des Gegenstandes hinüberzulenken.

"O, von dem Gelde, das wir erlösen, kommt das wenigste als Guldenzettel in's Thal herein. Bei uns wachst nichts - also nehmen wir statt des Geldes Mehl, Schmalz, Getreide und brauchen kein Fuhrlohn dafür auszugeben, weil wir ohnehin mit unseren Wäschwagen hereinfahren müssen."

"Und diese Arbeit besorgt Ihr Mädchen und Arbeiter allein?"

"Gewiß nicht! Die Männer und Burschen helfen fleißig mit. Sie waschen und bleichen, wie wir. Seht nur dorthin!"

Bei diesen Worten deutete sie über einen Zaun hinüber, jenseits dessen ein Mann sich mit einigen Hölzern beschäftigte, welche der Bach zwischen Felsblöcke eingekeilt hatte - es war also ein Mensch, der dem "Holztreiben" oblag - gleich hinter ihm aber sammelten zwei andere getrocknete Wäsche von der Wiese, einer im Walde geöffneten Rodung.

"Wie kommt's aber, daß die Innsbrucker Frauen nicht in der Stadt, sondern bei Euch waschen lassen?"

"Das ist bald erklärt. Erstlich kostet in der Stadt das Holz viel mehr als bei uns da (dabei deutete sie auf den summenden Wald, der uns auf allen Seiten umgab) und dann gebrauchen wir keinen Chlorkalk und wie alle die anderen Mittel heißen, durch welche das Weißzeug zwar schnell gewaschen, aber sicher zerstört wird. Und dann geben wir uns mit aller Wäsche die gleiche Mühe. Wir waschen das Hemd eines Schlossers so blühweiß wie das eines Prälaten. Weil uns das Holz und die Wohnung so wenig kosten, können wir unsere Arbeit auch viel billiger geben, als die Wäscherinnen in der Stadt."

"Aber die Mühe des Hinausbringens und dann Euere Zehrung in der Stadt?" wandte ich ein.

"Was die anbelangt, so kann sie nicht in's Gewicht fallen. An Mühen aller Art ist ohnehin Jeder gewohnt, der in einem solchen Thale wohnt, und die Zehrung ist nicht bedeutend, weil wir uns lange vor Tagesanbruch aufmachen, damit wir am Abend wieder heimkommen und nicht über Nacht auszubleiben brauchen. Und wenn es doch vorkommt, so geschieht es nie in einem Wirthshause, sondern an anderen Orten, wo es uns nichts kostet."

Das Alles war ziemlich einleuchtend, und ich konnte es nicht unterlassen, den Auseinandersetzungen der jungen Person beizupflichten.

"Die Hauptsache bleibt aber das da!" nahm sie das Wort wieder, indem sie auf das vor uns vorüberbrausende Wasser deutete. "Wie so?" frug ich. "Das versteht sich doch von selber, daß man ohne Wasser nicht waschen kann. Das fehlt aber doch wohl auch in Innsbruck nicht."

"Aber solches Ferner-Wasser haben sie doch nicht."

Jetzt fiel mir bei, daß das von Gletschern abfließende Wasser (im Salzburgischen Hochgebirge Kees-Wasser genannt) im Berglande als Universal-Mittel betrachtet wird. Die "Gletscher-Milch" entsteht durch Beimischung der vom Druck der Gletschermasse zu feinem Pulver zerriebenen Felsbestandtheile, über welchen dieselbe aufliegt und über die sie sich immerwährend schiebend fortbewegt. Von den "sommerfrischelnden" Bauern, die sich auf Alpenhütten aufhalten, wird es keiner unterlassen, sich alltäglich mehrmals mit der eisigen Molke den Magen anzufüllen. Das Gletscherwasser, welches zu allen möglichen Dingen nütze ist, soll also auch die Wäsche besser reinigen, als andere Wasser, die dem kühlen Schooß der Erde entspringen.

Nachdem ich dieses Mädchen verlassen hatte, gelangte ich bald zu zwei anderen Dirnen, welche im Grase lagen und schliefen - bepackte Tragkörbe neben ihnen, in welchen sie eine Last, die wohl für ein Saumroß hingereicht hätte, nach den höheren Böden des inneren Thales zu schleppen hatten.

Im Norden donnerte es vom schwülen Himmel, aber erst, nachdem er zu wiederholten Malen durch die Wolken gerollt war, vermochte man ihn, aufmerksam gemacht, genau von dem unbändigen Tosen des Gletscherbaches zu unterscheiden. Drüben standen Köhler um einen Meiler, von welchem es, wie aus den Gewitterwolken, mitunter röthlich aufzuckte. Sie unterhielten sich mit einem angelnden Fischer, welcher das drohende Gewitter dazu benutzte, seinen Köder gerade unter einer der zahllosen Stromschnellen auszuwerfen, vor einem Absatz im Wasserbett, dessen Wirbeln die Fische entgegenstreben.

Bald begann das Ungewitter, das so lange gegröhlt hatte, und ich suchte Zuflucht unter dem Dache einer mit vielen Unglückstafeln behängten Weg-Kapelle. Dort traf ich zwei Genossen: einen weißen Cistercienser-Mönch, der von einem Mönche begleitet, dem Lisenser Sommerfrischhause St. Magdalena zustrebte, das seinem Kloster gehört - und in dessen luftiger Alpenhöhe, nahe am wasser-summenden Gletscher, die Einsiedler sich von der Düsterheit der Zellen erholen mögen, und einen braunen, jungen Menschen in verwittertem Gewände, der ausgesandt war, auf ein Joch zu steigen und verirrte Schafe aufzusuchen.

Das Bad Rothenbrunn, welches ich bald darauf erreichte, hat eine große holzgedeckte Veranda, beherbergte in diesem Augenblicke vornehme Damen aus der Stadt, die muthig in dem durch den Gewitterregen aufgeweichten Kothe des schmutzigen Dörfchens herumstiegen, während Mädchen, die zur Wirtschaft gehörten, dort hinter dem hölzernen Corridor, wo das große Heiligenbild hängt, ihre füßschallende Stimme singend ertönen ließen, mir aber die Kellnerin mürrisch darüber, daß ich sie einen Augenblick an der Betheiligung störte, ihre üble Laune gröblich empfinden ließ - so, daß der Gesammteindruck dieses Bade- und "Sommerfrischorts" nicht recht zu den Lobeserhebungen stimmen wollte, welche das abgegriffene Fremdenbuch enthält. Indessen hängen derlei Eindrücke zu sehr von Begegnungen, einzelnen Persönlichkeiten und zufälligen Umständen ab, daß ich weder auf den Enthusiasmus gewisser Durchreisenden, noch auf mein eigenes Mißbehagen Werth legen will.

Bald schien die Sonne wieder und ich gelangte, an der Mündung des Fatscher Baches vorüber, stets neben dem feinen Schaum hoch aufschleudernden, Kälte hauchenden Wasser einher, an mancher braunen Hütte vorüber, in deren winzigen Gärtchen die rothen Johannisbeeren und die weißen Lilien einen reizenden Farbengegensatz bildeten, allmählich in's Angesicht jenes furchtbaren rothen Bergbruches am Fuße des "Freihut," dessen Trümmerhalden die Gabelung der beiden Thäler, des Thales von Lisens und des eigentlichen Selrain im engeren Sinne kennzeichnen. Schutttrümmer haben wir bis jetzt genug gesehen und manches buntfarbige "Maurach" durchschritten - aber dem Ungethüm dort drüben läßt sich in diesem Theile der Alpen wenig vergleichen.

Hier ist das Dörfchen Gries (dessen freundliches Wirthshaus hiemit gepriesen sei) und zur Linken erscheint der Ferner-Kogel, dessen Anblick uns von jetzt ab nicht mehr verläßt - das Matterhorn der Selrain-Stubaier Gletschergruppe. Schwarz steht er da, von einem blendend weißen Halskragen umgeben.

Wir überschreiten auf einem Steg, der schwankend unter uns zusammenstürzen zu wollen scheint, den von Kühetai herabkommenden Bach und wenden uns gerade gegen Süden, das Matterhorn unablässig vor Augen. Unsere Blicke werden dennoch von Zeit zu Zeit durch Wolkenheere, Nachzügler der Gewitterdünste, von seiner Spitze abgelenkt. Diese Heere ahmen die geneigte, gewundene Gestalt der Gletscher nach und gehen bis zu einer Höhe, wie sie früher wohl, zur Eiszeit, von der Oberfläche der Gletscher erreicht worden ist. Wie es Wolkansammlungen giebt, die Aehnlichkeit mit aufgethürmten Gipfeln, so findet man auch solche, welche dieselbe mit den großen, zähen, sich schlängelnden Eisströmen haben.

Wie oft man da auf Stegen über die donnernden Wasser geht, wie viele Wasserfälle, von Nebelbänken überschwommen, Herabstürzen, wie oft wir vor ergreifenden Bildern still stehen - vor Wettertannen und hinter ihnen die rothen Kreuze, der silberne Ferner, die Brunnen, die schwanken im Thale gehenden Wolkensäulen; wie oft wir den unbewußten Geschmack bewundern, der Wegkreuze gerade an Stellen angebracht hat, die zum Beschauen der Fernerpracht am meisten einladen; die herrliche Stelle "Maria-Louisen-Rast," wohin man einst die Gattin Napoleons in einer Sänfte schleppte; der Weg durch bewohnte Gründe, wo auf dem Boden, den jetzt zahllose gelbe Schwämme bedecken, ebenso zahllose Heumänner aufgerichtet sind, oder durch Haferfelder an braunen Hütten vorüber, oder durch quatschenden Grund des Hochmoores, oder durch knorrigen Fichtenwald über der Fluth, wo im Unterholz Alpenrosen und Heidelbeeren stehen: das kann im Einzelnen nicht geschildert werden.

Dagegen seien Zeilen der Erinnerung dem alten Schöpf geweiht, der mit dem berühmten "Wegweiser" Trautwein den Ferner-Kogel erstieg und den langen Abend mit mir zu Praxmar zusammensaß. Das Praxmarer Wirthshaus ist ein solches, welches der Fremdling nicht vergessen wird; ein solches, wie es nur in Tirol getroffen und von dessen Eigenschaften nach wenigen Menschenaltern die Welt nichts mehr wissen wird. Der Handschlag, mit dem der Wirth jeden Ankömmling empfängt, ist bezeichnend für denjenigen, welcher derlei versteht - den Uebrigen vermöchte ich auch durch weitere Schilderung die Gemüthlichkeit und Herzenswärme der Insassen nicht zu schildern. Freilich liegt das Haus auch schon über 1710 Meter hoch und der Blick fällt auf das nächste Gegenüber, den großen Ferner. Da ist es denn begreiflich, daß wenig "Volk" heraufkommt, daß der Mensch vom Bildungs-Mob nicht verderbt wird und im Hause Bescheidenheit und Treue walten.

Quelle: Heinrich Noé, Tirol und Vorarlberg. Naturansichten und Gestalten. Glogau 1876. S. 137 - 156.