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Innsbruck (Reisebericht 1847)

Eine lebhafte Debatte verkürzte den luftigen Herbstgang, auf dem ich mit dem Professor über die beiden Reisestationen eins zu werden hoffte, die wir mit unserer wißbegierigen Gesellschaft am Abend zu besuchen hätten. Vor uns lag ja bereits die Hauptstadt des Landes ausgebreitet; ihre Kirchtürme ragten sonnenvergoldet in die Luft; von den flachen Dächern ihrer Häuser flatterte blankgewaschenes Leinenzeug, zum Trocknen aufgehängt, gleich Wimpeln, als müßten wir uns beeilen, anzukommen, ehe uns die schöne Stadt auf dem Inn davonsegelt; tausend Bilder aus der Vorzeit tauchten von allen Seiten auf wie Nebel aus den Tälern; die Erinnerung hatte auf Giebeln und Höhen ihre bunten Fahnen ausgesteckt, auf denen im Morgenglanz Namen schimmerten, die alle ein heiliges Recht auf Preis und Ehre geltend machen konnten; und der Gedanke, daß wir das lebenskräftig pulsierende Herz einer Provinz vor uns haben, aus dem alles ausströmt, um wieder dahin zurückzukehren, und daß man mit einem Herzen nicht so bald fertig werde als mit Hand und Fuß eines Körpers, machte uns in der Tat besorgt, wie wir die Masse des Stoffs, die vor uns mit jedem Blick anwuchs, bewältigen sollten.

"Wir werden unsere Reisegesellschaft ermüden!" bemerkte ich mit dem Ton der Unentschlossenheit. "So weitläufig zu bleiben, wie wir anfingen, geht nicht, sonst kommen wir eines Abends aufs Zimmer unserer Wandergenossen und finden es leer und erhalten vom Aufwärter auf unsere Frage zur Antwort: "Die Passagiere sind mit der Eilpost retourgefahren, weil sie, wie sie sagten, reisen, nicht Kollegia hören wollten !"

Diese Anspielung reizte den Professor. "Was sollen wir also tun?" erwiderte er spitz. "Spricht etwa gar die eigene Ungeduld aus Ihnen?" "Das eben nicht!" war meine Antwort. "Aber ich denke, die Not wird uns zwingen, es den Enzyklopädisten und Lexikographen nachzumachen, die auch im ersten Eifer mit den Buchstaben A bis C drei Bände füllen und alle übrigen dann mit der Gleichzahl abtun! Wir müssen uns beschränken, müssen den nächsten Zweck unserer Bilderreise fest im Auge behalten und alles ausschließen, was nicht ins Malerische und Romantische schlägt, und also zunächst die Hauptstadt -"

"Ganz übergehen?" fiel mir Willibald lebhaft ins Wort. "Dagegen werde aber ich als Landeskind protestieren!" Und er verteidigte seine liebe Hauptstadt mit dem Heldenmut eines echten Tirolers, bot den ganzen Landsturm seiner Kathederpolemik gegen meine leichten poetischen Invasionstruppen auf und behauptete seine Stellung so hartnäckig, daß ich ihn nur durch vorläufige Zusage liberaler Konzessionen zu friedlicherer Gesinnung stimmen konnte. Wir einigten uns dahin, daß sowohl auf unserer nächsten Station als auf allen nachfolgenden ähnlichen jene Merkwürdigkeiten, die nur in der Anschauung befriedigen, der Phantasie des Zimmerreisenden aber gar keinen Spielraum gönnen, zwar nicht übergangen, jedoch in gedrängtester Kürze zusammengefaßt und nur in flüchtigen Umrissen angedeutet werden sollten.

Als wir unsere Konvention abgeschlossen hatten, war es bereits hohe Zeit, unsere Reisegefährten, die wir auf der Ebene unter Ambras zurückgelassen hatten, wieder aufzusuchen. Reinhold und Adele warteten schon; voll edler Wißbegierde standen sie mit dem Schlag der bestimmten Stunde zur Fortsetzung unserer Fahrt bereit, während wir aus übertriebenem Eifer uns mit Verhandlungen und Debatten über eine halbe Stunde verspätet hatten. Als wir eintraten, fanden wir beide in ein Buch vertieft, aus dem uns ein Kupferstich entgegenblickte.

"Unsere Herren Führer ließen uns warten!" warf uns Adele vor. "Wir hatten beinahe Angst und sahen uns in der Verlegenheit schon nach einem anderen Cicerone um!"

"Und wer war denn der Nebenbuhler", fragte Willibald, "der uns so gefällig supplierte?"

"Dieses Buch", versetzte Reinhold, "das ich zufällig unter meinem geringen Vorrat an derlei Ware fand. Weil es auch etwas über Tirol enthält, so interessierte es mich jetzt, darin zu blättern." Es war W. C.W. Blumenbachs "Neuestes Gemälde von Oesterreich, Steyermark, Tyrol und Vorarlberg", Wien 1837. "Wir betrachteten eben die hohen Spitzen, die da dem Bild von Innsbruck zum Hintergrund dienen", fuhr Reinhold fort, "und suchten vergebens in der Beschreibung nach ihren Namen. Wenn Sie's zufrieden sind, so eröffne heute ich die Reise, um doch nicht ganz untätig zu sein. Ich lese vor, was uns Blumenbach über Innsbruck sagt, und Sie, Freunde, liefern den Kommentar dazu. Erlauben Sie mir, einzugreifen in Ihr Fach?"

"Von Herzen gern!" erwiderte Willibald, dem die Gelegenheit, kritisieren zu können, erwünscht war, während ich mich im stillen boshaft freute, alle die Vorsätze und Pläne meines heftigen Antagonisten durch diese unerwartete Wendung plötzlich in Wasser verwandelt zu sehen.

"Lesen Sie, Freund Reinhold!" ermunterte ich ihn. "Das bringt neues Leben in unsere Konversation!"

"Wohlan", sprach Reinhold, "ich beginne; wenn einer der Herren zu irgendeiner Stelle einen Zusatz oder eine Bemerkung zu machen hat, so beliebe er nur auf den Rand des Tisches zu klopfen, und ich pausiere pflichtschuldigst, bis er mit seiner Parenthese fertig ist! -Also aufgepaßt! Unser Autor schreibt:

Im Unterinn- und im Wipptaler Kreis liegt die Hauptstadt des Landes, das alte, freundliche Innsbruck, in der größten Breite des Unterinntals, am Einfluß der reißenden Sill in den Inn, über den zwei 70 Fuß lange Brücken mit steinernen Pfeilern (die Höttinger und Mühlauer) führen. Wenn man von Zirl herkommt ...

"Das ist von Nordwesten", kommentierte Willibald.

... zeigt sich Innsbruck durch seine ausgedehnte Lage und wegen seiner vielen Türme und anstoßenden Dörfer größer, als es in der Tat ist. Es hat einen Flächenraum von 550304 Geviertklaftern und einen Umfang von 15225 geometrischen Schritten an beiden Ufern des Stroms; am rechten Ufer liegen der Berg Isel und das Schloß Ambras; am linken Ufer erheben sich schroff emporsteigende, fast 7000 Fuß hohe Felsenmassen, die oft im Mai und Juni noch mit Schnee bedeckt sind."

Willibald klopfte auf den Rand des Tisches, und Reinhold ließ sich gerne unterbrechen.

"Wir sind", begann ersterer, "mit unserem Autor auf den Punkt zurückgekommen, auf dem wir vor acht Tagen gestanden haben, nämlich auf die Ebene unter Ambras. Lassen Sie uns ein wenig umherblicken; Sie werden dabei auch die Namen der Hlöhen kennenlernen, die dieses Bildchen vor uns hier so anziehend machen. Wenn wir so, mit dem Angesicht der Hauptstadt zugewandt, über die Sillbrücke hinter Pradl schreiten, so erheben sich links - das ist gegen Süden - in der Richtung der Straße nach Eilbögen, etwa anderthalb Stunden von Innsbruck entfernt, die aussichtsreichen Lanser Köpfe - leicht ersteigbar und mit entzückendem Blick auf die zwei Städte Innsbruck und Hall und dreizehn kleinere Ortschaften die die mäßige Anstrengung reichlich lohnend -, im Hintergrund von dem 7097 Wiener Fuß hohen Patscherkofel, der Anfangskuppe des östlich auslaufenden Gebirgszugs, kühn überragt. Am linken Sillufer steigt südlich vom Stift Wüten, der Berg Isel empor, durchschnitten von der Straße nach Italien; eben und vielbesucht auf seiner Ostseite, steil abfallend und einsam auf der Südseite; ebenso merkwürdig in der Geschichte als interessant für Maler und Naturfreunde. Von Westen her bricht über die Grenze des Oberinntaler Kreises der Inn herein.

Blicken wir nun hinüber auf das linke Ufer des Inns und folgen wir seinem Lauf von dem Wirtshaus Kranebitten an. Hier rücken bald die Höttingerberge vor, über denen der Große Solstein- die höchste der Bergspitzen um Innsbruck, ausgezeichnet durch seine Flora, von flüchtigen Gemsen durchstreift - zu einer Höhe von 1517 Wiener Klaftern hinanstrebt, von der er stolz auf drei mächtige Bergspitzen: das Brandjoch von 7423, die Wetterprophetin Frau Hitt von 6492, gerade über Innsbruck, und den Hohen Sattel von 6637 Fuß Meereshöhe herabsieht. Weiter gegen Westen begrenzt der Haller Salzberg mit den Höhen, die sich an ihn anschließen, den Gesichtskreis. Hier haben Sie den Rahmen, in den die Natur das Bild der Hauptstadt Tirols gefaßt hat. Nun lassen wir unseren Autor weitersprechen!"

"Innsbruck", fuhr Reinhold zu lesen fort, "teilt sich in die Alt- und in die Neustadt, welch letztere besser gebaut ist, eine schöne marmorne Annensäule in der Mitte zweier Brunnen enthält und hauptsächlich in einer sehr breiten, jedoch nicht ganz geraden Straße besteht, die gegen Süden hin in einem schönen Tor (der Triumphpforte) endigt, auf dem die Brustbilder von Maria Theresia, Franz I., Joseph II. und mehreren anderen Gliedern der kaiserlichen Familie in Basreliefs aus weißem Marmor dargestellt sind. Um die Stadt herum liegen der Innrain, die Kaiserstraße, Höttingen, Pradl und Wiltau. Die Stadt hat, mit Einschluß der Vorstadt Mariahilf, der oberen und unteren Innsbrucker, St.-Nikolaus- und Kaiserstraße, 574 Gebäude mit 10712 Einwohnern."

Willibald hatte wieder etwas zu kommentieren. "An die Altstadt", sprach er, "knüpft sich die Entstehungsgeschichte der Stadt. Unter den Gaugrafen von Andechs bildete sich an einer Überfuhr - Urfahr - am linken Stromufer eine Ansiedlung als Sammelplatz für die Kaufleute, die im Land und durch dasselbe Handel trieben. Aus der Überfuhr wurde eine Brücke, von einzelnen Häusergruppen umgeben, die bald zu einer Ortschaft anwuchsen, die, ursprünglich Anbruggen, dann - im Jahre 1027 - Innsbruck benannt, die Grundlage der heutigen Stadt bildete und in zwei Gassen auslief, wovon die untere ehedem nicht mit Unrecht die Kotlache hieß. Unter Berthold II., Markgraf von Istrien, Herzog von Kroatien und Dalmatien und Herr des Nordgaus, breitete sich der aufblühende Markt ans rechte Ufer aus, und unter dessen Enkel Otto I., der ihn mit Mauern umgab und mit einem Palast, der noch jetzt die Ottoburg heißt, schmückte, trat er in die Reihe der Städte.

Von nun an trugen Hoftage, Zusammenkünfte hoher Häupter, fürstliche Beilager und Feste aller Art fortwährend dazu bei, die junge Stadt zu heben, bis sie nach Tirols Vererbung an Österreich der gewöhnliche Wohnsitz der tirolischen Landesfürsten und daher der Gegenstand ihrer besonderen Vorliebe und Obsorge wurde. Echt bewährt in ihrer Anhänglichkeit an das Haus Österreich durch die rührende Treue, die sie dem hart bedrängten Friedel mit der leeren Tasche bewies, der ihr eine neue Burg, das "Goldene Dachl", gab, erschien sie unter ihrem hohen Gönner Max I. zum ersten Mal auf dem Kampfplatz der Weltgeschichte.

Ferdinand II., der fromme Stifter und Begründer so vieler Denkmäler seiner Religiosität, Max II., der Deutschmeister, Leopold I. und Maria Theresia, der die Triumphpforte, die man im Jahre 1765 zur Feier der Vermählung ihres Sohnes Leopold mit der spanischen Infantin Maria Ludovika errichtete, zum Mausoleum für ihren Gatten, Franz von Lothringen wurde, schmückten Innsbruck mit Kunstgegenständen, Bauten und Anstalten und verhalfen ihm durch Hoffeste, feierliche Aufzüge, Kongresse und Besuche zu einem Glanz und einer Entwicklung, welche selbst von den traurigsten Ereignissen wie Feuersbrünsten, Erdbeben und feindlichen Einfällen nur auf kurze Zeit verdunkelt und gehemmt werden konnten, indem keine Prüfung ohne Gewinn für die Stadt vorüberging; wie denn z. B. auch der Abzug der Bayern nach ihrem Einbruch während des spanischen Sukzessionskrieges von 1703 durch die schöne, aus rotem Landesmarmor gemeißelte Annensäule in der Neustadt verewigt wurde.

In der neueren Zeit, die die Treue der Stadt vom Jahre 1796 bis zum Jahre 1814, wo sie ihre alte Burg wieder den alten Herrschern öffnete, so vielfach prüfte und stets erprobt fand, schritten trotz aller Stürme Wohlstand und Bildung im stillen unbemerkt fort, und schon zählt sie ohne das Militär, die Studenten und die Fremden 10850 Bewohner in 612 Häusern, die, in 26 größeren und kleineren Gassen und auf 5 öffentlichen Plätzen verteilt, sie des Namens einer "schönen Stadt" vollkommen würdig machen. Soviel im allgemeinen; lassen Sie uns nun hören, was Ihr Autor über das einzelne sagt!"

Reinhold las weiter: "Die Häuser sind größtenteils aus Stein, und zwar aus einer Art Breccia gebaut, gewöhnlich vier- bis fünfstöckig und im ganzen von gefälliger Bauart. Auf den flachen, mit gemalten Schindeln, Brettern oder Schiefer gedeckten Dächern sieht man noch häufig die in Venedig üblichen Altane, Galerien mit Geländern, wohin eine Treppe emporführt. Man nennt sie Feuergänge und benützt sie zur Anbringung einiger Wasserbehälter, zum Schutz gegen Feuersgefahr, auch zum Genuß der Abende und der Aussicht und zum Trocknen der Wäsche an den großteils allgemeinen Waschtagen. Der ansehnlichste Platz ist der Rennplatz in der Neustadt; ein angenehmer, mit Alleen und einer englischen Anlage besetzter Spaziergang mit der bronzenen Statue des Erzherzogs Leopold V. zu Pferde (Ein Werk des Glockengießers Heinrich Reinhart von Mühlau unter Mitwirkung des berühmten Kaspar Gras. Im Jahre 1797 aus dem Hofgarten hierher übersetzt.) Auf diesem Platz ist ein Teil der landesfürstlichen Burg oder alten Residenz (Von Max I. 1494 gegründet und von Maria Theresia nach dem Plan des Majors Walter in den Jahren 1766 bis 1770 umgebaut, mit den herrlichen Deckengemälden von Maulbertsch im Riesensaal); ein großartiges Gebäude mit den sogenannten Kaiserzimmern, dem Riesensaal und der Kapelle, die Maria Theresia an der Stelle erbauen ließ, wo ihr Gemahl Kaiser Franz I. vom Schlag gerührt tot gefunden wurde. In diesem Schloß haben nun die Regierungskollegien ihren Sitz. - Der mit Statuen verzierte Schloßgarten nahe am Palast ist ebenfalls ein Spaziergang. Andere merkwürdige Gebäude sind das prächtige Landhaus, das Kanzleigebäude, das große Rathaus mit dem hohen Stadtturm am Stadtplatz, das an der Straße nach Salzburg und Bayern schön erbaute Pack- und Zollhaus, das ansehnliche Damenstiftgebäude, das gräflich-sarntheinische Palais, das Schauspielhaus und geräumige Redoutengebäude, vor dem die Statue Josephs II. auf einem erhabenen Fußgestell aufgerichtet ist, das Universitätsgebäude und mehrere ansehnliche Privatgebäude. Auf einem 2 bis 4 Schuh hervorspringenden Erker des Kanzleigebäudes oder der sogenannten Hofkammer steht das bekannte Goldene Dachl, eigentlich aus vergoldeten Kupferschindeln, das Friedrich mit der leeren Tasche für eine Summe von 30000 Gulden erbauen ließ.

Die sehenswerteste der 12 Kirchen ist die Franziskaner- oder Hofkirche zum Heiligen Kreuz, die von Kaiser Ferdinand I. in den Jahren 1553 bis 1563 aus Quadersteinen erbaut wurde, auf zehn kolossalen Säulen von rotem Marmor ruht und merkwürdige Denkmäler enthält. Das erste in der Mitte der Kirche wurde dem Andenken Kaiser Maximilians I. errichtet. Max kniet in Bronze nachgebildet auf einem im Schiff der Kirche stehenden großen oblongen Sarkophag von rötlichem Tiroler Marmor, auf dem 24 in carrarischem Marmor von Alexander Collin aus Mecheln (Die vier ersten Tafeln wurden 1561-1563 von den Brüdern Arnold und Bernhard Abel aus Köln verfertigt; Collin vollendete das übrige) mit großem Fleiß und Kunstaufwand gearbeitete Basreliefs das ganze öffentliche Leben Maximilians darstellen. Sie gleichen vollkommen den künstlichen Elfenbeinarbeiten, und schwerlich gibt es Marmorarbeiten, die sie in der Feinheit der Ausführung und zahlloser Menge der oft dreifach übereinander aufgetragenen, in Hautrelief übergehend ganz frei heraustretenden Gegenstände übertreffen oder ihnen nur gleichkommen. Um den Sarkophag stehen 28 kolossale bronzene Statuen ausgezeichneter Männer und Frauen, meist aus dem habsburgischen Haus und über demselben auf dem Architrav, der den Chor von der Kirche scheidet, in halber Mannsgröße 23 bronzene Abbildungen (Die Schöpfer dieser wie der obigen Erzgebilde waren Stephan und Melchior Godl und Hans Lendenstreich, Gußmeister zu Mühlau nächst Innsbruck, und Gregor Löffler (gest. 1565), Erbauer von Büchsenhausen) heiliger oder sehr frommer Männer und Frauen. Das zweite Denkmal ist das schöne Grabmal des Erzherzogs Ferdinand und seiner Gemahlin, der schönen Philippine Welser, ebenfalls von Collin. Es ist in der Silberkapelle auf einer Emporenkirche befindlich; auf dem Deckel des Sarkophags ist derselbe mit seiner Gemahlin in Tiroler Marmor abgebildet, und 4 größere, ganz vortreffliche Basreliefs sind daran angebracht. Jetzt befindet sich in dieser Kirche noch das Grab des 1810 in Mantua erschossenen tapferen Sandwirts Andreas Hofer aus Marmor von Schlanders.

Die Stadtpfarrkirche St. Jakob hat einen prächtigen Hochaltar (Der Hochaltar ist ein Werk von Christoph Benedetti, das Grabmal wahrscheinlich eine Schöpfung des fürstlichen Hofpoussiers Kaspar Gras. Die Bilder rühren - außer dem Madonnenbild von Lukas Cranach - von den heimischen Künstlern Schöpf, Schor und Grasmair her), viele Gemälde und das Grabmal des Deutschmeisters Erzherzog Maximilian. Die Universitätskirche Zur Heiligen Dreifaltigkeit (ehemalige Jesuitenkirche) ist alt und finster; die Johanniskirche am Innrain hat zwei gute Freskogemälde (Schöpfs beste Arbeit in diesem Genre vom Jahre 1794), und an der Spitalkirche besorgen Redemptoristen die Leitung des Spitals; sehenswert sind auch die Klosterkirche der Serviten und die Kirche Mariahilf mit hübschen Gemälden (Von Paul und Philipp Schor, Haller, Kaspar Waldmann u.a.) und dem schönen Denkmal des Freiherrn Joseph von Spergs."

Reinhold hielt inne und lächelte, als ob es ihn Wunder nähme, von Willibalds Kommentiersucht so lange nicht unterbrochen worden zu sein.

"Ist der Referent mit allem einverstanden?" fragte er scherzend.

"So ziemlich", entgegnete der Professor, das Gehörte mit halb geschlossenen Augen rekapitulierend. "Nur wüßte ich einiges beizufügen oder zu ergänzen. So schiene es mir z. B. doch interessant zu untersuchen, welch eine Idee den Künstlern vorgeschwebt sein mag, als sie Maximilians Mausoleum mit einem halben Hundert erzener Grabeswächter umstellten. Wenn ich so diese geharnischten Männer mit Schild und Speer und diese Frauen mit den langen Gewändern und mit den Kerzen in den Händen herumstehen sah, deren Kreis sich vergeblich nach der Gesellschaft der kleineren Statuen auf dem Mauersims der silbernen Kapelle sehnt, da war es mir immer, als ob sie, die Repräsentanten der Mythe, des Heldentums und der Religion, dem großen Enkel, gleich ausgezeichnet als kaiserlicher Sänger, als letzter Ritter und als Verfechter des Glaubens, in dieser dreifachen Beziehung huldigten. Der alte Arthur, das Haupt der Tafelrunde; der kühne Roland, der Held der nordfranzösischen Heldenpoesie; der König Theudebert, Guntachers, des Nibelungenheros, Nachkomme; der fromme Gottfried von Bouillon, der bewunderte Eroberer in den Kreuzzügen, und Ferdinand der Katholische aus der Zeit der Amadisse vereinen sich mit den historischen Charakteren aus Maximilians Sippschaft und mit der Reihe der Heiligen und Glaubensschützer aus Lothringen, um den unsterblichen Sproß ihres Stammhauses mit einem dreifachen Kranz für ewige Zeiten zu krönen.

Ganz eigentümlich nimmt sich diesen dunklen, sagenhaften Gestalten gegenüber die lichte, noch fast der Gegenwart angehörige Statue des Sandwirts aus, die in dieser Umgebung den Unterschied zwischen Heldenmut der Vor- und Jetztwelt so grell und wunderlich heraushebt, daß man Mühe hat, den Konflikt so auffallender Kontraste auf eine Gefühl und Phantasie befriedigende Weise zu lösen. Da steht er, einfach und schlicht, wie er im Leben war, in seiner Landestracht mit breitem Gurt, die Kugelbüchse über die Schulter, die linke Hand am Lauf derselben, das Haupt emporgewandt, in der Rechten die Siegesfahne mit der Inschrift: "Für Gott, Kaiser und Vaterland!" Da steht er an einer von Eichengestrüpp und Efeu umgebenen Felswand, auf der rechts sein Hut mit der herausfordernden Birkhahnfeder liegt, während das Basrelief aus carrarischem Marmor am Piedestal, von dem Innsbrucker Klieber nach Schermers Zeichnung gemeißelt, eine schönere Rütliszene darstellt, nämlich den Schwur zu Kampf- und Todestreue, den auch er mit seinem Blut besiegelt hat. Ausdrucksvoll und charakteristisch ist dieses Standbild von Schallers Hand, nach dreieinhalb jähriger Arbeit aus einem Riesenblock von Göflaner Marmor in einer Höhe von 7 Fuß vollendet, seit 1834 zur Zierde des Grabmals aufgestellt, in das am 21. Februar 1823 Hofers Gebeine aus dem Servitenkloster, wohin man sie aus dem Gärtchen des Pfarrers der Zitadelle von Mantua gebracht hatte, unter dem Geleit aller Behörden feierlich übertragen wurden. Da steht er nun, der Held vom Sand, der gefürchtete General Barbone, so seltsam abstechend von all den gewappneten Eisenrecken und doch echter Held wie sie, und dabei so kindlich schüchtern und so männlich kühn, so ganz heimisch und volkstümlich, als ob er eben hinaufgestiegen wäre aus dem Kreis seiner Schützenbrüder, um ihnen zu sagen: "Seht! Jedem hat's der Herr gegeben! Meint's redlich mit Gott, Fürst und Land, so wird der alte Max sich eurer auch nicht schämen!"

Das ist's, was ich über Hofer und Max noch sagen wollte. Doch da fällt mir noch ein anderer Max ein, den Ihr Autor nicht angeführt hat; das ist der Hochmeister Max mit seiner Einsiedelei im merkwürdigen, von seinem Vorgänger Ferdinand II. im Jahre 1594 erbauten Kapuzinerkloster, dem ältesten in Deutschland. Ein großes Gemach mit einer kleinen Betstube, durch dessen Fensterchen der Hauptaltar der Kirche hereinblickt, das bescheidene Lager und andere kunstlose Einrichtungsstücke erinnern lebhaft an den frommen Hoch- und Deutschmeister, den der Königstitel von Polen geschmückt hatte und der hier, gleich seinem erlauchten Großoheim zu St. Just, alljährlich einige Tage, sich ganz in die Hausordnung der Mönche fügend, mit Betrachtungen und Andachtsübungen zubrachte. Fürwahr ein interessantes Plätzchen, eines ernsten, sinnenden Besuchs wert, weshalb es der bekannte Engländer Inglis unter Innsbrucks Merkwürdigkeiten sogar obenan setzt, obgleich er in dem argen Irrtum befangen war, daß Max, der Einsiedler, und Max auf der Martinswand, der um mehr als ein Jahrhundert früher lebte, ein und dieselbe Person gewesen seien.

Diese Berichtigung führt mich zu einer anderen. Gewöhnlich macht man sich von dem sogenannten "Goldenen Dachl" eine irrige Vorstellung, wozu der Name Veranlassung gibt. Das Goldene Dachl ist gegenwärtig nichts anderes mehr als der karge Rest der alten ehemaligen, von Friedrich mit der leeren Tasche im Jahre 1425 gebauten Fürstenburg, die durch Verwahrlosung und Umbau fast ihr ganzes Altertum eingebüßt hat. Nur der kunstreiche Erker, dessen Dach Friedrich zur Widerlegung seines Spottnamens mit vergoldeten Kupferplatten decken ließ, leiht dem an Privatpersonen vermieteten Gebäude noch historisches Interesse. Alte Mauergemälde an der inneren Erkerwand, drei Figuren in Stein unter dem Fenstersims des zweiten Stockwerks, den Kaiser Max und seine Gemahlinnen Maria von Burgund und Bianca Maria von Mailand darstellend, und sieben Wappenschilde als untere Einfassung des Erkers erinnern sämtlich an das Maximilianische Zeitalter.

Vollenden Sie jetzt, was Ihr Buch noch über Innsbruck sagt, damit ich Sie dann in die herrliche Umgebung der Stadt geleiten und auf den Standpunkt führen kann, den unser Künstler für seine Ansicht gewählt zu haben scheint."

Unser Freund las noch folgendes: "Innsbruck ist der Sitz des Guberniums, des tirolisch-vorarlbergischen Appellationsgerichts, eines Stadt- und Landrechts - und einer Polizeidirektion; es hat eine Universität mit Bibliothek, eine reichhaltige Kupferstichsammlung, einen anatomischen Saal, botanischen Garten und ein physikalisches Kabinett, das Ferdinandeum mit reichen Sammlungen tirolischer Natur- und Kunsterzeugnisse und einem Lesezimmer, ein Gymnasium, eine Normalhauptschule, ein adeliges weltliches Damenstift, ein Ursulinernonnenkloster mit öffentlicher Mädchenschule, einen Musikverein, ein Theater, ein Musik-, Tanz- und Lesekasino, eine Schießstätte, eine Sparkasse usw. Die Fabrikindustrie ist wenig erheblich und beschränkt sich größtenteils auf die gewöhnlichen städtischen Gewerbe; dafür ist der Durchzugshandel zwischen Deutschland und Italien nicht ohne Belang. Gefällige Spaziergänge umgeben die Stadt."

Reinhold schloß das Buch, zum Zeichen, daß er sich von seinem neuen Cicerone trennen und ganz wieder unserem Schutz und Geleit überlassen wolle.

"Sie sehen", löste ihn Willibald ab, "daß unsere Hauptstadt weder arm an Merkwürdigkeiten und Kunstdenkmälern ist, noch jener Behelfe entbehrt, welche die Richtung eines regsamen Geistes (Hormayr, der Historiker, Laicharding, der Botaniker, Michael Köck, der Maler, Joseph Hell, der Bildner (aus Völs bei Innsbruck), u. v. a. machen dem Geist der Bewohner gewiß ebenso Ehre, als daß Innsbruck schon um das Jahr 1529 Buchdrucker hatte, deren erster bekannter Ruprecht Höller war)
nach Höherem und Ernsterem fördern und regeln. Da ist vor allem das Ferdinandeum, ein Institut so echt vaterländischer Art, daß es selbst dem Fremden wohltun mag, sich in seinen Sälen und Zimmern zu ergehen und durch die Anschauung alles dessen, was das Land in irgendeiner Beziehung Eigentümliches enthält, einen klaren Überblick zu gewinnen. Der Kunstfreund, der Historiker, der Techniker, der Naturforscher werden hier ebenso reichliche Befriedigung finden als wir "sentimental travellers", denen vielleicht Hofers Brief und Tragband merkwürdiger sind als alle geognostischen und entomologischen Sammlungen.

Ja - Hofers Brief, wiederhole ich; denn ich sehe, daß unserer Hausfrau das Auge immer lebhafter blitzt, wenn sie diesen Namen hört. So hören Sie denn seinen Inhalt; ich kann Ihnen ebensoviel geben als das Ferdinandeum selbst, das auch nur eine vidimierte Abschrift besitzt. Hofer schrieb ihn vier Stunden vor seiner Hinrichtung an seinen Freund Püchler zu Neumarkt:

"Liebster Herr Prueder,

der götliche willen, ist es gewössen, das ich habe miessen hier in Mandua, mein zeitliches mit den Ebigen verwöxlen, aber gott seie Danckh und seine gödliche gnad, mir ist Ess so leicht for ge khomen, das wan ich zu wass anderen auffgefierth wurd, gott wirth mir auch die gnad Verleihen, wiss in lösten äugen Plickh, auf das ich khomen khon, albo sich mein sehl mit alle ausser wölte, sich Ebig Ehrfreien mag, allwo ich auch fir alle Biten werde Bei gott abssonderlich fir Wölliche ich in meresten zu Bitten schuldig Bin, und tir sie Und inen frau liebst, wögen den Piechl [Gebetbüchlein], Und andere guet Daten, auch alle hier noch lebente guete freint sollen fir mich Bitten, Und mir auss die heissen flamen helfen, wann ich noch in Fegfeier Piessen muss.

Die Gottesdienst solle die liebste mein: oder Wirthin, zu ssanct Marthin halten lassen, beim Rossenfarben Pluct, Pitten in pede Pfaren, den Freinten bein Unter Wirth ist ssuppe und fleisch zu gäben lassen, nebst Einer halben Wein.

Lieber Herr Pickhler, gien ssie mir hinein, Und bein Unter Wirth zu ssanct Marthin zeigen sie die ssache an, Ehr wirth schon angestald machen, Und machen ssie ssonst niemand nicht khomper v. [von] disser ssache.

V. [vor] der Welt lebet alle wohl, wiss mir in Himel zam khomen. Und dornen gott loben An ent, alle Passeyrer und Bekhante, sollen mir Einge denckht sein in heilligen ge Beth Und die Wirthin solle sich nicht so Bekhimern, ich werde Piden bei Gott fir sie alle, Ade mein schnede Welt, so leicht khombt mir das sterben for, das mir nit die Augen nass werden, geschrieben um 5 Urr in der freue, Und um 9 Urr Reiss ich mit der Hilfe aller heilig zu gott. Mandua den 20. Februari 1810.

Dein in Leben geliebter Andre Hofer
v. [von] ssant in Passeyer
in namen des Herrn Wille ich auch die
Reisse for nemen mit Gott."

Da haben Sie ihn wieder, den einfachen, herzhaften Naturmenschen, der noch auf der Schwelle dieses Lebens, wenige Augenblicke vor seinem Heldentod, als christlicher Hauswirt an jedes einzelne gedacht hat. Wir werden ihm vielleicht noch öfter so begegnen, ehe wir sein Haus im Passeier betreten. Namentlich ist Innsbruck der Schauplatz seines Wirkens gewesen, wo sich sein treuer, bescheidener Sinn am glänzendsten erprobt hat. Hier war es, wo er durch den glücklichen Erfolg seiner Unternehmungen und durch die Gunst seines Kaisers zum Oberkommandanten von Tirol erhoben wurde, in der Burg der Landesfürsten ebenso fromm seinen Rosenkranz betete wie daheim und seinen täglichen Haushalt mit einem Gulden bestritt, wo er ohne Stolz und Grausamkeit mild gegen Freund und Feind schaltete, wo er nichts als von den Lehrern Rechtlehrigkeit, von den Frauen Sittsamkeit und von den Bayernfreunden Sinnesänderung forderte. Hier war es, wo er, bald nach seinem Sieg am Sterzinger Moos, am Mariä-Himmelfahrts-Tag 1809, am Geburts- und Namenstage Napoleons, unvermögend, sein Inkognito zu wahren, einzog und jene bescheidene Äußerung von sich gab, die Ihnen, Herr Poet, den Stoff zu einer Ballade lieferte, die ich eher auswendig wußte als ich je Ihr Freund zu werden ahnen konnte:

Die Bürger wogten in festlicher Lust
Durch Innsbrucks freundliche Gassen;
Das Herz schlug höher in jeder Brust,
Sie konnten die Freude nicht fassen:
Denn Hofer vom Sand hatt' am Sterzinger Moos
Entschieden der armen Tiroler Los
Und zog nun, gepriesen von jeglicher Lippe,
Ganz still zum Wirt von der Krippe.

Kaum aber ward's laut, da strömten vors Haus
Die Bürger, den Helden zu sehen;
Sie jauchzten und riefen den Wackren heraus,
Erwartend gewiegt auf den Zehen.
Er aber empfand es innig und warm:
Gott selbst war der Sieger und er nur der Arm,
Drum während sie lärmten in lautem Getümmel,
Pries er im stillen den Himmel.

Da traten zwei Männer zur Tür herein:
"Geh, Anderle, zeig dich der Menge,
Sie mag sonst nimmer zufrieden sein,
Man erdrückt sich ja schier im Gedränge!"
Da sprang er wohl auf mit funkelndem Blick,
Doch plötzlich trat er wieder zurück.
"Ich bin" - er sprach's, und den Hochmut bezwang er -
"Der Wirt vom Sand, nit vom - Pranger!"

Und jene gingen und gaben Bescheid :
Von des Manns demütigem Weigern,
Doch die Größe, gehüllt in der Demut Kleid,
Könnt' ihre Begeistrung nur steigern;
Drum riefen sie laut: "Wohl fühlen wir's warm:
Gott selbst sei der Sieger und Hofer sein Arm;
Doch können zu Gott wir nur dankend flehen;
Den Hofer können wir sehen !"

So jauchzten die Stürmer Tirols hochauf
Und schwangen die Hut' in den Händen;
Rings lebt' es und schwebt' es in freudigem Lauf,
Der Leberuf wollte nicht enden.
Da ging ein Fensterlein auf im Haus,
Der Hofer sah mild nickend heraus
Und rief: "St! Beten - nit schreien und toben!
Ich nit, und ös nit - der droben!"

Und die Hände hob er zum Himmel empor
Und betete: "Vater unser!"
Und gerührt zur Erde kniete der Chor
Und betete: "Vater unser !"
In andachtsvolles Schweigen zerfloß
Die Lust, die noch erst sich stürmend ergoß;
Und wie sie da knieten mit heiligen Mienen,
Stand hell der Abendstern über ihnen."

"So kennen Sie die Lokalität", fiel ich ein, "die meinem Gedicht zur Folie dient?"

"Ob ich sie kenne?" erwiderte er lebhaft. "Welcher Studiosus von Innsbruck aus meiner Zeit sollte sich nicht an den "Kripperlwirt" erinnern; wie manches Abendstündchen hab' ich dort im Kreis fideler Brüder mit lustigen Schwänken zugebracht! Aber auch das Faktum kenn' ich; war ich doch selbst damals mit unter den wilden Stürmern, welche der bescheidene Anderl so liebevoll beschwichtigte. Es war eine herrliche, tatkräftige Zeit; dennoch rufe ich jetzt mit dem Geist im Kaspar dem Thorringer: "Aber - Friede ist besser !" - Damals ging's bei der Krippe oft toll her; und ich weiß nicht, ob jetzt bei der Goldenen Sonne in der Neustadt - trotz ihrer eleganten Zimmer und ihres schönen Gartens - oder beim Hirsch oder Löwen oder wie all die Hotels heißen mögen, die vor den Gasthöfen zweiten Ranges nichts als die Kostspieligkeit voraus haben, soviel wahres, echtes Leben und solch ungetrübtes Einvernehmen herrscht wie damals in unserer Studentenkneipe!

Übrigens ist in Innsbruck, wie ich höre, noch immer gut sein. Die Leute sind treuherzig, gutmütig, trotz ihres äußeren Ernstes lebensfroh, arbeitsam und noch immer Freunde öffentlicher Aufzüge, was sich bei ihren Prozessionen, Leichenbegängnissen und Volksfesten am deutlichsten zeigt; auch wissen sie ihre herrliche Umgebung trefflich zu würdigen, und zwar so, daß an einem heiteren Sonn- und Feiertag die Stadt wie ausgestorben und das ganze Volk auf dem Weg ins Freie ist.

Lassen Sie uns also den Bewohnern es nachtun, weil wir nun schon unter ihnen sind, und uns ein wenig in der Umgegend der Stadt ergehen; vielleicht führt uns der Zufall zu irgendeinem Auftritt, der uns mit einem neuen Lieblingsvergnügen der Tiroler bekannt macht!

Folgen Sie mir zuerst ans linke Innufer durch die Vorstadt St. Nikolaus nach dem nahen, auf der anmutigsten Hügelstelle über der Stadt gelegenen Schloß Weierburg, dem Lieblingsaufenthalt Kaiser Max' I., wo er im Jahre 1509 die venetischen Gesandten unter Antonio Giustinianis Vortritt höchst ungnädig empfing und ohne Gewährung entließ. Es ist von schattenden Bäumen umgeben, und der runde Steintisch auf dem Grasplatz nebenan ist eine recht erquickliche Stelle. Wer eine entzückende Ansicht von Innsbruck und dessen Umgebung genießen will, komme hierher. Gewiß hat auch unser Künstler in diesem Umkreis seinen Standpunkt gewählt, von dem aus wir Innsbruck samt dem Stift Wüten übersehen, welch letzteres ich ebenfalls mit Ihnen zu besuchen gedenke. Links erblicken Sie auf der Zeichnung die Waldraster Spitze, unterhalb den Glungezer; geradehin den Berg Isel, überragt vom Stubaier Ferner; tiefer unten den Inn; zunächst daran reiht sich das Stift Wilten über der Sill, und das Muttererjoch, über dem Pflammersberg vorschauend, schließt den Rahmen.

Ein viel betretener Steig führt von diesem Jagdschlößlein über das Mittelgebirge nach Büchsenhausen und weiter nach dem Dorf Hötting; ersteres, ursprünglich ein Edelsitz, von dem berühmten Stückwerkgießer Gregor Löffler ins Büchsenhaus umgebaut, nach der Volkssage vom Geist der armen Frau des Hofkanzlers Wilhelm Biener durchwandelt, welcher im Jahre 1650 als Opfer eines Justizmordes unter dem Henkerschwert verblutete, hat in der Nähe das altbekannte Venusbad. Letzteres, nach der Römerzeit als Sitz der Richter - Heteningen genannt - Het heißt Haupt und Jeinga heißt Ansitz -, gab dem Edelgeschlecht der Herolde von Hötting den Namen und bewahrt in seiner alten, der Sage nach aus einem Heidentempel entstandenen Kirche das schöne Grabmal, das Elias und Johann Christoph Löffler ihrem Vater, dem wackeren Gregor, setzten. Am Fuß der Höttinger Höhen führt die Straße, durch Feldungen - den ehemaligen Tiergarten - vom Inn getrennt, an die Grenzscheide zwischen dem Ober- und dem Unterinntal, über den Sulzbach, etwa eine halbe Stunde von dem schon erwähnten Kranebitten, neben dem östlich über den ehemaligen Maierhof Kerstbuch der Weg zum Schwefelloch, dem schauerlichen Eingang der grauenvollen, anderthalb Stunden langen Felsenschlucht Klamm, führt.

Hinter den Bergen, an deren Ausläufern wir jetzt herumwandelten, ragt die gewaltige Frau Hitt, von der Ihnen unser Poet gewiß etwas zu sagen weiß."

Der Erwartung unseres Freundes entsprechend, las ich:

"Aus fernen Landen kam ein Weib Mit einem Riesentroß;
Das baute sich zum Zeitvertreib
Am Inn ein stolzes Schloß
Und hielt mit schwerer Eisenhand
Ihr Königsszepter übers Land.

Noch standen damals dicht belaubt
Die Berg' ums Stromgefild,
Noch glänzten um kein Fernerhaupt
Eislocken starr und wild;
Auf allen Weiden, allen Aun
War üpp'ger Überfluß zu schaun.

Noch hing dem fruchtbeladnen Stamm
Die Rebe liebend an,
Indes vertraulich Reh und Lamm
Durchsprang den Wiesenplan;
Und was sich sonst zu meiden scheint,
Zum schönen Bund war's hier vereint.

Da wuchs des Weibes Übermut
Zu wildem Frevelsinn,
Bald trank sie nimmer Rebenblut,
Bald badete sie drin;
Und Berg' und Berge schor sie glatt,
Zu zeigen, daß sie Holz noch hat.

Und zum Beweise, daß ihr's nicht
Gebrech' an leckrem Schmaus,
Ließ sie mit Käsen pflastern dicht
Die Trepp' ins Marmorhaus;
Indes umsonst die dürre Not
An ihrer Pforte bat um Brot.

So herrscht Frau Hitt und tobt und scherzt
Mit Gottes Gab' und Lohn;
Das einz'ge, was sie liebt und herzt,
Das ist ihr kleiner Sohn;
Ein Bube, seiner Mutter gleich,
An Tugend arm, an Bosheit reich.

Oft höhnt' er schon in wilder Hast
Der Lehren, die sie gab,
Und lief vom hohen Steinpalast
Die Käsetrepp' hinab,
Und rannt' umher und spielt' allein
Um Teich und Sumpf am Uferrain.

Und einmal - sieh! da gab es Not,
Da fiel er in ein Moor
Und wand, besudelt rings mit Kot,
Nur mühsam sich hervor
Und kroch zur Pforte matt hinein
Und klagt' es laut dem Mütterlein.

Und Mütterlein, das Riesenweib,
Nahm frisches Brot zur Hand
Und fegte rein damit den Leib
Des Söhnleins - wie mit Sand;
Und lachte: "Sieh, nun weiß ich doch,
Wozu der Brei mag taugen noch!"

Da war ihr Frevelmaß gefüllt,
Dem Herrn ihr Spott zu arg;
Der Boden wankt, der Berg erbrüllt,
Die Decke wird zum Sarg
Und schütten auf die Frevler all
Herunter wie Lawinenfall.

Mit Grimm und Schaudern sieht Frau Hitt
Begraben ihr Gesind
Und keucht bergan mit raschem Schritt,
In ihrem Arm das Kind;
Umsonst - der Zorn des Herrn erreicht
Am Gipfel wie im Tal sie leicht.

Ein Wink von ihm - da steht sie fest,
Da wird sie starr und kalt,
Hält ihren Sohn ans Herz gepreßt
Mit eisiger Gewalt
Und hüllt als Stein ihr Kind von Stein
In steife Felsenwindeln ein.

So ragt sie noch, so sitzt sie noch -
Weit sichtbar, geisterbleich
Und glotzt vom kahlen Bergesjoch
Auf ihr verwandelt' Reich,
Das jedem eine Warnung bleibt,
Der Spott mit Gottes Gaben treibt."

"Vollkommen der Sage getreu", bemerkte Willibald, als ich geendet hatte, "welche übrigens nichts anderes zu sein scheint als eine allegorische Darstellung des chemischen Prozesses, dem die gegenwärtige Gestaltung dieser Gegend ihr Entstehen verdankt.

Werfen wir jetzt die Blicke noch einmal aufs rechte Ufer, bevor wir es selbst wieder betreten, um unsere Wanderung zur zweiten Station des heutigen Tages fortzusetzen. Freundlich sieht das Prämonstratenserstift Wilten oder Wiltau her, das gleich einer Vorstadt durch eine Allee mit der Neustadt verbunden ist. Hier stand zur Römerzeit der Hauptort der Römeranpflanzungen am Inn, die wichtige Veldidena, worüber eine gelehrte Schrift ("Veldidena, urbs antiquissima, Augusti colonia et totius Rhaetiae princeps", Ulm 1744) von dem trefflichen Anton Roschmann, der 1760 starb, genügend Aufschluß gibt. Hier ausgegrabene Münzen, Meilensteine, Gerätschaften und andere Altertümer setzen die Existenz einer Niederlassung erster Größe an dieser Stelle außer Zweifel. Gerade an diesen Anhöhen hin, denen wir jetzt den Rücken kehren, zog sich die Römerstraße von Veldidena über eine durch ein Kastell in Hötting verteidigte Innbrücke.

Die Entstehung des Klosters gehört ebenfalls der Sagenwelt an und nennt den bekannten Riesen Heimon, der auf der Heimkehr von dem blutigen Zug gegen Kriemhildes Rosengarten ob Innsbruck den Riesen Thyrsus oder Schrudan erlegte und dann, seines mörderischen Handwerks müde, auf den Trümmern der Römerschanze reumütig ein Haus des Herrn zu bauen begann, das er nach Erlegung eines Drachen, der allnächtlich die Arbeit des Tages zerstörte, glücklich vollendete und 18 Jahre noch als Büßer bewohnte. Nach mannigfachen Schicksalen, selbst noch in den letzten Kriegsjahren, gelangte das Stift durch reiche Einkünfte und den wackeren Sinn seiner Leiter immer wieder zu neuem Glanz. Es bewahrt nicht nur schöne Gemälde, stattliche Säle und Gemächer, merkwürdige Denkmäler - wie z.B. das Grabmal des Orgelmachers Daniel Herz, das Bild des Malers Grasmair, des berühmten Franz Zauner einziges Werk in Tirol u.a. -, sondern auch das Angedenken an manchen verdienten Mann, wie z.B. Adalbert Tschaveller, der mit Fleiß die Annalen des Klosters schrieb, und manche historische Erinnerungen.

Überreich an letzteren ist besonders der Berg Isel, südlich hinter Wüten, der dreimal im Jahre 1809 - im Mai, im August und im November - der blutige Schauplatz des Tiroler Heldenmutes wurde, auf dem Hofer, Speckbacher und der Kapuziner Haspinger die glänzendsten Beweise ihrer Tapferkeit ablegten und der Tiroler Adler mit frischem Rot seine Fittiche tünchte, von deren Farbe einer der jüngsten meiner Landsleute (Johann Senns "Gedichte", Innsbruck 1838) so schön und erhebend singt:

"Adler, Tiroler Adler!
Warum bist du so rot?"
"Ei nun, das macht, ich sitze Am First der Ortlerspitze,
Da ist's so sonnenrot,
Darum bin ich so rot."

"Adler, Tiroler Adler!
Warum bist du so rot?"
"Ei nun, das macht, ich koste
Von Etschlands Rebenmoste,
Der ist so feuerrot,
Darum bin ich so rot."

"Adler, Tiroler Adler!
Warum bist du so rot?"
"Ei nun, das macht, mich dünket,
Weil Feindesblut mich schminket,
Das ist so purpurrot,
Darum bin ich so rot."

"Adler, Tiroler Adler!
Warum bist du so rot?"
"Vom roten Sonnenscheine,
Vom roten Feuerweine,
Vom Feindesblute rot,
Darum bin ich so rot !"

"Herrlich!" rief ich ergriffen aus. "Eines Körners würdig; wert, in jeder deutschen Liedersammlung zu stehen!"

"Nun das freut mich", lächelte der Professor, "unserem ehrenfesten Freund doch auch einmal etwas für seinen poetischen Gaumen kredenzt zu haben. Doch sieh! - da erinnert er mich eben, daß ich Ihnen auch einen anderen poetischen Genuß schon halb und halb versprochen habe; und weil Sie gewiß lieber zu Lande zurückgehen, als über den Inn fahren wollen, so lassen Sie sich einen zweiten kleinen Abstecher in das bekannte Büchsenhausen nicht reuen.

Sehen Sie das Gerüst unter freiem Himmel und das Bauernvolk in bunter Tracht, von neugierigen Städtern untermischt? - Jetzt schlägt es zwei Uhr - nachmittag nämlich -, der Vorhang hebt sich, denn wohlgemerkt: wir stehen vor einem Theater. Ein Engel mit Flügeln tritt vor den Souffleurkasten und erklärt in Knittelversen das phantastische Tableau, das sich hinter seinem Rücken als Prolog entwickelt. Jetzt beginnt das Stück; ein Greis erscheint mit einem Ritter im Gespräch, beide haben gewaltige Männerbärte, aber gar feine Mädchenstimmen. Es sind wirklich Mädchen, die hier Männerrollen spielen; aber das ist nur hier in Büchsenhausen der Fall, in Pradl, in Thaur, und anderwärts geht alles ganz regelrecht vonstatten.

Wir befinden uns in einer sogenannten Bauernkomödie, woran der Tiroler gar absonderlichen Gefallen findet, und der unparteiische Zuseher muß gestehen, daß unter dem Wust von Verschrobenem, Gemeinem und Abgeschmacktem mancher Aufblitz wahrer Poesie überrascht. Diese Komödien sind gewöhnlich Produkte sogenannter Naturdichter aus dem Volk - der Schullehrer und anderer -, die daher das Volk und seinen Geschmack auch am besten kennen.

Was wir eben spielen sehen, ist "Die heilige Genoveva, ein wahrer Spiegel der Geduld", verfaßt von der Witwe eines Schuhmachers, Frau Anna Pritzin, die bisher ein Viertelhundert solcher Stücke zusammenschrieb, in denen sie vor Erreichung ihres fünfzigsten Lebensjahres auch selbst mitspielte. Sie fand als Dichterin und Darstellerin vielleicht besseren Lohn und Gewinn als mancher deutsche Dramatiker, und selbst jetzt als Spielführerin oder Direktrice fühlt sie sich noch in ihrem Element. Das Kolorit aller ihrer sowie der meisten ähnlichen Stücke - welche ihrer Tendenz nach lebhaft an die Autos Sacramentales der Spanier und an die Volksstücke erinnern, die vor kaum mehr als einem Jahrhundert noch hie und da an Kirchweihfesten unter unmittelbarer Teilnahme der Autoritäten gegeben wurden - ist ein echt humoristisches, dessen Wirkung noch durch den unverbrüchlichen Ernst der Zuschauer erhöht wird. Oder wer könnte sich des Lächelns enthalten, wenn er sähe, was ich sah, wie bei der Darstellung des Sündenfalls der ersten Menschen die Schlange mit einem zierlich abgenähten, mit roten Schleifen und Bändern besetzten Schwanz gleich einem Wickelkind sich daherwälzt und alles mit tiefer Ergriffenheit zusieht, wie sie das Unheil, an dem wir alle leiden, listig und verführerisch anzustiften sich abquält?

Ein großer Teil des Dialogs ist nur angedeutet und dem Improvisationstalent der Spieler überlassen. Eine Prüfung der Texte dürfte ebenso interessant sein als die der Libretti wandernder Marionettenspieler.

Die Konstruktion dieser Bauernkomödien sowie die Art der Auffassung und Darstellung dürfte ungefähr mit jenen alten Volksbüchern verglichen werden, die Ihr Freund in Leben und Leid, Herr Poet, der treffliche Gustav Schwag, so volks- und zeitgemäß bearbeitet hat. Daß die lustige Person, der Gracioso, wie ihn die Spanier nennen, noch seine alten vollen Rechte genießt und mitgenießen läßt, versteht sich von selbst.

Der hohe Gönner des Alpenlands, Erzherzog Johann Baptist von Österreich, soll eine bedeutende Sammlung solcher Bauernkomödien in Handschrift besitzen.

Doch im Geplauder über solche Komödien vergessen wir fast die Komödie selbst. Schon bezeichnet das Wiedererscheinen des Engels den letzten Zwischenakt, und um 5 Uhr ist alles zu Ende.

Rasten wir also noch in Innsbruck ein wenig, und sammeln wir neue Wanderlust und frische Kräfte zur nächsten Station, die wir heute noch zu genießen gedenken."

"Südlich von Wilten hinter dem Berisel", begann Willibald nach einer längeren Pause wieder, "am linken Ufer des Ruetzbachs, unfern seiner Vereinigung mit der Sill, öffnet sich das Stubaital, das man gewöhnlich auf der Ellbögener Straße über den Schönberg befährt, von dem aus das erste Dorf des Tals, Mieders, in einer dreiviertel Stunde erreicht wird.

Quelle: Johann Gabriel Seidl, Tirol und Steiermark. Leipzig 1847.