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Der Hexenkreis

Den schönen Bauernhof Nr. 74 zu Amras bei Innsbruck besitzt gegenwärtig die wohlhabende Wittwe Nothburg Schneider. Derselbe gehörte in den Zwanziger Jahren den Anna Branntnerinn, welche ihn mit ihren Söhnen Matthias, Bart'lme, Johann und Josef bearbeitete. Rückwärts des Hofes in nördlicher Richtung ist ein Obstanger gewesen, und der letzte Baum im Eck rechts, ein Pehamer-Aepfelbaum, hat die Gegend in Staunen gesetzt, weil man da eine unbegreifliche Erscheinung wahrgenommen hat, die man "den Hexenkreis" nannte. Zu viele Leute haben das gesehen, als daß es eine Erdichtung sein könnte. Am Donnerstag Abends sah man noch nichts, aber am Freitag, wenn kaum der Morgen graute, war schon ein kreis rund um besagten Baum getreten, im reisten Zirkel. Es mußte während der Nacht von Donnerstag auf den Freitag geschehen sein, daß Leute da herumhüpften. Denn es war der Kreis sieben Zoll breit und das Gras zusammengetreten, daß es erst wieder nach und nach aufstehen konnte, und bis zum nächsten Donnerstag war das Gras wieder so hoch und angeschlossen wie das andere unter den Bäumen; aber seltsamer Weise war an zwei Stellen der Kreis nicht eingetreten, sondern gerade inmitten der entgegengesetzten östlichen und westlichen Seite war das Gras in der Höhe, wodurch derselbe eigentlich in zwei Theile getheilt wurde. Der Kreis sah so aus:

Bei a. b. und c. d. stand das Gras, und es mußte daher von e. f. ein Hüpferl gemacht, dann im Halbkreis gelaufen, bei g. h. wieder ein Hüpferl gemacht worden sein. Bei i. stand der Baum in des Kreises Mittelpunkt.

Die Branntnerinn und ihre Buben gingen fast jeden Freitag mit andern Nachbarn in den Garten, die Stelle anzusehen, und es war immer so. die Wittwe Branntnerinn verkaufte 1821 an Josef Schneider, "Späth" genannt. Im Jahre 1824 sah die 19jährige Tochter bei diesem Baume ein Feuer brennen. Sie sagte es ihrem Vater, welcher schauen ging, aber nichts mehr sah, auch keine Asche Kohlen antraf. "Späth" vertauschte diesen Hof im Jahre 1832 dem Andreas Schaffenrath, "Schloßanderl" genannt, welcher diesen Baum niederschlagen ließ, und dem Hexentanze eine Ende machte. Jetzt steht ein junger Kirschenbaum an dieser Stelle, aber nie mehr ward etwas Ungleiches bemerkt, und der Hexenkreis ist verschwunden.

Quelle: Mythen und Sagen Tirols, gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Zürich 1857, S. 298f, Nr. 11