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Wie der Riese Haymo den Drachen tötete

In jener Zeit wohnte am Rhein ein Riese, der hieß Haymo. Er überragte weit alle übrigen Menschen und übertraf sie an Kraft und Stärke. Seine Länge betrug zwölf Schuh und drei Finger in der Quere. Auch war er vornehmer Abkunft, daher trug er ein gar wundervolles Wappenschild: ein Helm trug ein rotes Kissen, darauf saß ein Leopard; das Feld des Schildes aber war grün und mitten durch zog ein weißer Querbalken.

Als Haymo vom Drachen an der Sill hörte, da wollte er mit ihm seine Kraft messen. Er rüstete sich deshalb mit den stärksten Waffen aus, die er finden konnte, und zog den Bergen zu.

Als er ins Inntal kam, da traf er nirgends ein wohlgefügtes Haus an. In den weiten, düstern Wäldern hausten in ärmlichen Hütten nur Köhler und Holzflößer. Außer diesen fanden sich nur noch etliche Bauersleute vor, die aber durch den Drachen in arge Bedrängnis gekommen waren! Oft hatte er ihnen Kalb und Kuh geraubt, ja manchmal noch überdies den Hirten.

Haymo kam gerade an, als der Drache wieder lauernd nach Beute Ausschau hielt. Mit einem kühnen Satz stürzte der Riese auf ihn los und versetzte ihm Hieb auf Hieb. Der Drache wand sich vor Schmerz, ringelte den Schweif und floh heulend in sein Loch. Hayo drängte ihm nach und erstach ihn. Dann riß er ihm die Zunge heraus, schnitt sie ab und nahm sie mit.

Staunend eilten die Bauern herbei und baten Haymo, er möge bei ihnen bleiben und die Herrschaft im Lande übernehmen, Haymo blieb und das Land blühte unter seinem starken Arm wunderbar auf, denn von überall her kamen die Siedler und ließen sich in seinem Machtbereich nieder, wo sie zufrieden und wohlgeborgen leben konnten.

Quelle: Hans Gamper, Wilten in der Sage, in: Wilten - Nordtirols älteste Kulturstätte, Hans Bator, Bd. I, 1924, S. 49f