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Hahnenkikerle

Im Gasthause zum goldenen Stern zu Innsbruck (andere sagen beim Schiffwirth zu Salzburg, ist all eins;) kehrte einst eine sehr reiche fremde Fürstin ein, die von einer sehr schmerzlichen Krankheit befallen war, welche kein Arzt zu heilen vermochte.

Der Doctor Theophrast, den dem diese Fürstin hörte, und dem zu Liebe sie nach Innsbruck gekommen war, wurde gerufen, fand aber da eine Krankheit, über welche er selbst nicht weiter wußte. Dass war ihm und noch mehr der Fürstin unlieb, wie jeder sich denken kann.

Die arme reiche Fürstin lag einst trostlos im Bette, da kam ein winziges Manndl zu ihr in die Stube, das ihr Hilfe versprach und ihr etwas eingab, davon sie ganz hergestellt werden sollte. Das Manndl sagte ihr jedoch, wenn es von heute nach einem Jahre wiederkomme, und sie seinen Namen "Hahenkikerle" vergessen habe, so müsse sie mit ihm als seine Braut unter die Höttinger Klamm ziehen. Die Fürstin ging den Antrag ein und erwachte am anderen Morgen so frisch und gesund wie eine Mairose.

Die Fürstin blieb in Innsbruck, gab dort Fest auf Feste und so kam es, daß das Jahr bald herum war; da erinnerte sie sich an den Zwerg, aber dessen Name war ihr - entfallen. Nun fragte sie viele Leute um Zwergennamen, aber leider immer vergebens. Sie vertraute ihre Angst Freunden und Freundinnen; diese schlugen die Hände zusammen, trösteten mit dem Munde, wußten aber keinen Rath. Nur ein armes Dienstmadl, die es hörte, nahm sich vor, der guten Fürstin zu helfen. Es stieg in die Klamm, dort vielleicht etwas Gewisses zu erfahren. Sie lauerte und schlich bald da, bald dort hin, endlich hörte sie in der tiefen Klamm ein lustiges Gejuchze, und sah unten eine Zwerg toll springend und rufend:

"Juhe! daß die Fürstin im Stern nicht weiß,
Daß ich Hahnenkikerle heiß'!"

Das Mädchen eilte sogleich nach hause und erzählte der geängstigten Dame, was es gehört habe. Jetzt erinnerte sich die Fürstin an den Namen, und als der Tag kam und der Zwerg erschien, rief sie "Hahnenkikerle!" Sogleich enteilte Hahnenkikerle zornig in die Berge. Das Mädchen wurde von der Fürstin reich beschenkt, und als es einen braven Bürger zu Innsbruck heirathete, fürstlich ausgestattet.

Quelle: Mythen und Sagen Tirols, gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Zürich 1857, S. 307, Nr. 8