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Das Gertraudenbüchl

Im Dorfe Ambras [Amras] las einst eine Dirn andächtig in einem Gertraudibüchlein, denn sie hielt es für ein gewöhnliches Gebetbuch und wußte nicht, daß es zum Schatzheben verwendet wird. Da kam die hl. Gertraudi in ihrem Klostergewand herein und sprach:

Heb au 's Firtig!

Die Dirn erkannte die Heilige nicht, gehorchte aber, worauf die Klosterfrau einen ganzen Haufen Hadern und Lumpen aus ihrer Schürze in die der Dirn schüttete. Das Mädchen aber meinte spitzig:

I brauch deine Hadern nit!

ging hinaus in den Abtritt und schüttete den ganzen Inhalt der Schürze hinab. Anstatt der Hadern fielen aber jetzt viele hundert Taler klirrend und klingend hinunter. Hätte sie die Hadern nur ein paar Augenblicke länger im Schurze gelassen, so wäre sie von Stund an die reichste im Dorfe gewesen.

*Hadern (auch Hudern)= Wischlappen, Wischfetzen

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Andere sagen, es sei eine Katze gekommen, die einen Geldsack herbeigezoldert habe. Da aber die Dirn der Katze den Sack nicht abgenommen habe, so sei sie wieder mit ihm zur Türe hinaus.

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Die Getraudibüchlein wurden ursprünglich zum Schutze der einst so hart bedrängten Christen geschrieben, damit sie sich selber durch den Erwerb zeitlicher Güter etwas helfen könnten. Später wurde aber Mißbrauch mit den Büchlein getrieben. Daher machte die Geistlichkeit Jagd auf sie und verbrannte, so viel sie deren nur erwischen konnte. Um wirksam zu sein, muß aber das Büchlein einmal ohne Wissen des Geistlichen unter das Altartuch geschoben werden, damit eine Messe darüber gelesen wird, wobei es dann freilich dem Priester mit Meßlesen nicht mehr recht vorwärts geht.

 

Quelle: Das Gertraudenbüchl, F. Dörler, Schätze und Schatzhüter in Tirol: ZfVk. 4, 1898, 338 zit. nach Will-Erich Peuckert, Ostalpensagen, Berlin 1963, Nr. 366, S. 190f