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Das Dreigeschwisterläuten zu Ambras

Gekommen ist die heil'ge Nacht,
Der Nordwind pfeift, der Boden kracht.
Drei Kinder zieh'n durch Schnee und Wind,
Geschwister, die zur Mette geh'n;
Wie sie im hellen Kirchlein steh'n.
Begrüßen sie das Jesukind.

O Jesu mein! o Jesu mein!
O kehre bei uns Armen ein!
Uns blüht kein Christbaum, Noth [Not] ist karg.
Kein Brot im Haus, die Stube kalt.
Das Mütterlein ist krank und alt.
Der Vater liegt schon lang im Sarg. -

Da rauscht die Orgel ernst und voll -.
Wie da das Herz den Kindern schwoll!
- Sie singen fromm das Krippenlied:
Auf! auf! ihr Hirten, eilt geschwind.
Nach Bethlehem zum Jesuskind,
Und bringet weiße Lämmlein mit.

Hinauf zum goldnen Krippenstern
Sie beten: Lobet Gott den Herrn!
Er kam herab von seinen Höh'n,
Ein Licht ins finstre Erdenthal [Erdental],
Der Christen milder Gnadenstrahl,
Nicht blendend, aber wunderschön.

Sie beugen sich am Hochaltar,
Nachdem vorbei die Mette war,
Und wollten heim.
Doch dickt verschneit
War Feld und Pfad im Flockeliweh'n.
Am End des Dorfs die Kindlein stehn.
Und ach, die Mutter wohnet weit.

Das Vorwärtsschreiten geht nicht mehr.
Die Augen werden thränenschwer [tränenschwer].
Sie kehren in dem Stadl zu.
Und legen auf das Heu sich hin.
Und fleh'n mit frommen Kindersinn:
Lieb Christkindlein, o hilf uns du!

Der Unschuld Schlaf ist süß und weich.
Er macht die Armen froh und reich.
Den Kindern wird so wunderbar.
So herrlich wie ein goldner Traum:
Es kommt mit einem Weihnachtbaum,
Das Christkindlein mit krausem Haar.

Es küßt und nimmt sie bei der Hand,
Und schreitet durch ein Frühlingsland,
Da schweben Engel in der Luft,
Und wo sie wandern, wachsen schnell
Viel schöne Blümlein farbenhell.
Und rundum wehet Himmelsduft.

Im Dorfe durch den Wintersturm,
Klingt "Schiedungläuten" laut vom Thurm [Turm];
Die Glocken schlagen selber an:
Vom stillen Dorf der Schlaf entwich.
Wem gilt der Klang? frug jeder sich.
Denn Wahrheit war es, und kein Wahn.

Und wie beim frühen Morgengrau'n,
Die Leute nach den Kindern schau'n,
Da lagen sie im Morgenroth [Morgenrot]
In Lieb' vereinet Arm in Arm,
Befreit von Elend, Noth und Harm
Sie lagen glücklich - starr und todt [tot]!

Was einst die Gnad des Herrn vollbracht
Mit jedem Jahr zur Christennacht
Das gibt "Dreig'schwisterläuten" kund:
Habt Muth [Mut] ihr Armen, die ihr weint,
Das Christkindlein ist euer Freund,
Das betet an mit Herz und Mund!

Quelle: Märzenveilchen, Johann Nepomuk von Alpenburg, Innsbruck 1855, S. 26ff