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's Doz'nhacken
Von Josef Tumler, Hötting

"Bitschian sötz'n s' an Kreizer ins Kreasl,
Mei Doz'n singt wia a Tannenmeasl."

Ein besonders beliebtes Spiel; auch der Höttinger Jugend! Seit undenklichen Zeiten besteht es schon. Wir haben es betrieben, unsere Väter und unsere Vorväter. Die ältesten Männer erzählen, daß ihre Väter schon davon gesprochen haben. So sagte mir ein bekannter Höttinger, der heute 74 Jahre alt ist, daß auch er als Zehn- bis vierzehnjähriger Bub es getan hat und er sich noch gut erinnern kann, wie sein Vater damals oft davon gesprochen hat, wie sie dort Dozenhacken gegangen sind.

Vor allem anderen ist es notwendig, die Zeit dieses Spieles festzusetzen. Denn es ist nicht etwa ein Spiel, das durch das ganze Jahr hindurch betrieben meiden konnte. Es hat eine genau abgegrenzte Zeit: vom Faschingsamstag bis zur Karwoche. Früher hatten die Alten noch mehr Interesse an den Spielen der Jugend. Und deshalb sahen auch die Väter darauf, daß ihre Buben die altererbten Spiele genau so weiter betrieben, wie sie diese gelernt hatten. Dazu gehörte natürlich die genaue Einhaltung der Zeit. Heute wird nicht mehr so streng darauf geachtet. Und wenn auch in der Karwoche noch manchmal ein oder der andere Dozenhacker zu sehen war, mit Ostersonntag war unwiderruflich die Zeit für das Dozenhacken vorbei. Da wurde der Dozen in irgend eine Ecke oder in die Rumpelkammer gelegt. Dort blieb er derweil vergessen und konnte sich von den ausgestandenen Strapazen erholen.

Ist dann aber die letzte Fasnachtwoche gekommen, wird der Dozen herausgesucht. Manchmal konnte er gar nicht mehr gefunden werden, so gut wurde er aufgehoben oder versteckt. Da wurde die Mutter solange angebettelt und "angesumst", bis sie doch die paar Kreuzer herausgab, um endlich Ruhe zu haben. Oft wurde er zwei, drei Tage im Sack herumgetragen, ohne daß sich einer der Buben getraute, offen damit hervorzutreten; es war ja noch nicht Zeit. Erst am Fasnacht-Samslag ist es dann mit dem öffentlichen Dozenhacken ernst geworden

Und wie oft ward so ein Dozen die unschuldige Ursache von "Batzen" in der Schule. Ausgerechnet zu der Zeit mußte der gestrenge Lehrer dazukommen, wenn man seinem Nachbarn in der Bank den neuen Dozen zeigt und ihn lobt, weil er "sovl schian singen kunn". Durch die mehr oder minder lange Zeit der Fasten hindurch brachte mancher Lehrer eine ganz ansehnliche und schöne Sammlung von Dozen zusammen. Als Buben interessierte es uns immer, was eigentlich der Lehrer mit den vielen Dozen anfangen könnte.

Und wie wird es nun gemacht? Buben im Alter von zehn, elf bis vierzehn Jahren stehen um einen auf der Erde gezogenen Kreis, der 40 bis 60 Zentimeter im Durchmesser hat. Das wichtigste Requisit ist der "Doz'n" selbst. Es ist ein meistens wohl aus weichem, oft aber auch aus Buchenholz gedrehtes Stück, das am dicken Ende ungefähr 3 ½ Zentimeter Durchmesser hat und auf einer Höhe von vier bis fünf Zentimeter spitz zuläuft. Es ist also ein Kegel. An der Spitze ist der sogenannte "Stackl", d. i. ein zugespitzter Mauskopfnagel, wie man sie zum Nageln von Schuhen gebraucht. Ein solcher Nagel wird deshalb genommen, weil er vom Holz etwas vorstehen muß, damit die Schnur beim Aufwickeln einen Halt hat. Da diese Dozen mehr oder minder doch fast alle gleichartig gedreht sind, machen sich die Buben Erkennungszeichen daran. Mit einem alten Messer wird dann auf dem oberen flachen Teil ein Zeichen eingeschnitten. Einzeln oder kreuzweise werden Kerben geschnitten; auch das Drudenkreuz kann man sehen. Besondere Künstler aber schnitzen sich die Anfangsbuchstaben ihres Namens hinein. Viele wieder begnügen sich, den Dozen mit Farbstiften zu bezeichnen. Ganz neue Dozen sind nicht übermäßig beliebt, aber auch nicht zu alt dürfen sie werden, denn bei längerem Gebrauch wird der Stackl "stumpfet". Ärmere Knaben behelfen sich dann damit, daß sie sich einen neuen Stackl hinein machen.

Nun kommt ein anderer wichtiger Teil; es ist die Schnur. Jeder Spagat kann hiezu genommen werden. Doch franst sich der gewöhnliche Spagat bald auf. Jeder trachtet daher, eine eingedrehte Schnur, eine sogenannte Schmitzenschnur, wie sie von den Fuhrleuten für die Peitschen verwendet wird, zu erhalten oder zu kaufen. Damit sie nicht aufschleißt, wird an einem Ende ein einfacher Knopf gemacht. Am anderen Ende wird aber ein Hosenknopf daran befestigt, damit die Schnur fest in der Hand gehalten werden kann. Sollte ein Junge tatsächlich keinen Knopf haben, was allerdings sehr unwahrscheinlich ist, behilft er sich damit, daß er die Schnur zwei- bis dreimal um den Zeigefinger wickelt. Das hat aber dann den Nachteil, daß sie verkürzt wird. Die Länge der Schnur richtet sich nach der Größe des Dozens, aber auch nach der Größe des Buben. Nun wird die Schnur auf den konischen Teil aufgewunden. Durch einen kräftigen Schwung aufwärts und Niederwerfen auf den Boden (hacken) wird der Dozen in kreisende Bewegung gebracht. Die Schnur muß aber schon abgelaufen sein, bevor der Dozen den Boden berührt; denn sonst bleibt er liegen, wo er hingeworfen wurde. Auf dem Boden tanzt er dann weiter. Und nun wird aufgepaßt, ob er auch "singt". Je reiner und lauter der Ton ist, desto stolzer ist der Besitzer. "Los, wia der Doz'n singt." Von allen Seiten wird der "guati Doz'n" angesehen, gemustert und bestaunt und vielfach wird der glückliche Inhaber beneidet. Manche der aufgeweckteren Buben wollen etwas nachhelfen und bohren von oben heran ein Loch in den Dozen, um in dieses etwas Pfeffer zu geben. Mit einem Holzstöpsel wird das Loch wieder fest verschlossen. Alles mögliche wird probiert, um dem Dozen ein gutes Singen zu geben. Sind aber alle Versuche nutzlos, so wird getrachtet, ihn so bald als möglich weiter zu bringen. Das heißt, man trachtet einen weniger gut unterrichteten Buben zu finden, der einen besseren Dozen hat und der dennoch gewillt ist, zu tauschen.

So. und nun kann 's losgehen!

's Kreasl (Kreis) ist gemacht und schon hört man die Buben ihr Verslein heruntersagen:

"Bitschian sötz'n s' an Kreizer ins Kreasl.
Mei Doz'n singt wia a Tannenmeasl". .

Nachdem wir heute keine Kreuzer mehr haben, wird der Groschen ins Verslein eingeflochten. Kreuzer hat aber im Vers besser geklungen. Vielfach kann man heute wohl auch nur hören: "Bitschian sötz'n s' an Groschen."

Dabei kommt mir gerade folgender kleiner Vorfall ins Gedächtnis: Gehe ich einmal bei einer Gruppe von Dozenhackern vorbei und werde selbstverständlich mit dem bekannten Vers empfangen. Spasseshalber sagte ich, daß sie ja bald mehr verdienen als ich. Da gibt mir so ein kleiner Knirps zur Antwort: "Ja, ja! Und a Noat da-hoam, daß die Uhr stiahn bleibt!" Lachend warf ich meinen Groschen hin und ging weiter.

Alle stehen sie schußbereit, eigentlich muß man sagen hackbereit da. Von einem edlen Spender wird ein (Kreuzer) Groschen hingeworfen. Dieser wird nun genau in die Mitte des Kreises gelegt, damit ja nicht der eine oder andere bessere Chancen hat. Wenn nicht Leute herumstehen, die das Dozenhacken aus eigenem kennen (darin sind die kleinen Industriellen Menschenkenner) wird der Kreuzer auf ein Steinchen gelegt, damit er leichter herausfliegen solle. Das Spiel geht nicht nur darum, daß das Geldstück getroffen wird, sondern es muß aus dem Kreise heraus "gehackt" werden. Selbstverständlich muß der Dozen "giahn", wenn der Kreuzer herausgeflogen ist. Da schauen die Kinder genau und wehe wenn der Dozen sich nicht mehr dreht, sobald das Geldstück heraußen liegt. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, das Geldstück muß wieder in den Kreis gelegt werden, und von neuem wird wieder drauf los gehackt.

Ludwig von Hörmann schreibt (1, S. 466): "Wie das surrt und summt auf dem festgefrorenen Boden! Es ist eine Freude zu sehen, mit welcher Leidenschaft die Jungens diesem Sport obliegen. Man könnte da in der Tat psychologische und malerische Studien machen. Während der eine mit ausgespreizten Beinen dasteht und zielt und mißt, als hinge ein Königreich an seinem Wurf, haben der zweite und dritte mit katzenartiger Behendigkeit ihre herumduselnden Dozen wieder eingefangen und neuerdings mit der Schnur umwickelt, um so rasch als möglich wieder zu Wurf zu kommen. Da gibt es oft Stellungen und Gruppierungen, die der Festhaltung durch den Stift oder Pinsel wert wären. Die Jungen haben im Dozenhacken eine außerordentliche Geschicklichkeit, und wenn sie den Kreuzer nicht gleich das erstemal treffen, so ist daran nur die Hast schuld, mit der einer dem andern zuvorkommen will und sich zum ruhigen Zielen nicht Zeit nehmen."

Besonders treffsichere Buben aber tun noch ein übriges. Nachdem sie das Verslein heruntergesagt, verkünden sie stolz:

"Dreimol DoZ'n und Schnuar!"

Das heißt nun, daß der Dozenhacker unter dreimal hacken das Geldstück treffen muß, ansonsten dieses wie auch der Dozen und die Schnur in den Besitz des Spenders übergehen.

Hier sagt Hörmann wieder:

"Im dritten Streich
Dozen und Schnur Euch",

oder nach der sicher älteren Fassung:

"Dreimal denk (link, verkehrt)
Doz'n und Schnur Enk (Euch)."

In Hötting habe ich, und auch andere ältere Leute, die ich darnach fragte, diese Verse nie gehört.

Ist nun das Geldstück herausgehackt, so wird es von dem Jungen, der es getroffen hat, schnell in den Sack gesteckt und das Spiel geht von neuem an. Und so oft jemand bei den Dozenhackern vorbeigeht, wird er mit dem bekannten Vers um einen (Kreuzer) Groschen angegangen.

xxx noch in Arbeit!

Quelle: Josef Tummler, 's Doz'nhacken, in: Tiroler Heimatblätter, 15. Jahrgang, Heft Nr. 4. 1937, S. 116 - 122.