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Das Pauluslied
Aus Innsbrucks Gymnasialleben vor siebzig Jahren.
Von Waltor Obrist.

Vor mir liegen die Gymnasialzeugnisse meines Vaters aus den Jahren 1855 bis 1861, abgegriffene, vergilbte Dokumente in Folioformat, die in mehr als einer Hinsicht interessant sind, nicht bloß deshalb, weil fast alle die markante Unterschrift des Tiroler Dichters Adolf Pichler tragen. Entsprechend der Gründlichkeit der guten alten Zeit werden in ihnen die Leistungen des Schülers nicht bloß mit einfachen Noten bewertet, sondern es steht bei jedem Lehrfach in kurzen, aber prägnanten Worten ein klares Urteil, das den Inhaber des Zeugnisses nach allen Seiten hin gründlich beleuchtet. Wenn man es liest, erhält man zumeist ein scharfumrissenes Bild von den Charakteranlagen, der Begabung und dem Wissen des jungen Mannes. Das schöne Wort von der „individuellen Behandlung des Schülers“ ließe sich mit viel besserem Rechte auf jene laugst vergangenen Tage anwenden als auf unsere Zeit, wo es so viele Erziehungskünstler mit Vorliebe im Munde führen, die das Gras wachsen hören. Damals trieb man eben nicht Schablonenarbeit wie vielfach heutzutage.

Was nun die Zeugnisse meines lieben Vaters, des Tiroler Dichters Johann Georg Obrist (gestorben 1901), anlangt, so sind sie nicht gerade hervorragend zu nennen. Seine Achillesferse war, wie bei so vielen anderen Leidensgenossen, die Mathematik. Zumeist steht in seinen Jahresausweisen ein mit mehreren „wenn“ und „aber“ verklausuliertes Genügend, zweimal sogar in den Semestralzeugnissen ein wohlmotivierter Dupel (von „duplum zweite Fortgangsklasse oder „nicht genügend“).

Ja, die liebe Mathematik! So manchem, der heute hoch in Amt und Ehren steht, rinnt ein leiser Schauer auch jetzt noch über den Rücken, wenn er an die Stunden denkt, wo er in einer entscheidenden Schularbeit oder vor der Tafel Auskunft zu geben hatte über den Stand seiner Kenntnisse in diesem Fache. Und mein Vater mag es wohl ganz besonders schlecht getroffen haben, denn sein Lehrer war der wegen seiner Strenge und Spottsucht weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannte und berüchtigte Mathematikprofessor Dr. Paulweber, von den Studenten kurzweg „Paulus“ genannt. Einer seiner Schüler, der heute noch lebt, schildert ihn folgendermaßen: „Professor Doktor Paulweber war im Grunde seines Herzens ein seelenguter Mann - Benediktiner -, wissenschaftlich wenig bedeutend, aber es gab wohl selten einen Professor, der mehr Respekt, ja Furcht und Zittern um sich verbreitete als er, und alles nur durch Blicke, Gesten, ironische Worte, niemals durch Zorn oder Aufregung.“

Da mag mein lieber Erzeuger wohl so manche Nacht über dem „Heiß“ oder dem „Kunzeck“ gebrütet haben - so hießen die damals in Gebrauch stehenden Verzwickten Aufgabensammlungen aus Algebra und Geometrie -, ohne die geringste Aussicht, es je in dieser Kunst zu etwas Rechtem zu bringen, bis er schließlich seinem gequälten Herzen durch - Verse Luft machte. Es entstand statt einer Mathematikaufgabe das „Pauluslied“. Das damals viel gesungene Lied des schlesischen Dichters Karl von Holtei „Fordere niemand mein Schicksal zu hören“ diente ihm als Vorlage für seine Parodie.

Das witzige Gedicht fand gar rasche Verbreitung, zuerst im Gymnasium, dann in der Stadt und schließlich gelangte es auch zur Kenntnis des Lehrkörpers. Die Sache drohte sich zu einem Konferenzfall auszuwachsen und es stand dem unvorsichtigen Musenjünger eine empfindliche Strafe bevor. Der erste jedoch, der sich sehr energisch dagegen aussprach und das Gedicht als das hinnahm, was es war, als einen witzigen Jungenstreich, war der Besungene. Professor Paulweber hatte eben das, was so manche Pädagogen von heute nicht besitzen: Herzensgüte und die noch seltenere Gabe, die eigene Person hinter die Sache zu stellen und der Jugend nichts zu verübeln, was nicht gegen die Moral verstößt. Für das Gerechtigkeitsgefühl Paulwebers spricht ferner die Tatsache, daß er, als mein Vater einst in der deutschen Sprache ein schäbiges Genügend ins Zeugnis bekommen sollte, in der Konferenz dagegen auftrat und sagte, ein Schüler, der solche Verse schreibe, verdiene sicherlich eine bessere Note.

Das Lied gehörte bald zu den beliebtesten Kantussen der Innsbrucker Mittelschul- und Huchschuljugend und wurde von Generationen von Studenten auf den Kneipen, oft gleich nach dem Gaudeamus“, gesungen. Zuletzt hörte ich es -freilich lückenhaft - im Jahre 1925 bei einer fünfzigjährigen Maturfeier von neun silberhaarigen Greisen mit jugendlicher Begeisterung vortragen. Den alten Paulus hat es um mehr als ein Menschenalter überlebt. Erst seit etwa mehr als einem Jahrzehnt ist es allmählich verklungen und verblaßt. Heute möge es, da es in diesem Jahre 70 Jahre alt geworden ist, hier stehen als kleiner Beitrag zur Literaturgeschichte Tirols. Denn es lebt noch so manches bemooste Haupt, das es einst mit jugendfrischer Stimme sang, und dann ist es aus einem anderen Grunde nicht unwichtig. Denn mit diesem Liede betrat mein Vater als Siebzehnjähriger den Weg in die Öffentlichkeit als Tiroler Dichter. Und Dr. Anton Dörrer hat darum gar nicht so Unrecht, wenn er meinen Vater als Parodisten einordnet, obgleich dessen wahre Bedeutung auf dem Gebiete der reinen Lyrik liegt, was ich hiemit festgestellt haben möchte. - Nachstehend der Text des „Paulusliedes“.

Fordere niemand mein Schicksal zu hören,
Wenn der Paulus bedeutungsvoll winkt.
Könnt' ich rettende Geister beschwören,
Eh' das Herz in die Hosen mir sinkt!

An den Heiß, den verhaßten, gekettet
Und von Dupeln umdräut, sitz' ich hier,
Habe von Algebra gar nichts gerettet,
Kaum, daß fünf ich zu fünfzehn addier'.

Auch der Kunzeck erweckt mir ein Grausen,
Nehm' ich seufzend den Argen zur Hand,
Gleich befällt mich ein Schwindel und Sausen
Und ich gleiche dem Kalk an der Wand.

Tief in dem Herzen ergreift mich ein Bangen,
Ringsum wird mir so übel, so weh,
Denn nach Besserem steht mein Verlangen:
Paule, quidnam persequeris me?

Ach, wie schreitet das Unglück so schnelle
Und wie schwindet so flüchtig die Zeit!
Schon erscheint der Popanz an der Schwelle,
Furcht und Zittern in seinem Geleit.

Vor die flirrende Tafel gerufen
Und von Wurzeln bedräuet - o Gott! –
Wank' ich über die knarrenden Stufen,
Gleich als ging es hinauf zum Schafott.

Da vergeht mir so Hören wie Sehen,
Wenn der Kobold zur Seite mir steht.
Götter, seufz' ich, erhöret mein Flehen!
Amor, Bacchus, vernehmt mein Gebet!

Kommt! Entrückt mich der drückenden Lage!
War euch ja stets doch ein williger Sohn,
Will euch dienen bei Nacht und bei Tage –
Helft mir, Ihr Götter, nur diesmal davon! –

Doch auf ihren olympischen Sitzen
Kümmern die Götter um Menschen sich nicht.
Mögen Tausende stöhnen und schwitzen,
Pah! Sie wohnen im ewigen Licht.

Amor zielt nach der Himmlischen Herzen,
Bacchus schwelgt am nektarischen Faß,
Musen liebeln und schäkern und scherzen,
Taub für Bitten, auf ihrem Parnaß, -

Gravitätisch mit eisernen Blicken
Legt der Böse die Fragen mir vor,
Hustet seltsam, als möcht' er ersticken,
Schaut ästhetisch zur Decke empor.

Und beginnt sich bedenklich zu neigen.
Also steh' ich, ein wehrloses Lamm,
Stets verharrend in sinnigem Schweigen,
Und zerzupfe verlegen den Schwamm, -

„Schad’ um die Zeit und schad’ um die
Kreide!“
Lautet endlich der strenge Bescheid.
Paulus spricht's mit verhohlener Freude,
Mich erfüllt's mit gewaltigem Leid.

Doch die Frage war gar zu verfänglich
Und mein armes Gehirne zu leer.
Alle Dinge sind kurz und vergänglich
Und ein Dupel, er trägt sich nicht schwer.

Und das Kneipen, das muß ich nun lassen
Und entsagen dem schäumenden Bier
Und bei modernden Schriften verblassen,
Bis ich endlich vor Ärger krepier’.

 

Jahrzehntelang fahndete ich nach dem „Paulusliede“ ohne Erfolg. Schließlich fand ich in dem 81jährigen Herrn Landesrechnungsrat Dr. Franz von Zimmeter, der in Innsbruck lebt, einen einstigen Paulusschüler und begeisterten Verehrer der Dichtungen meines Vaters. Er konnte den Text des „Paulusliedes“ auswendig und war so liebenswürdig, mir eine Abschrift zu besorgen. Ich danke ihm an dieser Stelle herzlichst dafür, daß er dieses Lied, das noch vielen älteren Innsbruckern Freude bereiten dürfte, durch seine Begeisterung der Nachwelt erhalten hat.

Quelle: Walter Obrist, Das Pauluslied. Aus Innsbrucks Gymnasialleben vor siebzig Jahren. In: Tiroler Heimatblätter, 9. Jahrgang, Heft 1, Jänner 1931, S. 12 – 14.