SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Tirol >> Innsbruck

   
 

DER HÖLZERNE ALMPUTZ

Vor vielen Jahren giengen einmal drei Jäger von Hötting auf die Jagd. Weil sie noch spät hoch oben im Gebirge waren, wollten sie am selben Tage nicht mehr heimgehen, sondern suchten die Ambrückler Alm (im Volksmunde "Umbrüggler Alm") auf, um in der Hütte zu übernachten. Sie machten in derselben Feuer auf, wärmten sich und trieben viel rohe Spässe. Einer schnitzte zum Gaudium des zweiten aus einem großen Holzscheit eine derbe Puppe, die den Almputz vorstellen sollte, hüllte sie sodann in einige grobe Lumpen, die sie in der Hütte vorfanden, setzte ihr einen Hut auf und steckte ihr Speck in den Mund, wobei sie in ein tolles Gelächter ausbrachen.

Der Jüngste unter den dreien aber that nicht mit; ihm war der Spaß nicht geheuer, und er fürchtete die Strafe für diesen Übermuth. Zuletzt nach vielem Gespött mit dem hölzernen Putz boten sie diesem die Schnapsflasche an und schütteten ihm, weil er sich nicht rührte, Schnaps in das Maul. Er mußte ihnen Bescheid trinken. In dem Augenblicke fieng es draußen an zu wettern und zu blitzen und zu donnern, so daß der Jüngste zitternd den Heustock aufsuchte und sich warm einmachte. Als die beiden andern ihr Spiel fortsetzten trotz Blitz und Gekrache, da that es ganz nahe bei der Hütte einen so gellenden, unheimlichen Pfiff, daß die Frevler windelweiß wurden und den hölzernen Putz schleunig ins Feuer warfen. Und - hast mich nicht g'sehen - schwingen sie sich flugs auf den Heustock hinauf und verbergen sich im Heu. Aber in selben ist auch schon der leibhafte Almputz in der Hütte und auf dem Heustock, die Übermüthigen zu strafen. Dem Jüngsten der Jäger ergieng es, weil er nicht mitgeholfen hatte, am glimpflichsten; der Putz schlug ihm bloß eine ausgibige Maultasche, dem zweiten versetzte er schon einen solchen Schlag auf denn Fuß, daß er zeitlebens davon hinkte, dem Ältesten aber, der "den Poppen" geschnitzelt und am rohesten gespasst hatte, riß er den Kopf vom Leibe und steckte ihn zur Warnung draußen auf das Hüttendach. Mit Entsetzen erwarteten die beiden, die noch mit dem Leben davonkamen, den Morgen: dann suchten sie wohl geschwind das Weite. Auf die Ambrückler Alm sind sie nie mehr hinaufgestiegen.


Quelle: Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, gesammelt und herausgegeben von Johann Adolf Heyl, Brixen 1897, Nr. II /38, Seite 75