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WILDE LEUTE

1.


In der schauerlichen Felsenschlucht der Kranebitter Klamm hausten vor Zeiten "Wilde" mit ihren Weibern und Kindern. Sie kamen häufig zum Kerschbuchhof heraus, um sich Milch, Brot und andere Lebensmittel zu holen und bezahlten mit Ledergeld.

Wilde Leute © Maria Rehm

Wilder Mann
© Künstlerin Maria Rehm
© Viktoria Egg-Rehm, Anita Mair-Rehm, für SAGEN.at freundlicherweise exklusiv zur Verfügung gestellt.


2.


Auch in den Wäldern des Imster Berges hielten sich "Wilde" auf und kamen bei recht stürmischem Wetter selbst in die Nähe der Dörfer, um sich Nahrung zu suchen. Wer einem solchen hungernden Riesen in die Hände fiel, wurde von ihm in Stücke zerrissen und aufgefressen. Ganz ins Dorf hinein wagten sie sich übrigens nicht, denn sie hatten keine Waffen und die Bauern rotteten sich, sobald sie ihrer ansichtig wurden, zusammen, um sie zu verfolgen.

Einmal wollte nun eine Dirne auf einem Acker mit Jäten des Unkrauts beginnen, als plötzlich ein "Wilder" aus dem Walde hervorkam und auf die Dirne zuschritt. Diese war vor Schrecken an allen Gliedern wie gelähmt. Doch der Riese sagte wohlmeinend:


"Nimm an Jun, *)
Nor kimmst dervun."


Freilich gab es gerade um jene Zeit viele Schafe, an denen er den Hunger stillen konnte, sonst wäre es der Dirne wohl schlecht ergangen.

*) "Jun" nennt man jenen Ackerstreifen, auf dem die Arbeiterin jätet.


Quelle: Sagen aus Innsbruck's Umgebung, mit besonderer Berücksichtigung des Zillerthales. Gesammelt und herausgegeben von Adolf Ferdinand Dörler, Innsbruck 1895, Nr 10, Seite 7f.