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Der verunglückte Natternbanner

Eine andere Alpe wimmelte derart von Schlangen, daß die Bauern schon bald kein Vieh mehr auftreiben wollten. Eines Abends bat ein Handwerksbursche um eine Nachtherberge in der Hütte. Man gewährte ihm dieselbe gerne und lud ihn zum Nachtessen ein. Die Senner kamen dabei auf die Schlangen zu sprechen und riethen hin und her, wie sie diese Bestien vertreiben könnten. Der Handwerksbursche hörte gespannt zu und fragte die Älpler, ob sie nie einen weißen Natternkönig darunter gesehen hätten. Als sie dies auf das entschiedenste verneinten, versprach er ihnen, alle Beißwürmer auf der Alpe für immer zu vernichten, wenn man ihm dafür einen gehörigen Lohn auszahle. Darauf giengen die Senner freudig hinaus, wo sie auf dessen Geheiß Holz zusammentrugen. Er errichtete damit einen weiten, kreisförmigen Wall. Gegen Mitternacht trat er in denselben hinein und entzündete das Holz. Dann begann er zu pfeifen und zischen, gerade wie die Schlangen, und alsbald wurde es ringsum lebendig; aus zahllosen Löchern und Höhlen, aus Sträuchen und Steinhaufen kroch es heran und schlüpfte ins Feuer. Auf einmal aber ertönte ein schriller Pfiff. Entsetzt fuhr der Schlangenbeschwörer zusammen und schrie schreckensbleich: "Der Natternkönig! Ich bin verloren!" Kaum hatte er diese Worte gesprochen, schoß eine ungeheure, weiß Schlange durch die Luft daher, bohrte sich durch den Unglücklichen und stürzte sich sodann ebenfalls in die Flammen. Seitdem blieb die Alpe von den Giftschlangen verschont.

Hätte der Natterbanner gewußt, daß ein König unter ihnen war, so würde er einen Baum in einer gewissen Höhle abgehackt, um den Strunk das Feuer angezündet und sich dann auf denselben hinaufgestellt haben. Hierauf wäre die weiße Schlange gegen den Baumstrunk geschossen und hätte sich dabei den Kopf zerschellt. Der Handwerksbursche aber wäre auf diese Weise am leben geblieben.
(Patsch)

Quelle: Sagen aus Innsbruck's Umgebung, mit besonderer Berücksichtigung des Zillerthales. Gesammelt und herausgegeben von Adolf Ferdinand Dörler, Innsbruck 1895, Nr. 116.