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Hexentänze

Wo der schroffe Felsgrat des Ampfersteines in die steinigen Halden der Nockspitze übergeht, bildet der Gebirgsstamm oberhalb der Lizumeralpe einen Übergang, das Halsl. Hier steht in öder Alpeneinsamkeit eine kleine Kapelle, das "Soalhüttl" genannt. Zu ihm suchen hie und da vom Unwetter überraschte Älpler während der Nacht nothdürftig Unterkunft, obwohl es drinnen nicht recht geheuer ist, und der Spuk schon manchen vor tagesgrauen vertrieben hat.

Einst übernachtete der Telferer Viehdoctor mit einem Hirten trotz Abmahnens des letzteren in dieser Kapelle. Doch kaum war, wie sie auf ihrer Uhr erfahren, das Betläuten vorbei, als sie eine herrliche Musik mit "Tampl und Trumml" herannahen hörten. Sie traten ins Freie und sahen einen langen Hexenzug vom Gipfel der Saile durch die Lüfte herabziehen. Jetzt flüchteten sich die beiden schnell wieder in die Kapelle; allein gerade diese hatten sich die Hexen zu ihrem Gelage auserkoren, denn mit einemmal wurde aus ihr ein großer Saal, in welchem viele vornehme Herren und Frauen durcheinanderwogten. Die zwei unfreiwilligen Zuschauer suchten sich möglichst verborgen zu halten; es standen ihnen die Haare zu Berge und der Angstschweiß drang ihnen aus allen Poren. Bald fieng die Gesellschaft zu kegeln, Billard zu spielen und zu tanzen an und spielte dabei ganz wunderbare Weisen auf. Man holte aber auch einen fetten Ochsen von der Lizumeralm herauf, schlug ihn ab und machte aus dem Fleische Würsteln, die von den Herrschaften zum größten Theil verspeist wurden. So vergnügten sie sich die ganze Nacht hindurch. In der Früh mit Betläuten war jedoch der ganze Spuk verschwunden, und die Kapelle wieder in ihrem alten Zustande. Daß die beiden nicht geträumt hatten, bewiesen ihnen die auf dem Boden herumliegenden "Roßgaggelen", in welche sich das Kegelspiel und die Speisereste verwandelt hatten.

Nun stiegen der Viehdoctor und der Hirte zur Lizumeralpe hinunter und sahen den Ochsen, welcher zum Hexenmahl verwendet worden war, mit gesenktem Kopfe und an allen Gliedern zitternd im Stalle stehen. Die "z'nicht'n Leut" hatten nämlich, da er keine Palmweihe erhalten, Macht über ihn bekommen.

Quelle: Sagen aus Innsbruck's Umgebung, mit besonderer Berücksichtigung des Zillerthales. Gesammelt und herausgegeben von Adolf Ferdinand Dörler, Innsbruck 1895, Nr. 108/4.