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DER SCHLEIFSTEINDIEB

Auf einem Markt in Innsbruck bot ein Händler Schleifsteine in einem Schubkarren feil. Da traf er einen Freund und gieng mit ihm auf kurze Zeit ins nächste Wirtshaus. Wie sie wieder zurückkehrten, waren die Schleifsteine sammt dem Karren fort. Den Händler traf der Schaden sehr hart, da er Vater von vielen Kindern war und er begann laut zu jammern. Sein Begleiter aber sagte in begütigendem Tone: "Do thuat ma nit larmen; du wearst glei wieder zu dein Soch kemmen", zog ein kleines Büchlein aus der Brusttasche hervor und begann darin schnell zu lesen. Bald rannte auch ein Mann schweißtriefend mit dem Schubkarren daher und stellte ihn wieder in dieselben "Matzlar", in denen er früher gestanden hatte.

Innsbruck,  Fassadenmalerei, Foto-© Wolfgang Morscher

Innsbruck, Fassadenmalerei, Südring
Foto-©: Wolfgang Morscher

Mit dem gestohlenen Gut war der Dieb inzwischen schon bis hinter den Berg Isel gekommen und mußte nun, als der Freund des Bestohlenen zu lesen begann, so schnell umkehren, daß die Schleifsteine bei der raschen Wendung des Karrens bald herausgeworfen wären. Auch mußte er bei jedem Worte, das gelesen wurde einen Schritt machen und kam halb zu Tode geschunden auf dem Markte an.

Aus Mitleid bot ihm der Besitzer der Schleifsteine einen Schluck Schnaps an, allein der Dieb sagte ganz erschöpft: "Na, i mog koan". Darauf ließen sie ihn seines Weges gehen; doch am andern Morgen war er eine Leiche.


Quelle: Sagen aus Innsbruck's Umgebung, mit besonderer Berücksichtigung des Zillerthales. Gesammelt und herausgegeben von Adolf Ferdinand Dörler, Innsbruck 1895, Seite 105