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DAS VERTRIEBENE WICHTL

Zu Weerberg im Unterinnthal hauste auf einem Bauernhofe ein Wichtl, das zwar niemandem etwas zu Leide that, aber doch die Leute nur zu gern zum besten hielt und sie auf alle mögliche Weise neckte. Deshalb wäre man dasselbe gar gern losgeworden, wußte aber nicht, auf welche Weise man es vertreiben könnte. Endlich entschlossen sich die Bauersleute, um dieser Plage abzukommen, sich auf einem anderen Anwesen niederzulassen. Als sie bereits am Ausziehen begriffen waren, meinte das Wichtl: "Iatz muass i decht a wondern" und zog richtig mit den Hausinsassen in das neue Heim ein. Da gieng der Bauer zu den Kapuzinern und fragte sie um Rath, wie er vor dem Knirps endlich Ruhe bekommen könnte. Ein Pater rieth ihm, er solle ein rothes Jäcklein machen lassen und es dann dem Wichtl hinlegen. Der Bauer befolgte diesen Rath und ließ durch die "Nottarin" ein solches Röcklein machen. Diese vergaß aber die Knöpfe hineinzunähen. Als dasWichtl kam, und das "G'wantl" erblickte, tanzte es lachend in der Stube herum und rief:


"A Reckl
Ohne Knepfln,
A Reckl
Ohne Knepfln;
I muäß nit giehn,
I kun dobleib'n!"


Jetzt war wieder guter Rath theuer, und der Bauer gieng nochmals zum Kapuzinerpater, um ihn um Auskunft zu bitten. Der Mönch hieß ihm die Knöpfe noch nachträglich hineinnähen zu lassen, denn an dem Röcklein dürfe freilich nichts fehlen. Wenn das Wichtl aber frage, ob es noch dableiben dürfe, solle man es ihm beileibe nicht gestatten.

Als nun dasselbe das fertige Röcklein zu Gesicht bekam, fieng es an zu jammern und zu klagen und fragte weinend: "Jo derf i iatz nimmar dobleib'n?" Alle in der Stube Versammelten riefen einstimmig: "Na, na." Das Wichtl lief darauf laut heulend zur Thüre hinaus und wurde seitdem von keinem Menschen mehr gesehen.


Quelle: Sagen aus Innsbruck's Umgebung, mit besonderer Berücksichtigung des Zillerthales. Gesammelt und herausgegeben von Adolf Ferdinand Dörler, Innsbruck 1895, Nr 13, Seite 11f.