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DAS BIENERWEIBELE

Auf dem Schloß Büchsenhausen, das auf der unteren Talstufe der Nordkette dicht über Innsbruck gelegen ist, wandelt der Geist einer früheren Besitzerin dieses Ansitzes.

Schloss Büchsenhausen, Innsbruck © Berit Mrugalska

Schloss Büchsenhausen, Innsbruck
© Berit Mrugalska, Februar 2004

Schloß Büchsenhausen war ursprünglich um 1500 ein Gießhaus der Löffler, die dort Büchsen, das sind Kanonen, erzeugten. 1641 erwarb Kanzler Biener das Gebäude, und 1661 die Herren Delama, die es zu einem Schloß umgestalteten.

Wilhelm von Biener war ein sehr freisinniger Mann voll Begabung zur Satire in derber Form, deren Spitze er gegen die Stände des Adels und der höheren Geistlichkeit kehrte und sich dadurch auf den Tod verhaßt machte. Aber die Gunst der Erzherzogin schützte den bedeutenden und ihr treu ergebenen Staatsmann.

Am 2. August 1648 starb die Erzherzogin, und nun regten sich die Feinde des Herrn von Biener gewaltig, bis es gelang, seine Amtsentsetzung und seine Verhaftung zu bewirken, die am Hof am 28. August 1650 stattfand. Eine Kommission, bestehend aus lauter Feinden Bieners, eilte nach Büchsenhausen und forderte von dessen Frau die Auslieferung seiner sämtlichen Schriften und Papiere. Unter diesen befanden sich auch Satiren, die den Gegnern ein hochwillkommener Fund waren. Es wurde ein Hochverratsprozeß gegen Biener geführt, und da seine Feinde seine Ankläger und zugleich seine Richter waren, wurde er zum Tode verurteilt. Seine Gemahlin besuchte ihren Mann im Gefängnis und er, der sich keines Verbrechens bewußt war, tröstete sie mit den Worten. "Es müßte ja kein Gott im Himmel sein, wenn man mich als Unschuldigen hinrichte."

Am 17. Juli 1651 wurde der Herr von Biener öffentlich enthauptet. Das Richtschwert, durch welches sein Kopf fiel, hängt noch auf Büchsenhausen.

Biener Gassl,  Büchsenhausen, Innsbruck © Berit Mrugalska

Biener Gassl, Büchsenhausen, Innsbruck
© Berit Mrugalska, Februar 2004

Bieners Gemahlin hatte durch einen Boten beim Kaiser um Gnade für ihren Mann gebeten, und der Kaiser hatte diese Gnade gewährt; aber einer von Bieners grimmigen Feinden, der Kammerpräsident Schmaus, hielt den Boten auf, und die Hinrichtung erfolgte.

Wenige Tage später war dieser Schurke, der die Gnadenbotschaft aufhielt, durch Gottes Verhängnis eine Leiche. Frau von Biener wurde vom Wahnsinn ergriffen. Rast- und ruhelos irrte sie durch ihr ganzes Haus und schrie in einem fort: "Es ist kein Gott! Es ist kein Gott!" Endlich erklomm sie das Hochgebirge hinter der Martinswand und stürzte sich über senkrechte, schreckliche Felswände in eine noch schrecklichere Schlucht, aus der man sie nur noch als eine zerschmetterte Leiche trug und nach Hötting brachte. Dort erhielt die unzurechnungsfähige Unglückliche in der Kirche ein ehrliches Grab links vom Altar, auch einen Grabstein, aber ohne Schrift, nur ein Kreuz darauf gehauen.

Nachher ist diese Abgeschiedene zum öfteren in Büchsenhausen als ein wandelnder Geist erschienen; viele haben sie gesehen, und das Volk hat ihr den Namen "das Bienerweibele" beigelegt. Dunkel gekleidet, langsam und ernst schreitet der Geist durch alle Zimmer, geht durch festverschlossene Türen, erscheint dem Hausherrn und der Hausfrau vor deren Ableben mit wunderbarer Tröstung, zeigt bevorstehende Todesfälle in der Familie an und tut niemandem, der nicht gegen sie frevelt, etwas zu Leide. Ein solcher Frevler lag freilich, im Jahre' 1720 geschah es, am Morgen mit umgedrehtem Kopf tot im Bett. Der Geist erscheint in einem schwarzen Sammetjöpplein, trägt auf dem Kopf ein Ohrenhäubchen, landesüblich "Hierinnen" genannt, mit schwarzen Spitzen, auf dem Hinterhaupt ein Juwelenkrönlein, das eine vergoldete Silbernadel im Zopfe festhält. Man sagt, daß die Erscheinung früher ganz schwarz gewesen sei, jetzt aber mehr grau, und daß sie immer heller und dann endlich erlöst werden wird.

Biener Gassl,  Büchsenhausen, Innsbruck © Berit Mrugalska

Schloss Büchsenhausen, Innsbruck
© Berit Mrugalska, Jänner 2004


Quelle: Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Mythen und Sagen Tirols. - Zürich 1857