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Die Totentruhe

Im Defereggental, wo die Tiroler Teppichhändler wohnen, die so häufig Deutschland durchziehen und sagen, sie seien aus dem Pustertale, weil dieses bekannter ist, kehrte einmal eine kleine Gesellschaft Gaßlgeher (Fensterlngeher) aus St. Jakob von ihren beglückenden Liebesgängen nach Obkirchen mitsammen heim. Es war Nacht und heller Mondschein. Auf einmal erblickten die Burschen mitten über ihren Pfad eine Totentruhe gestellt. Diese Erscheinung befremdete die jungen Leute sehr, sie wurden ernst und wichen schweigend der Truhe aus, allein nach kurzer Weile stand dieselbe abermals vor ihnen, quer überm Weg. Dies wiederholte sich einige Male; da endlich faßte sich einer das Herz und sprang mit einem lustigen Juchzer über die Truhe hinweg, und die Kameraden, von denen keiner Furcht zeigen wollte, folgten ihm einer nach dem ändern. Da kam die Erscheinung nicht wieder, aber die Buben von St. Jakob sind hernach doch niemals wieder auf die Höfe bei Obkirchen ins Gaßl gegangen und haben es ihren dortigen Dirndln überlassen, sich andere Verehrer anzuschaffen.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 338.