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Der gewarnte Senn

Der Schweighofer Sepp, Senn auf der Lagotzeralm zuhöchst am Volderer Berg, war versprochen mit der einzigen Tochter des Mitterlechenbauern auf dem kleinen Volderer Berg. Fällt ihm einmal ein, zu Nacht zu ihr aufs Fensterin zu gehen - und geht richtig hin, lehnt ein Leiterl an, steigt hinauf und will beim Fenster klopfen, aber da hört er weinen drunten an der Leiter. Er steigt hinab, sieht nichts - und hört nichts mehr. Denkt, daß es ihm nur so vorgekommen, und steigt wieder hinauf. Aber noch bitterlicher weint es drunten, und wieder steigt er hinab, und wieder sieht er nichts und ist alles mäuschenstill. Beim Sackra, denkt der Sepp, wos ist des? Er steigt noch einmal hinauf, jetzt aber rüttelte es seine Leiter so tüchtig, daß er einsah, daß unten wohl ein starker Knochen sein muß. Er ist selbst ein starker Kerl und steigt gleich hinab, sieht ein kleines Mandl, welches die Gassen hinunterläuft, er springt nach, und wenn er meint, er hat's, so war es entwischt, und so kamen sie weit fort vom Hof, endlich verschwand es gar. Es war so weit abseits, daß er nicht mehr Zeit hatte, zurückzugehn, sondern ging seiner Arbeit nach. Sepp erzählte es seinen Kameraden, da sagten sie ihm: das sei gewiß ein "Pitzl" gewesen, was scheine, daß es ihn gewarnt habe, und rieten ihm, von Lieb' und Heirat zu lassen, es würde gewiß nicht gut ausgehen. Doch Sepp schlug alles in den Wind; nach zwei Jahren erhielt der Schatz den Mitterlechenhof, und nun heirateten auch beide frischweg, beneidet in der Umgegend. Aber schon nach einem Jahre starb sein Weib - nach einem zweiten brannte ihm Hof und Stall und die eingebrachte Ackerfrucht samt dem Heuvorrat nieder, und bald war er ärmer als früher. Da fiel ihm wohl oft die Warnung vom Pitzl ein, doch war es zu spät!

Jetzt suchte der Sepp wieder Dienste, fand auch einen Platz als Senn auf der Hochlizumalpe, begann aber zu kränkeln, mußte sich im Herbst legen, und nach drei Tagen war er tot.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 101