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Der Ritter auf Wiesberg

Beim Eingang ins Paznauntal steht auf sonnigem Hügel die gebrochene Feste Wiesberg. Der Wiesberger Ritter war ein gar wilder Geselle und lebte mit vielen seinesgleichen, dem Raube und jeder Gewalttat ergeben, auf seiner unüberwindlichen Burg. Reich war er wie kein anderer im Gau, daher ließ er unter der Burg ein langes Gewölbe in den Felsen brechen, zu einer Kegelbahn gestalten und mit goldener Kugel und silbernen Kegeln versehen. Es war um die Zeit, als das junge Christentum durch eifrige Apostel ins Land getragen und die milde Lehre überall bereitwillig aufgenommen wurde. So drang die Christuslehre auch über Vintschgau, Oberinntal ins Stanzer Tal, doch der wilde Ritter verhinderte den Eingang derselben ins Paznaun. Grausam verfolgte er die neuen Christen, grausamer ihre begeisterten frommen Priester, und mit Trotz und Hohn verschwelgte er bei Becherklang, Nachtgelagen und Kegelspiel jene Festtage, welche die Kirche als besonders heilig der Stillen Andacht empfiehlt - kurz er war einer jener Gottlosen, der, wie auch jetzt unter den Christen viele, die Festtage mit Übermaß an sinnlichen Genüssen feierte.

Als endlich der böse Ritter gestorben und sein Leib in die Gruft getragen war, da sah man nur zu deutlich, daß der Gestorbene keine Gnade vor Gott gefunden, denn er wandelte als unseliger Geist nächtlicherweile durch die Gänge und Hallen, oder er bestieg ein feuriges Roß und ritt ins Tal, wo er die Wanderer dermaßen verfolgte, daß sie große Umwege machten, um nicht in die Nähe des Verruchten und Verfluchten zu kommen. Nicht selten sieht man den wilden Ritter als feurige hohe Tanne im Walde brennen, beim Morgengrauen aber zieht er ins Schloß, steigt in die Tiefe und spielt mit ändern verdammten Rittern mit dem goldenen und silbernen Kegelspiele und wirft so laut drein, daß es an einer gewissen Stelle am Berge genau gehört werden kann. Diese Sage gehört zu denen, in welchen sich die Riesenmär zur mittelalterlichen Rittermär verjüngte und umbildete; das Kegelspielen im Berge begegnet sehr häufig in den Sagen waldiger Gebirge, bald aber sind es Riesen, bald sind es Ritter, und oft noch knüpfen sich andere Beziehungen daran; Kegel aufsetzen, Wein holen u. dgl. durch unschuldige Mädchen oder Jünglinge, die dann insgemein schönen Lohn davontragen.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 198.