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Überschüttete Stadt Platzalanz

Ungefähr eine Stunde von Bludenz stand vor etwas mehr als vierhundert Jahren am Abhang eines Berges eine große, schön gebaute, reiche Stadt, "Platzalanz" genannt, deren Einwohner aber tief im Sünden- und Lasterpfuhl versunken waren, und nur wenige redliche Seelen gab es darunter. Unter letzteren war auch ein gottesfürchtiger Hirte, der schon viele Jahre die Herde der Stadtbewohner auf die Weide führte. Da begab es sich, daß auf einmal der sonst lustige, fromme Jüngling jeden Abend mit trauriger Miene nach der Stadt zurückkehrte, und als man ihn fragte, warum er so traurig sei, antwortete der Hirte tief aufseufzend: "Ach! wenn ihr wüßtet, was euch und der Stadt in Kürze bevorsteht, ihr würdet gewiß umkehren von dem bösen Wege, den ihr wandelt, und den Herrn bitten, daß Er euch gnädig sei und vor dem nahen Unglück der Überschüttung bewahre." Der Hirte erzählte den Städtern weiter, daß er es mit eigenen Augen sehe, wie sich droben im Gebirge täglich ungeheure Felsenblöcke ablösen und dunkle Schluchten sich auftun. Aber die Einwohner waren leichtsinnig, verblendet und verstockt, daher achteten sie nicht auf die Warnungsstimme, die aus dem frommen Hirten sprach. Derselbe packte daher alles, was sein war, zusammen und zog bald darauf aus der Stadt.

Um Mitternacht entstand ein Gekrache und Gepolter, als ob der Himmel einstürzen wollte, und alle Elemente waren empört. Der halbe Berg stürzte über die Stadt, die mit Mann und Maus so tief begraben wurde, daß nur mehr das Kreuz vom hohen Pfarrkirchturm drei Schuh über den Schutt stand, als trauriges Wahrzeichen des langsam, aber gewiß kommenden Gottesgerichtes.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 218.