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Das Pechmandl

Zu den Mythengestalten, mit denen in dem Buche "Mythen und Sagen Tirols" die deutsche Mythologie durch den Herausgeber bereichert wurde, tritt in der Innsbrucker Gegend noch eine neue, aber nicht klare Gestalt, welche völlig klarzumachen der künftigen Forschung vielleicht gelingen wird, vielleicht auch nicht, das ist: das "Pechmandl". Dasselbe scheint kaum etwas anderes zu sein als in Deutschland der Sandmann, von dem die Ammen erzählen, daß er komme und den minder schläfrigen Kindern Sand in die Augen streue. Das Pechmandl Tirols verklebt mit seinem Pech die Augenlider - aber das ist nicht genug, es trägt auch eine Schnur, zu welchem Gebrauche, ist nicht ausgesprochen, doch dürfte hier der Mythus Schlaf und Tod in einer Gestalt vereinigt haben.

Man könnte aber auch die Schnur auf das durch den Schlaf völlige Gefesseltsein der Glieder des Leibes deuten. Ein alter Tiroler sagte, daß ihm sein Vater das Pechmandl als ein gutes Mandl geschildert habe; es habe einen Strick bei sich in der einen Tasche und eine "Gspachtl" voll Baumpech von Zirbenbäumen (Gspachtl ist eine Büchse oder Schachtel, in der die Jäger und Hirten ihre Butter zum Essen aufbewahren) in der anderen Tasche gehabt. Damit sei das Pechmandl heimlich hinter die Kinder geschlichen und habe ihnen ein wenig Zirbenpech über die Augen gestrichen, dann seien sogleich deren Augen zugefallen, und der Schlaf ist gekommen. Wozu das Mandl den Strick gebraucht hat, das hat ihm der Vater nicht gesagt. Die deutsche Mythenforschung hat sich überhaupt mit dem zur Kinderstube herabgestiegenen Elemente alten Volksglaubens noch viel zu wenig beschäftigt. Sie wird aber später sicher nachholen. Pechmandl und Sandmann, Roggenmuhme und Märzhackl oder Hacklmärz, Graule und Grille u. a. mythische Phantome der Kinderwelt haben die gleiche Berechtigung wie die altbekannten Gestalten des deutschen Mythus, beachtet, gedeutet und erläutert zu werden. Es gab ein altes Pechmandllied in Tirol. Schade, daß es verlorenging, vielleicht hilft ein Glücksfall zur Wiederfindung, nur der Schlußreim blieb erhalten und lautet:

Kommt's Pechmandl mit da Schnua (Schnur),
Druckt dem Kindl d' Aug'n zua.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 118