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Der Hahnschrei

Eine allgemein verbreitete und überaus heimische Teufelssage wiederholt sich auch in Trient.

Ein reicher und vornehmer Herr daselbst erbaute einen Palast und wünschte diesen in der allerkürzesten Zeit vollendet zu haben.

Da stellte sich ihm der Teufel als Baumeister dar und versprach dem Bauherrn, den Palast in einer Nacht zu vollenden, doch fügte er die Bedingung hinzu, wenn vor dem Hahnkrähen alles vollendet sein würde, so solle ihm des Bauherrn Seele gehören. Der leichtsinnige reiche Mann schlug ein, denn er glaubte an keinen Teufel. Wie er aber sah, daß eine unermeßliche Anzahl von sonderbaren, fremden Gesellen daherkam, die so schnell arbeiteten, daß der Bau wie ein Zauberwerk emporwuchs, und wie gegen ein Uhr nach Mitternacht schon fast alles fertig war bis auf ein weniges, lief er verzweifelnd herum und weckte durch sein Gestöhn die Magd auf. Diese, als sie das übernatürliche Zauberwerk sah und die Bestürzung ihres sonst guten Herrn wahrnahm, sprach ihm Mut ein, lief sogleich in die Küche, schüttete eine Tasse voll Wasser auf den schlafenden Haushahn, der geschreckt aufsprang und aus vollem Halse sein Kikeriki! schrie und so oft wiederholte, daß es durch alle Zimmer hellaut schallte. Und weil der Hahn vor Beendigung des Baues schrie, war die Seele des Herrn auch gerettet, und der Teufel war betrogen. Dieser ergrimmte aber so sehr, als er bei solchen, ihm schon häufig auch bei Deutschtirolern widerfahrenen Anlässen zu ergrimmen pflegte, erfaßte den unschuldigen Hahn und fuhr mit ihm durch die Wand hinaus. Das Loch darin können noch heute die Neugierigen sehen, die in Trient diesen Prachtbau, welcher Teufelspalast genannt wird, besuchen wollen. Man sagt, daß der Palazzo Tabarelli dieser Teufelspalast sei, andere hinwieder bezeichnen als solchen den Palazzo Saluzzo.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 357.