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DIE GOLDHÖHLE IM KAISER

Ein breiter, kahler, zackig und zerrissen aufragender Gebirgsstock an der Grenze Tirols gegen Bayern, rechts über Kufstein aufragend, heißt der Kaiser, der, in den Treffauer Kaiser und Hinteroder Wilden Kaiser abgeteilt, in mehreren bedeutenden Spitzen - Kaiserspitz, Hochkaiser, Scheffauspitz - weit sichtbar ist. In diesem Gebirge ist nach Sagen, die hauptsächlich im Leukental leben, eine große Höhle voll gewachsenen Goldes, welches jedoch von einem großen, furchtbaren Hund bewacht wird. Wer aber rechten Mut hat, kann schon wagen, etwas von jenem Schatz zu gewinnen. Er muß freilich den Weg nach der Höhle wissen oder erfahren, den nicht jeder weiß und der nicht auf der Landkarte steht. Ist er aber auf dem richtigen Wege, so gelangt er zwischen Felsenwänden an eine breite und tiefe Lache, und diese muß übersprungen werden, denn zur Seite geht kein Pfad, weder zur rechten noch zur linken, und rückwärts kann keiner gehen, der einmal so weit gegangen ist, daß er an die Lache gelangt, weil der schlimme Wächterhund plötzlich im Rücken steht und nicht wie bei andern Schatzhöhlen auf dem Golde liegt. Glückt der Sprung, so kann der kühne Schatzsucher ein unermeßliches Gut davontragen, denn dann ist der Rückweg frei, die Lache ist verschwunden. Mißglückt der Sprung, so versinkt der Schatzsucher in eine grauenvolle Tiefe und kommt nie wieder an das Tageslicht herauf. Wer aber vor der Lache stehenbleibt und sich nicht traut zu springen, den beißt der Hund in die Waden, und Geister umschwärmen ihn, bis er den Sprung wagt.


Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 23