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Das hinaus gekehrte Glück

In Schmirn werden die Reliquien eines Heiligen namens Felix verehrt, eines armen Dienstboten, der in seinem Stande sehr fromm gelebt hat und selig im Herrn verschieden ist. In seinem Leben war er bei einem Bauern im Dienste, und dieser Bauer schätzte ihn sehr hoch; denn offenbar war mit dem Knechte Felix der Segen Gottes in sein Haus eingezogen. Felix liebte seinen Dienstherrn und nur das stellte er ihm immer aus, daß sein Herz zu sehr an dem Zeitlichen hänge; der Kot dieser Erde sei nicht wert, daß wir ihn begehren und lieben; ferner solle er bedenken, daß nur der Segen des Himmels und nicht seine arbeitsame Hand allein das Hauswesen zu einem solchen Wohlstand gebracht habe, und er solle daher sich mehr dankbar gegen Gott bezeigen. Aber je mehr der Wohlstand im Hauswesen zunahm, desto weniger gott- und desto mehr goldselig wurde der Bauer und bereitete dadurch dem frommen Felix nicht wenig Kummer, dessen Herz voll Liebe nur das Beste seines Herrn wollte; ja allmählich bekam dei Bauer sogar den Irrwahn, die Güter dieser Erde, die er besitze, seien mehr wert als der Segen des Himmels. Einst ging er auf den Markt, um das letzte Stück Vieh, das in seiner geräumigen Stallung noch Platz finden konnte, einzukaufen. Mit einer Prachtkuh kam er heim, die ihresgleichen nicht fand von Sterzing bis Innsbruck. Als er über die Türschwelle trat und sah, wie die Dirn gerade beschäftigt war, mit dem Besen in der Hand den Unrat aus der Stube auszukehren, warf der Bauer in seinem Übermut die Worte hin: "Jetzt kannst du meinetwegen das Glück hinauskehren, jetzt hab' ich alles, was mein Herz begehrt." Es kam der Abend dieses Tages und damit die Zeit zum Nachtessen. Da war nirgends ein Felix zu finden. Man ging in die Kirche, und auch da sah man ihn nicht. Endlich erfragten sie zu ihrer größten Verwunderung, er sei heimgarten gegangen; denn wer immer daheim war oder in der Kirche die arbeitsfreien Stunden im Gebete zubrachte, war eben der fromme Knecht Felix. Doch niemand wußte von ihm. Er kam auch nicht zur Nachtzeit heim, aber dafür kam um Mitternacht ein schreckliches Ungewitter, das sich gerade auf dem Felde des Bauern entlud und Äcker, Wiesen, Haus und Stadel fortschwemmte und damit auch den Segen des Himmels oder das Glück, wie der Bauer im Frevel gewünscht.

Felix ist hernachmals wiedergekommen, hat als ein frommer Einsiedel gelebt und ist im Gerüche der Heiligkeit verstorben.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 308.