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Der Glockenhof

Über Volders geht der Weg hinauf zum Mittelgebirge durch den Volderer Wald, und in diesem steht ein Gehöft, an dessen Wand eine große Glocke gemalt ist, weshalb es auch der Glockenhof heißt.

In diesem Walde hauste einst eine Räuber- und Mörderbande, welche 32 Köpfe stark war und von der jedes Mitglied einen Namen aus der 32blättrigen deutschen Spielkarte führte. Der Führer dieser Bande wurde der Herz-König genannt und war ein Glockengießer seines Gewerbes, das er in einem einsamen Waldhause betrieb, welches durch seine abgeschiedene Lage ganz dazu geeignet war, zum Versammlungsort seiner schelmischen Spießgesellen zu dienen. Er war in seiner Kunst geschickt und hatte unter andern schönen Glocken auch die zu Mils bei Hall gegossen. Aus letzterem Orte ging eine Näherin einmal sehr früh des Morgens in dem Volderer Walde auf die Stör (in Lohnarbeit), sie hatte sich aber gar sehr verfrüht, denn als sie vom Mondschein geweckt wegging, glaubte sie, es gehe schon gegen Morgen, da doch kaum erst die Mitternacht vorüber war. Später hörte sie ferne Glocken schlagen, fürchtete sich nun und trat in einen Bauernhof ein, darin sie noch Licht sah. Es war die Stube des Glockengießers; sie stand offen und war leer; die Dirne machte sich in aller Stille hinter den Ofen, um den Tagesanbruch dort zu erwarten. Bald erschien der Herz-König mit einem Teil seiner Gefährten; sie ahnten keinen Lauscher, zählten Geld, plauderten von ihren Gaunereien und Menschenschlächtereien, wie manche ihrer Opfer geschrien und sich gewehrt, und zechten; dann suchten sie Rast auf dem Heuboden. Nur der Knecht machte Miene, sich hinter den Ofen auf die Bank zu legen, aber der Meister rief ihm zu: "Geh ins Bett, sonst tun dir morgen früh alle Knochen weh!" So ging denn auch dieser hinweg. Der Meister schob den Holzriegel vor die Haustüre und ging in seine Kammer. Jetzt war die Näherin von ihrer Angst erlöst; eilend schlüpfte sie aus dem Hause, ging zum Gericht und zeigte an, was sie gehört. Darauf wurde eine Mannschaft aufgeboten, der Hof umstellt und das Nest ausgenommen. Zum Geständnis war die Raubrotte bald gebracht, und die Rädelsführer, absonderlich der Meister und Herz-König, wurden zum Tode verurteilt. Da bat der letztere noch um die Gnade, daß das Gericht ihm vergönnen möge, die große Glocke für die Pfarrkirche von Mils fertig zu machen und daß man ihm dieselbe letzte Glocke auf seinem letzten Gange noch läuten wolle. Diese Bitte wurde gewährt, und unter den Klängen der großen Glocke von Mils erlitt der Sünder bußfertig die verdiente Todesstrafe.

Zum Gedächtnis dieses Ereignisses steht noch beim Glockenhof im Volderer Walde ein Marterl, auf welchem die Hinrichtung des Glockengießers durch das Schwert gemalt ist und herzbrechende Verse geschrieben stehen. Das ist geschehen im Anfang des 17. Jahrhunderts und ist sein Hab und Gut fiskalisch verkauft worden am 1. Juli 1634 an Hieronymus Kern, Bürger in Hall. Diese Glocke von Mils war berühmt wegen ihres herrlichen Tons, den sie gehabt, ist aber bei dem großen Brande vom 22. August 1791, welcher auch Kirche und Turm zerstörte, zugrunde gegangen. Eine ausführliche Beschreibung dieser Geschichte ist im Tiroler Nationalmuseum, nebst einer Abbildung des Glockenhofes, von der Hand des Schullehrers von Volders, Franz Praxmarer, geschrieben, aufbewahrt. Die alte Schrift trifft genau mit der mündlichen Volkssage zusammen, wie hier beschrieben, nur mit der Näherin ist es anders. Dort heißt es, nachdem die Greuel und Laster des Herz-Königs beschrieben: "Da nun das Maß und die Zahl der Missetaten dieses Glockengießers erfüllt waren, hat es sich begeben, daß etliche Näherinnen auf eine Zeit, das weiße Leingewand aufzuarbeiten, in sein Haus bestellt worden sind; wie nun diese gemeiniglich spät in die Nacht hinein zu arbeiten und zu nähen im Gebrauch haben, hatten sie eines Tags mit Entsetzen wahrgenommen, daß dieser Glockengießer nebst seinen Gesellen mit blutigen Händen nach Mitternacht nach Haus gekommen ist, worauf die Näherinnen voller Furcht und Schrecken zu arbeiten aufgehört und sich mit Angst und Sorgen zur Ruhe begeben, dabei aber bemerkt, daß viel Geld gezählt und ausgeteilt worden. Nach vollendeter und ausgemachter Arbeit haben diese Näherinnen der Obrigkeit angezeigt, was sie gesehen und gehört haben" etc.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 100