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DIE KIRSCHKERNE

Kirche Mariahilf, Innsbruck © Berit Mrugalska

Mariahilf-Kirche, Innsbruck
© Berit Mrugalska, Februar 2004

In der Pfarrgemeinde Mariahilf bei Innsbruck wollte vor 40 - 50 Jahren der dortige Bäcker in die Weihnachtsmette gehen und erblickte vor dem Kirchgang in einem Winkel seinen großen Hafen aus Glockenspeise, die er zum Aufbewahren der Asche verwendete, voll Kirschkerne. Seine Frau schlief bereits, daher konnte er sie nicht ausgreinen von wegen dem, daß sie sich vermuthlich ein delikates Kirschenkompott gekocht, was seine Lieblingsspeise war, und ihm nichts davon vorgesetzt habe. Um die Frau am Morgen in der Früh zu überraschen, steckte er einige Kirschkerne zu sich, wollte ihr dann einige zeigen und sie fragen, ob die Kirschen recht gut geschmeckt hätten. Also war richtig am Morgen sein Erstes die Frau zu fragen. Wie haben dir denn gestern die Kirschen geschmeckt ? Doch Frau und Magd meinten, der Meister Bäck spasse, lachten, und da er die Sache ernsthaft nahm, sagten sie, daß sie weder Kirschen gesehen, noch gekocht, noch genossen hätten. Nun fuhr der Bäck zornig mit der Hand in die Tasche , um ihnen die verrätherischen Kirschkerne vorzuwerfen, aber als er diese aus dem Sacke zog, waren es nicht mehr Kirschkerne, sondern blanke, glänzende Dukaten. Nun eilte er schnell in die Backküche, um die anderen Kerne zu holen, aber kein einziger war mehr im Hafen, sondern Asche - eitel Asche; und es kam die Reihe an die Frau ihren Mann anzuzanken, daß er nicht mehr Kerne eingesteckt habe. Einer von jenen Weihnachtsdukaten wurde im Bäckerhause zu Mariahilf noch vor 30 Jahren* den Neugierigen gezeigt, und ihnen dabei diese Geschichte erzählt.

*) Anmerkung: evt 130 Jahren?, in verschiedenen Ausgaben unterschiedliche Zahl! Erstauflage: 30 Jahre, Nachdruck 130 Jahre - vermutlich Satzfehler im Nachdruck.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 119