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DIE HEXEN ZU HÖTTING

Zu äußerst im Dorfe Hötting steht ein Bauernhaus, in welchem Bauer, Bäuerin und Tochter leben. Jedermann bewunderte die Bäuerin von wegen ihrer Flinkigkeit beim Arbeiten, sie war eine solche Verrichterin, daß sie in einer halben Stunde mehr leistete, als Andere, wenn sie auch die Fleißigsten waren, in drei Stunden. Eine Eigenheit hatte sie aber ansich - und wer ist unter uns frei von Eigenheiten oder Streichen ? - sie duldete Niemanden bei sich in der Küche, und niemals sah man sie etwas einkaufen, obgleich sie die besten Speisen kochte und im Überfluße täglich aufstellte.

Innsbruck-Hötting 1912

Innsbruck Hötting, 1912
Sammlung Stadtarchiv Innsbruck


Einmal war sie mit Kochen Beschäftiget, als ein Mädchen heimlich beim Fenster hineinguckte, und sah, wie die Bäuerin eine Pfanne auf das Feuer stellte, mit dem Kochlöffel drinnen umrührte, obgleich sie ganz leer war, und dazu sprach:


Her wie der Wind
Und Nudeln dreht euch g'schwind !


Asbald kamen Regenwürmer durch den Rauchfang herab, und fielen nacheinander in die Pfanne, und als die Bäuerin dieselben einigemal umrührte waren es die schönsten Nudeln. Diese Bäuerin starb eines gähen Todes, daher mußte Susel, (Susanne) die flinke rührige Tochter, das Hauswesen führen, und führte es mit demselben Geschick, wie ihre verstorbene Mutter, weshalb es nicht an Freiern fehlte, von welchen sie Einen als ihren Bräutigam auswählte. Der Bräutigam kam täglich gegen Abend, wenn die nothwendigen Arbeiten des Tages vorbei waren, zu seinem Mädchen in den "Hoamgart", mit Ausnahme des Donnerstages, den an diesem Tage gestattete sie den Besuch nicht. Dem jungen Bräutigam ging das Ding schon lange im Kopfe herum, weßhalb er am Donnerstag nicht seine Braut sehen dürfe, wurde neugierig, was sie treibe, und wollte sich davon überzeugen. Er schlich am nächsten Donnerstag Abends in ihr Haus und versteckte sich in der Küche hinter dem Waschkessel. Viele lange Stunden lauschte der Bräutigam vergebens im Verstecke, aber mit dem Glockenschlag eilf Uhr erbrausete es über dem Rauchfang wie ein Windsturm und es rief herunter: "Susel !" und es kam die Susel herein, und die Stimme befahl die Küche gut zu schließen, was sie auch that. Hernach nahm die Susel einen Besen, setzte sich darauf und sprach:


Einen Drahler, einen Drahl
Damit über Berg und Thal,
Obenaus und nirgend an !


und flog pfeilschnell durch den Rauchfang, in welchem eine blaue Wolke war, die bei der Durchfahrt die Besenreiterin umhüllte. Der Bub hatte genug gesehen, er wollte nach Hause eilen, für immer, für ewig; allein die Thüre war verschlossen, das Küchenfenster zu klein zum Hinaussteigen, er mußte im Orte des Schreckens verweilen, und ergab sich in sein Schicksal und kroch in sein Versteck. Nach Mitternacht fuhr Susel auf gleiche Weise durch den Rauchfang in die Küche, wie sie fortgefahren war, war aber sehr erhitzt und schwer athmend, und als sie den Besen in den Winkel gestellt hatte, wollte sie die Thüre öffnen, um aus der Küche zu gehen. Aber plötzlich kehrte sie sich um, und sagte: Muß doch sehen, wer die Thüre aufzumachen probirt hat, und wollte suchen. Jetzt trat der Bursche rasch auf sie zu, und wollte ihr Vorwürfe machen, doch die Hexe bohrte ihn mit ihren bösen Augen fast nieder, und drohte: Du sollst von jetzt an deine Lebenstage kränkeln, und sobald Du Jemandem etwas von dem Geheimnisse sagst, so mußt du sterben. Traurig schlich der Bräutigam nach Hause, wurde von Stunde an kränklich, denn die Hexe hatte es ihm angethan; er beichtete endlich was er gesehen und gehört. Der Beichtvater rieth ihm sehr ernst diese Sache nicht zu verheimlichen, sondern sie vor Gericht anzuzeigen. Der junge Mann folgte dem Rathe, und starb noch desselben Tages. Nun wurde die Susel eingezogen und zum Bekenntnis gebracht. Sie nannte ihre eigene Mutter als Lehrmeisterin, gab noch eine Anzahl Höttinger Frauen und Mädchen als Hexen an, mit denen sie zum öfteren auf dem Solsteine gewesen sei und droben den Hexensabbath in jeder Donnerstag-Nacht gehalten habe. Denn der Donnerstag ist der Hexensabbath - das ist allbekannt. Alle Beschuldigten wurden eingezogen und mit ihr zum Feuertode verurtheilt. Auf dem Bühl hat lange ein Pfahl gestanden, wo die Hexenbrut verbrannt wurde, was erst vor etwas mehr als zweihundert Jahren geschehen ist, und worüber die Roaner Theres im Höttingerried noch viele Einzelheiten zu erzählen weiß, welche sich als unverfälschte Familienüberlieferungen bis in die neueste Zeit erhalten haben.


Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 125, Seite 125