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DER MÜHLENGEIST ZU AMRAS

Nahe dem Dorfe Amras steht vom Schloß- oder Schmiedbach getrieben, die Schloßmühle. In dieser saß ein Müller, der ein arger Wucherer war und in einer sehr theuren Zeit alles Getreide aufkaufte, und dem armen Volke das ohnehin schlechte Mehl noch vertheuerte. Oft machte ihm deshalb sein gutes und frommes Weib Vorwürfe, welche jedoch nichts fruchteten. Indessen hat der allgerechte Gott gegen den schändlichen Kornwucher eine züchtigende Geißel in die Hand der Allmutter Natur gelegt - das ist der Kornwurm - und eines schönen Tages zog es aus des Müllers Bodenloch (nämlich aus dem Estrich, den er als Getreidemagazin benützte) wie Dampfwolken, und davon flog in Gestalt von Millionen kleiner Rüsselkäferchen das liebe Korn: denn des Käfers Weibchen kommt und bohrt ein Löchlein in jedes Korn, und legt ein Ei hinein, das wird darin lebendig, und dann fliegt der helle Haufen aus. Ein Weibchen legt über 6000 Eier.

Schlossmühle Amras, Innsbruck Wolfgang Morscher

Untere Schloßmühle, Schloß Amras Innsbruck
© Wolfgang Morscher, 13. Mai 2001

Der Müller sah sich zu Grunde gerichtet und griff nach dem letzten Mittel für gottverlassene Feiglinge, nach dem Strick, und henkte sich in seiner Wohnung mit eigenen Händen auf. Fortan mußte der Müller als Kornputz geistern, und so erschien er wiederholt einem verwaisten Knaben, der erst die Schafe und Geise der Gemeinde hütete, und sich nebenbei mit Holzschnitzerei beschäftigte, dann aber von der Gemeinde zur verwitweten Müllerin in die Lehre gethan wurde. Mehrmals lief der Seppele, das war des Knaben Name, auf und davon, wenn er den Mühlputz erblickte, der in einem grauen Mantel und in einem das ganze Gesicht verdeckenden Hute erschien - endlich aber faßte Seppele sich ein Herz den Putz zu besprechen, nachdem ihm sein Beichtvater dazu ermuntert hatte, und nun sagte der Putz, Seppele könne ihn erlösen wenn er soviel Kreuzer zusammengebettelt um eine Wallfahrt nach Absam zu machen, und dort für ihn drei heilige Messen lesen lassen zu können. Von der Stunde dieser Erscheinung an wurde der Lehrbub stumm, verließ das Werk, und bettelte fast zwei Jahre, ehe er die Kreuzerzahl beisammen hatte, mit denen er asbald nach Absam ging, die Messen lesen ließ und am Seitenaltare vor dem wunderthätigen Muttergottesbilde daselbst kniete und inbrünstig betete. Als er die Kirche verlassen wollte, vertrat ihm der Geist den Weg, führte ihn zum Altar zurück und hieß ihn weiter beten, was er zum dritten Male wiederholte, obgleich dem armen Seppl, der noch nichts gefrühstückt hatte, dabei fast die Ohnmacht ankam. Auf einmal stand der Mühlgeist ganz weiß vor Seppl und sprach: Nun bin ich erlöst, habe Dank! Verkünd es allen Leuten, und ich will bei Gott um eine selige Sterbestunde für dich bitten. Hernach hat der Seppl ein Votivbild in die Kirche zu Absam gestiftet, darauf dargestellt ist, wie er betet und der Geist erscheint. Später mußte selbiger Seppl mit in den Krieg und kam bis nach Neapel, wo er erkrankte und selig in dem Herrn entschlief. An seinem Sterbebette erschien ihm noch einmal der Mühlputz in lichter Glorie vollbrachter Läuterung.


Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 129, Seite 131