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Der graue Ritter

Es lebte einmal ein armer Bauer zu Patsch oberhalb Innsbruck in der Nähe vom "heiligen Wasser", namens Hippolit, der stak ganz gewaltig in Schulden, und seine Gläubiger drängten ihn sehr, weil sie begannen, ungläubig gegen seine Zahlungsfähigkeit zu werden. Es war nahe daran, daß das arme Bäuerlein sein Gut mit dem Rücken ansehen mußte, was bekanntlich der böseste Blick ist, den es geben kann. Ob der Hippolit selbst schuld an dem Verfall seines Hauswesens war oder nicht, das kann dabei nicht in Betracht gezogen werden, genug, daß sein Unglück ihn sehr verrückte und kränkte und ihm viele trübe Gedanken machte; Gedanken etwa, ins Gebirge hinaufzugehen und sich am ersten besten Zirbelbaum aufzuknüpfen. Diese Gedanken führte der Hippolit auch richtig aus, das heißt, er ging ins Gebirge, hinauf zum Glunkezer (Berg).

Unterwegs, an düsterer Stelle in tiefer Waldeinsamkeit, begegnete dem Hippolit eine Mannesgestalt von ungewöhnlicher riesenhafter Größe und gekleidet in ganz altfränkische Rittertracht, redete ihn an und sprach mit dumpfer Stimme, in die sich aber etwas Hohn mischte: "Gelt, Hippolit! Es geht dir halt wohl schlecht! Aber schau, magst d' a Geld, so will ich dir Geld und Sach'n genug geben, brauchst nur statt meiner a bißl die kalte Pein zu leiden -heißt das, es hat damit noch lange Zeit, nicht früher als bis du tot bist, und lebst noch lang, o du lebst ja lang! Und nachher hast du weiter nichts zu tun als mich ablösen und alleweil a bißl z'friern und Schatz hüt'n. Es wird dir halt gar kalt sein, aber kannst dich ja warm anziehn."

Dem guten Hippolit fiel der bekannte Spruch ein: "Wann i a Geld hun, bin i luschti" - und da er lange nicht lustig gewesen war, so wollt' er es nun sein und dachte: Habe ich doch jetzt von wegen meiner Schulden bald die heiße, bald die kalte Pein auszustehen, bald schwitz ich für Angst, und bald klappern mir die Zahn' - und da schlug er seine Hand in die eiskalte Hand des Ritters, der zu ihm sagte: Geh nur heim, wirst's schon finden. Voll Hoffnung ging der Hippolit heimwärts, da kamen ihm schon die drei Söhne entgegen und jubelten, daß sie einen Schatz gefunden, einen Sack voll Taler. Des war Hippolit sehr froh, zahlte seine sämtlichen Schulden bei Heller und Pfennig ab und befolgte fortan in guter Ruhe mit seinen Söhnen das beherzigenswerte Sprüchlein:

Lebe, wie du, wenn du stirbst,
Wünschen wirst, gespeist zu haben,

denn es speist sich sehr gut mit dem stillen Bewußtsein, keinem Menschen einen Pfennig schuldig zu sein.

Übrigens vergaß Hippolit durchaus nicht, wie so viele Reichgewordene tun, das, was er in seiner Armut versprochen, zu halten; er ließ sich richtig eine ganze Schatzhütergarderobe anmessen und befahl seinen Söhnen, diese ihm in den Sarg mitzugeben, sobald er gestorben sein werde. Er starb aber noch lange nicht, sondern lebte in seinem Schöpfer vergnügt und froh und sah noch Kindeskinder. Endlich starb er doch unversehens, alles geschah nach seiner Anordnung, und am Abend nach dem Gebetläuten schritt Hippolit in seinem lodenen warmen Winterkleid hinterm Hause durch die Gattertür, zum Glunkezer hinauf und hütet alldort die Schätze des grauen Ritters, wahrscheinlich noch bis auf den heutigen Tag.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 130