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Das beste Wetter

In der Gemeinde Wald bei Hall lebte einst ein braver Bauer namens Seppl. Er war ein Mann voll Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe und sagte nie eine Lüge und nie eine Schmeichelei, sprach nie anders als er dachte, machte es dabei aber doch nicht wie gewisse Leute, welche denken, es stehe fein und sei auch Wahrheitsliebe, wenn sie jedermann Grobheiten ins Gesicht sagen und ihre Wahrheiten auskramen, ehe noch jemand ist, der sie zu vernehmen Lust hat.

So hatte sich der Seppl gewöhnt, wenn einer oder der andere Nachbar über das Wetter murrte und murmelte: "Dos ischt a Sauwötta, a Hundswötta, a Tuifelswötta" usw., nur wenig zu erwidern, sondern er sagte bloß kurz und rund: "Es ist das beste Wetter", und er hatte auch völlig recht, denn das Wetter machte Gott, und was Gott tut, das ist wohlgetan. Nach einem langen, einfachen, oft mühevollen Leben legte sich der Seppl endlich auch zur ewigen Ruhe nieder und verstarb sanft und selig. Seine Angehörigen betrauerten ihn aufrichtig, legten ihn auf das Rechbrett, und abends kamen die Nachbarn, für ihn und zu seinem Seelenheile einen heiligen Rosenkranz zu beten, ja einige erboten sich, bei der Leiche zu wachen, wobei es Branntwein und Zelten gab.

Die Wächter vertrieben sich die Zeit und wurden zuletzt viel heiterer als für ihr damaliges Amt ziemend war, und der Lustigste unter allen sagte: "Ich möchte eigentlich wohl wissen, was unser guter Seppl, der bei Lebzeiten immer das Wetter so lobte und stets mit jedem zufrieden war, jetzt für ein Wetter hat." Kaum war das Wort gesprochen und wurde noch gelacht, so richtete sich der Tote von seinem Bette mit halbem Leibe kerzengerade auf und sprach: "Das beste Wetter!" Und darauf sank er sanft in die vorige Lage wieder zurück. Entsetzt eilten die Wächter aus der Leichenkammer, wollten auch um keinen Preis wieder hinein, bis der Pfarrer, dem sie das Erlebte anzeigten, sie wieder zurückführte und ihnen zeigte, daß der Seppl in der Tat jetzt das beste Wetter habe: den ungetrübten Himmel der ewigen Seligkeit.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 105