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Der Bauer als Sterndeuter und Wahrsager


Beschwert durch seinen Ruf als Teufelsbeschwörer, waren es noch andere Dinge, die man dem Bauerndoktor nachsagte. Er befasse sich mit Astronomie, und oftmals forsche er in den Sternen, um das Geschick der Seinen zu erkunden.

In einer Winternacht war es, als ihm ein Sohn geboren wurde. In der Ehekammer lag die Bäuerin, während neben ihr das Neugeborene mit aller Kraft seiner Lungen schrie.

"Ein prächtiger Bursche ist es, du kannst stolz auf ihn sein!" Dies sagte die alte Wehmutter und hielt ihm den Knaben hin.

Unbeholfen nahm er das dick eingemachte Bündel, wiegte es sinnend hin und her, bis sich der Kleine wieder beruhigte. :

"Was wird wohl aus diesem Menschlein werden! Ein Bauer wie ich?"

Gar zu gern hätte der Vater gewußt, wie das Leben dieses Kindes verliefe, ob es gut oder böse endete, ob ein hartes Geschick seiner wartete oder eine frohe Zukunft sich abzeichnete.

Still ging der Bauer hinaus und kam erst nach längerer Zeit wieder zurück. Sein Gesicht war leichenblaß, doch als man ihn darüber befragte, meinte er nur, daß es draußen kalt gewesen sei, sehr, sehr kalt. Und weil er so verloren in sich blieb, keine Freude mehr zeigte an dem Neugeborenen, brühte man heißen Tee für ihn auf, da er sich gewiß erkältet habe.

Die alte Muhme jedoch ließ sich nicht täuschen. Sie kannte diesen Mann besser als alle anderen. Da war etwas gewesen, das ihn arg verstimmt hatte!

"Sag, was ist?" forderte sie unnachgiebig.

"In den Sternen steht, daß mein Sohn ein schlimmes Ende nehmen wird. Ein gar schlimmes Ende!"

Es brach wie ein Schrei aus ihm, und beide Hände schlug er vors Gesicht.

"Wie kannst du das wissen? - Die Sterne, glaub ihnen nicht allzuviel! Auch sie lügen manchmal..."

Die Muhme, die Gute, sprach flüsternd auf ihn ein, doch er schüttelte eigensinnig den Kopf.

"Ich hab ihn gesehen. Auf dem Galgen ist er gehangen wie ein Verbrecher..."

Das war die düstere Prophezeiung. Würde sie sich erfüllen oder nicht? Sie trübte die jäh aufkeimende Freude an dem Gedeihen des gesunden und frischen Knaben, nistete sich in Träumen ein und belastete den Tag.
Sein Sohn - ein Verbrecher?

Ach, er zeigte die besten Anlagen! Wuchs heran zu einem kernigen Bauernburschen, und niemand konnte ihm Böses nachsagen. Alle, die von der Sterndeuterei des Hechenblaikners wußten, schüttelten den Kopf. Das war doch nur Einbildung gewesen! Selbst erfahrene Sterndeuter irrten oft, wie viel mehr ein ungebildeter Bauersmann!
Zeit verging, und der Jüngling erreichte ein mannbares Alter. Wer jetzt noch der einstigen Weissagung gedachte, durfte sie mit einem überlegenen Lächeln abtun. Dieser hier zeigte keinen Hang zu verbrecherischem Tun, das ließ sich ganz eindeutig sagen.

Aber dann brach die Heimsuchung des Krieges über das vordem friedlich-stille Land. Die Freiheitskämpfe um 1809 brachten viel Not und Wirrnis bis in die entlegensten Täler hinein. In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai lagerten die Bayern auf den Feldern zwischen Straß und Rotholz. Hier war es vor allem das Dorf Straß, welches alle Schrecken der durchziehenden Truppen auszukosten bekam. Kein Haus entging der Plünderung, keines, das nicht irgendwie beschädigt wurde! Selbst die Kirche wurde ausgeraubt und geschändet. In dem benachbarten Schlitters gingen 55 Gehöfte in Flammen auf.

Die Erbitterung auf beiden Seiten hatte wohl den Höhepunkt erreicht. Vor der Landhausbrücke oberhalb St. Gertraud! kam es zu schweren Handgemengen. Die Tiroler ließen Steinlawinen auf die Gegner nieder und taten alles, um ein weiteres Vordringen zu verhindern.

Viele tapfere Freiheitskämpfer erlagen der feindlichen Übermacht und kamen in die Gewalt der bayerischen Truppen. Diese aber wollten ein Exempel statuieren, als abschreckendes Beispiel für alle Kampfeslustigen:

Sieben wehrlose Männer wurden an Bäumen aufgehängt, nächst der Zillerbrücke in Sankt Gertraudi. Unter ihnen befand sich der junge Hechenblaikner.

Und damit hatte sich die Prophezeiung des Vaters erfüllt, wenn auch auf andere Weise, als er einst befürchtet hatte. Sein Sohn war den Heldentod für seine Heimat gestorben, und heute noch kündet ein bescheidenes Denkmal an einer Felsenwand von diesen sieben jungen Männern vom Jahre 1809.


Quelle: Die Heidin, Alpbacher Sagenbuch, Berta Margreiter, Innsbruck 1986, S. 75f.