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Einem Nachbarn erscheint der Teufel

Der alte Hechenblaikner befaßte sich auch mit der Kunst des "Bringen-machens". Manchem Bestohlenen verhalf er so zu seinem Eigentum. Dazu bediente er sich des geheimnisvollen Buches und anderer Dinge, über die man weiter nicht sprach.

Auch das "Teufelsbuch", wie man es im Volk nannte, war in seinem Besitz. Er versteckte es sorgfältig und an einem geheimen Ort, damit niemand anderer es zu Gesicht bekäme und durch unbefugtes Lesen an Leib und Seele Schaden nähme.

So hatte der Bauer an einem Holzschragen auf dem Dachboden ein Stück herausgenommen und so geschickt verkleidet, daß nur Eingeweihte das Versteck wahrhaben konnten.

Einmal geschah es, daß der alte Hechenblaikner allein im Hause weilte und sich gerade mit dem Teufelsbuch zu schaffen machte. Was er eigentlich damit bezweckte, darüber ließ er sich nicht aus. An diesem Tag jedoch betrat ein Nachbar ganz unerwartet die Stube, denn er brauchte ein Mittel für seine kranke Kuh daheim. Dienstfertig stand der Bauer auf, um das Gewünschte herzurichten, vergaß aber in der Eile ganz auf das Buch, das er auf dem runden Eichentisch liegen hatte.

Da hockte nun der Besucher allein in der Stube und sah sich ein wenig um. Es würde eine Weile dauern, bis der Hechenblaikner den heilsamen Trank fertig hatte, darum verlegte sich der Mann aufs Warten.

Nicht lange dauerte es, da sah er das Buch. Und weil er gerade nichts anderes zu tun hatte, begann er ahnungslos darin zu lesen. Erst wußte er mit dem Inhalt wenig anzufangen, er hatte Texte aus der Bibel oder sonst Erbauliches erwartet, doch damit hatte dieses Buch wohl nichts zu tun.

Dennoch konnte der Nachbar mit dem Lesen nicht mehr aufhören. Es war, als triebe ihn eine geheimnisvolle Macht, mehr und mehr davon in sich aufzunehmen, seltsame Beschwörungen, deren Sinn er nicht begriff!
Und dann saß plötzlich der Teufel neben ihm auf der Bank. Ja, der leibhaftige Teufel, ein dämonisches Wesen in weitem, rotem Mantel und dem bekannten Pferdefuß!

Von jähem Schreck gepackt, wagte der Mann kaum aufzusehen. Das dunkle Gesicht neben ihm aber verzog sich zu einer Grimasse, was wohl einem Lächeln gleichkam, doch der Überrumpelte erwiderte es nicht. Die schillernde Gewandung des Bösen, die glänzende Fassade, alles dies schüchterte den ohnedies Furchtsamen ja noch mehr ein, und er konnte nur eines denken und fühlen: Ich bin allein mit ihm, dem Verworfensten aller Geschöpfe, ich bin ihm hilflos ausgeliefert!

Er wollte schreien, sein Mund bewegte sich, doch die Kehle versagte ihm den Dienst. Er hatte den Wunsch, hinauszustürzen in die klare Winterluft, doch er war unfähig zu allem, die Glieder waren wie gelähmt.

Und der Teufel wich und wich nicht von ihm, machte keinerlei Anstalten, endlich zu gehen oder sich in Nichts aufzulösen. Er blieb an seiner Seite, grinste, im Gesicht einen halb lauernden, halb gespannten Ausdruck, bis er eine seiner klauenartigen Hände ausstreckte, geradeso, als wollte er sich ganz und gar des Lebenden bemächtigen.

Ja, und da wurde es dem Armen zuviel, er sank mit einem gurgelnden Laut zu Boden, er war ohnmächtig geworden.

So fand ihn der alte Hechenblaikner. Ihn und den höllischen Gast, den er diesmal nicht selbst gerufen hatte. Wie hatte das geschehen können?

Der Blick des Bauern irrte umher, da sah er das aufgeschlagene Buch, das nun auf dem Fußboden lag, er wußte alles.

"Warum habe ich nur vergessen, es rechtzeitig fortzunehmen?", klagte er sich selber an, aber nun hieß es, den Schaden so schnell als möglich gutzumachen. Hastig nahm er das Teufelsbuch an sich und begann, mit fester Stimme den Text in der vorgeschriebenen Weise von rückwärts nach vorne zu lesen. Der Höllische mußte weg sein, ehe der Nachbar wieder zu sich kam. Man konnte das Ganze als eine Sinnestäuschung hinstellen, um den Erschrockenen wieder zu beruhigen.

"Du hast einen Anfall gehabt, Nachbar, da bildet man sich manches ein, das gar nicht existiert...!"

Ja, so würde der Hechenblaikner sagen, wäre nur der Teufel endlich fort; doch alles brauchte seine Zeit.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er seinen Teil gelesen hatte, die Zauberworte, die alles rückläufig machten. Der erfahrene Teufelsbanner machte keinen einzigen Fehler, schaute dem Teufel furchtlos ins Angesicht, und endlich war es soweit: Der Höllische verschwand von einem Augenblick zum anderen, als wäre er nie dagewesen.

Nun aber galt es, den noch immer Besinnungslosen aufzuwecken. Der Hechenblaikner übergoß ihn mit kaltem Wasser aus dem Hofbrunnen, danach schlug der Nachbar die Augen auf und schaute verwirrt um sich.
"Dir ist übel geworden, Michael", sagte der Bauer schnell, "dabei bist du umgefallen, ja, so ist es wohl gewesen ..."

Er konnte nicht mehr weiterreden. Ein Blick in das Gesicht des anderen ließ ihn erbleichen. Dessen Züge wirkten ganz eingefallen, und der Mund flüsterte Worte, die ihm nur ein krankes Gehirn eingeben konnte.

Während er sich erhob, machte er mit den Armen wilde Gesten und Verrenkungen, als hätte er sich gegen stumme Widersacher zu verteidigen, und so torkelte er dem Ausgang zu.

Der Hechenblaikner drückte ihm noch den Trank für die kranke Kuh in die Hand und ging ein Stück des Weges mit ihm. Mit der Zeit, so hoffte er, würde sich alles legen und der Mann zur Ruhe kommen.

Dem aber war nicht so. Der Nachbar blieb närrisch sein Leben lang, und kein einzigesmal nach diesem Vorfall setzte er auch nur einen Fuß in das Gebiet des Hechenblaikners.


Quelle: Die Heidin, Alpbacher Sagenbuch, Berta Margreiter, Innsbruck 1986, S. 73ff.