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Meister Zähneschleifer im Schloß Lipperheide

Da liegt Schloß Lipperheide, auch Neumatzen genannt, verträumt vor einem bewaldeten Berghang an der Bundesstraße. Autos und Motorräder brausen unentwegt vorbei, Symbol einer schnellebigen Zeit, die kaum noch Muße und Erholung kennt.

Dicht daneben lebt die alte Zeit. Hohe, efeuumwachsene Mauern, schmiedeeiserne Tore, romantische Weiher und uralte Bäume sind es, die alte Erinnerungen heraufbeschwören.

Eingangstor Schloss Lipperheide (Neumatzen)
Steinernes Eingangstor mit schmiedeeisernen Flügeln vom Schloss
Lipperheide (Schloss Neumatzen), Reith im Alpbachtal bzw. Münster bei Brixlegg
in goldenen Lettern: ANNO DOMINI MDCCCXXXIX
Privatbesitz!
© Berit Mrugalska, 6. August 2004

 

Es war im 19. Jahrhundert, als Franz von Lipperheide das alte Gasthaus und "Bad in der Au" erwarb und an dieser Stelle sodann ein kleines Schloß erbaute. Damit begann eine bedeutungsvolle Epoche für Brixlegg und Reith. Der schwerreiche Baron schuf den weiträumigen "Matzenpark" mit seinen wunderbaren exotischen Bäumen, kaufte riesige Waldflächen und zehn Bauernhöfe dazu. Ihm gehörten auch eine Reihe von Söllhäusern, von denen das "Jagerhäusl" am bekanntesten ist.

Vielen Menschen verhalf Lipperheide, der angesehene Verleger aus Berlin, zu Arbeit und Brot. Heute noch rühmt man seinen Großmut und sein freigebiges Wesen, das sich in vielen Beispielen erhärten ließe.

Der Baron war zweimal verheiratet. Seine erste Frau Frieda starb nach einem Unfall. Sie war eine Freundin der schönen Künste, und auf ihr Betreiben hin lud das Ehepaar bedeutende Maler, Schriftsteller und Komponisten als Gäste in das Schloß. Die zweite Frau des Freiherrn war selbst eine bekannte Pianistin.

Brunnen und Ruheplatz an der Weggabelung Matzenpark/Brandhof
Brunnen und Ruheplatz an der Weggabelung Matzenpark/Brandhof
Reliefplatte Maria mit Jesuskind
Gedenktafel:
Zur Erinnerung an
Frieda Freifrau von Lipperheide,
welche diese Tafel,
ihre letzte Widmung für Matzen,
zur Errichtung hierorts bestim[m]te
A.D. 1896
© Berit Mrugalska, 6. August 2004

 

Oft war das Schloß, das Lipperheide überaus kunstvoll ausstatten ließ, allein dem Verwalter und den Dienstboten überlassen. Und aus dieser Zeit wohl stammt die ergötzliche Geschichte vom Meister Zähneschleifer, der als wahrer Retter in der Not eines Tages in diese Gegend kam.

Es war nämlich so, daß es im vorher so gemütlichen Schloß auf einmal nicht mehr geheuer war. Es spukte. Man kam auch nicht dahinter, welcher Gattung von Gespenstern man ausgeliefert war, doch manche Leute glaubten, der Teufel selber stecke dahinter.

Schloss Lipperheide (Neumatzen)
Schloss Lipperheide (Neumatzen), Wohnturm

Privatbesitz!
Franz v. Lipperheide ließ um 1890 diesen Ansitz von Prof. Rippendingen erbauen
Vgl. DEHIO-Tirol, S. 539
© Berit Mrugalska, 6. August 2004

 

Immer öfter kam es vor, daß mitten in der schönsten Schlafenszeit ein Poltern und Rumoren anhub, daß einem Hören und Sehen verging. Da stampfte und heulte es, Kettengerassel zog sich längs der Gänge hin, Türen öffneten sich von selbst. Kurzum, es war ein Zustand, der sich nicht beschreiben läßt.

Eines Tages kam ein wandernder Handwerksgeselle in diese Gegend. Gekleidet war er zwar nicht danach, denn er trug die bunte Tracht der Landsknechte, aber sein Gehaben wirkte alles eher denn kriegerisch. Schon der furchtsame, etwas bängliche Gesichtsausdruck, die blassen, ausdruckslosen Äuglein und der Umstand, daß er mit den Füßen einwärts ging, gab seinem Aussehen etwas Groteskes, Lächerliches.

"Ich heiße Zähneschleifer, Kaspar Zähneschleifer .. .!"

So stellte er sich vor. Ja, er hätte von dem Unhold im Schlosse gehört, und es wäre sein Beruf, mit solchen anzubändeln, um sie zu erledigen. Ein für allemal. Selbst mit dem Teufel nähme er es auf.

Solchermaßen prahlte der Unbekannte, doch man lachte ihn nur aus. Als er aber sagte, daß er bereits auf Schloß Dürnstein den Höllischen vertrieben hätte, wurde man erst aufmerksam. Ja, man hatte davon gehört, auch der Name Zähneschleifer stand damit in Verbindung.
Da zog nun ein verschmitztes Lächeln über das Gesicht des Fremden, und in plötzlichem Entschluß zog er aus seinem Ranzen eine riesige Zange, einen Hammer und ein Brecheisen.

"Mit diesem Werkzeug kann ich umgehen, das könnt ihr mir glauben! Ich heiße ja nicht umsonst Zähneschleifer, Kaspar Zähneschleifer!"

Anscheinend war er auf diese Bezeichnung sehr stolz. Und - man ließ ihn nun gewähren. Das Männchen bekam einen Schlüssel ausgehändigt, und in einem Gemach, wo es angeblich am unheimlichsten zuging, machte es sich ein Lager zurecht. Der eigenartige Geselle wollte auch kein richtiges Bett, nein, Strohsack, Kopfkissen, Bettücher und Decken, das alles verschmähte er. Lieber legte er sich auf den harten Steinboden, und bald darauf schlief er ein.

Seelenruhig gab er sich seiner Nachtruhe hin, doch versäumte er nicht, seine "Gewaffen" in Reichweite neben sich zu legen. Rechts die Zange, links den Hammer und oberhalb des Kopfes das Brecheisen.

Gegen Mitternacht erwachte der Mann. Es war ihm, als kratze jemand im Zimmer nebenan an den Wänden. Dann wurden Stühle hin- und hergerückt, das Schleifen von Pantoffeln auf steinernen Fliesen wurde hörbar, dann ein drohendes Knurren, überlaut.

Zähneschleifer lag da und horchte mit angespannten Sinnen. Angst empfand er nicht. Wozu auch?

Dann begann es zu poltern, als stampften Hunderte von Kriegern im Schloß herum. Ein Dröhnen, Pfeifen und Winseln hub an, daß es nur so eine Art hatte.

Unser Meister hatte alles dies erwartet. Gerade überlegte er, ob er noch weiter zuhören oder frischweg den Kampf beginnen sollte, da ging die Tür zu seiner Kammer auf. Selbstverständlich hatte er nicht abgesperrt am Abend zuvor.

Da strömte nun ein schneidend kalter Luftzug herein, und gleich danach erschien - der Teufel.

"Also du bist es?" Zähneschleifer lachte, daß ihm der Bauch nur so wackelte. Trotzdem vergaß er nicht, Zange, Hammer und Brecheisen schnell an sich zu nehmen.

Der Teufel, überrascht von dem ungewohnten Empfang, zögerte einen Augenblick. Und diesen Moment des Zauderns machte sich Zähneschleifer zunutze. Er packte den Unhold am Hals, zwickte ihn kräftig mit der Zange, sodaß der Höllensohn laut aufheulte. Bei dem unerwarteten Angriff ließ ihn seine sonstige Keckheit im Stich, er mußte es geschehen lassen, daß ihm Zähneschleifer das Brecheisen ganz tief in den grausigen Schlund bohrte.

"Da hast du es, vermaledeiter Spitzbube", schrie der Meister aufgebracht, "was hast du Unfug getrieben die ganze Zeit! Unschuldige Menschen erschreckt, Nacht für Nacht ...

Jetzt aber kommt die Rache, Rache ...!"

Und Zähneschleifer bohrte, fing immer wieder von neuem an, zwickte mit der Zange, schlug mit dem Hammer, alles nacheinander. Und der Überrumpelte stöhnte und winselte um Gnade, doch es half alles nichts.
Schließlich lag der Teufel auf dem Boden, halb ohnmächtig, röchelte nur noch schwer und verdrehte die Augen. Endlich kam er wieder zu sich.

"Ich verschwinde und komme nie wieder!" versprach er und hoffte, nun genug erduldet zu haben. Aber der Meister kannte die Schliche des Bösen nur allzugut und wußte, daß es gar nichts nützte, eine Sache nur halb zu machen. Aus diesem Grund zwickte und zwackte er noch länger an ihm herum, schlug mit dem Hammer und vergaß auch nicht das Brecheisen. All diese Marterinstrumente setzte er ein, um dem Teufel einen Denkzettel zu verabreichen, den er ja mehr als verdiente. In Anbetracht der vielen Scheußlichkeiten, die auf sein Konto gingen, war das alles noch viel zu wenig.

Doch irgendwann gab Zähneschleifer auf. Er zwickte und schlug noch ein einziges Mal, dann drehte er die Zähne des Höllischen um und um, daß es nur so krachte, dann entließ er ihn.

Wie ein Blitz fuhr der Teufel hoch, eine stinkende Rauchsäule umhüllte die Gestalt, und in Sekundenschnelle löste er sich auf in Nichts. Ein bißchen Schwefelgestank und der Geruch nach verbranntem Fleisch war alles, was von ihm zurückblieb.

Meister Zähneschleifer legte sich erneut auf den Steinboden, und dank seiner guten Nerven schlief er alsbald ein. Er hatte ein gutes Werk vollbracht und sich die Ruhe wohl verdient.

Am Morgen putzte er sein Handwerkszeug sorgfältig, packte alles in seinen Ranzen und nahm Abschied von den dankbaren Schloßbewohnern. Mit einwärts gezogenen Füßen, dem lächerlich bunten Gewand und dem etwas bänglichen Gesichtsausdruck - so zog er weiter, neuen Abenteuern zu.

Schloß Lipperheide war von nun an gegen alle bösen Geister und Teufelsspuk gefeit.


Quelle: Die Heidin, Alpbacher Sagenbuch, Berta Margreiter, Innsbruck 1986, S. 54ff.