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Vom Kugelfestmachen

Früher glaubten so manche Leute, man könne sich gegen Verwundung durch Gewehrkugeln ausreichend schützen, wenn man nur eines der vielen Mittel anwende, die hier zu Gebote standen.

Eines davon bestand darin, daß man sich einen Leinenfleck ins Hemd einnähte, den an keinem Teil ein weibliches Wesen je berührt hatte. Aber nicht nur das Leinenstück, sondern auch der Flachssamen und die Erde, in die er gesät war, durfte von Frauenhand nicht berührt werden, vom Brechein und Spinnen gar nicht zu reden. So war diese Bedingung nur schwer zu erfüllen, denn gerade diese Arbeiten verrichteten ausschließlich Frauen und Mädchen.

Der Wildsepp, ein verwegener Bursche und Wilddieb, hatte sich in den Kopf gesetzt, ein solches Gewebe herzustellen. Dazu wählte er einen Platz am Wildbach aus, wohin sich kaum ein Mensch verirrte. Hier gab es nur mächtige Felswände und riesige Steinkolosse, dazwischen leuchtete ein Stück blauer Himmel, und alles war urtümlich wie aus ersten Schöpfungstagen.

Da war nun ein ebenes Plätzchen zu sehen, zuhöchst auf einem freistehenden Steinturm, wohin der Sepp erst nach einer waghalsigen und sehr gefährlichen Kletterei gelangte. Und hier riß er das Gras aus und legte dafür den frischen, noch auf dem Feld stehenden Samen vom Flachs nieder. Unter Lebensgefahr holte er von den Wänden, wo unmöglich eine Frau hingelangen konnte, noch mehr Erde, um auf ein gutes Gedeihen rechnen zu können.

Das war nun sein Acker, den er vor allen Leuten geheimhielt, es wuchs und gedieh, wie er es sich nicht besser wünschen konnte. Da durfte er schließlich ernten und auch alle anfallenden Arbeiten verrichten, wenn auch unter schwersten Bedingungen.

Statt zu brecheln, bearbeitete er den wenigen Flachs auf seiner Hose. Und weil er kein Spinnrad benützen durfte, an dem ein weibliches Wesen gesessen war, umging er auch diese Tätigkeit. Er nahm Zähne und Finger zuhilfe, zur Not gelang auch das. Das Wirken mit nur unzulänglichen Mitteln machte wiederum einige Mühe, aber auch dieses ging vorüber. Nun hatte der Sepp den heißbegehrten Fleck, wenn auch nicht gerade wohlgeraten, doch er hatte alles selbst gemacht, keine Frau hatte teil daran. Nun mußte es sich weisen, was er wert war.

Um die Wirkung zu prüfen, hängte der Sepp das Hemd mit dem Leinenfleck an einen Haselnußstrauch, und er, der geübte Schütze, zielte sorgfältig danach. Aber es war schade um das Pulver, denn er verfehlte sogar die Staude. Und so war der Wilddieb überzeugt, in diesem Hemd vor allen Kugeln der ihm nachstellenden Jäger sicher zu sein.

Als Folge davon betrieb er nun das Wildern verwegener als je zuvor. Nie vergaß er, an solchen Tagen und Nächten mit dem eigenhändig erzeugten Fleck in seinem Hemd aufzutreten, wollte er seiner Sache sicher sein. Auch jetzt durfte keine Frau das Gewirkte antasten, das gebot sich von selbst. Da war nun dieser Bursche von einer Keckheit, die ihm viele verübelten, er aber freute sich, weil viele Kugeln bereits an ihm vorbeigezischt waren, ohne ihm den geringsten Schaden zuzufügen.

Da hatte aber der Wildsepp ein Mädchen, das auf einer Alm als Sennerin werkte und gerne jodelte. Wie sie nun einmal ein verirrtes Vieh suchen ging, fand sie ihren Geliebten tief schlafend neben einem erlegten Gemsbock liegen. Da konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, sie wollte ihn einmal so recht nach Herzenslust betrachten und ihn befühlen, wobei er gar nichts merken würde. Da nestelte sie an seinem Hemd, sah den unförmigen groben Fleck innen eingenäht, da mußte sie wohl heimlich lachen. Sie berührte das Gewebe neugierig und hatte keine Ahnung, was es damit auf sich hatte. Dann ging sie weiter, ohne den Schlafenden aufzuwecken, in der Meinung, er würde sie dann ohnedies aufsuchen.

Als die Sennerin nach einiger Zeit jedoch nach ihm schaute, da sah sie ihn, wie er, ohne sich zu decken oder wenigstens zu wehren, einem Jäger gegenüberstand, der auf ihn zielte. Der Sepp zeigte keine Furcht, ja, er spottete den Hüter des Gesetzes noch tüchtig ab und lachte ihn aus.

Doch - das Lachen verging ihm schnell. Ein Schuß, ein Schrei, der Wilddieb fiel zu Boden. Auch die Sennerin schrie auf, als sie ihren Sepp vernichtet sah. Erst jetzt ging ihr ein Licht auf, sie erkannte, was sie angerichtet hatte. Der Flecken in seinem Hemd, sie hätte ihn nicht berühren dürfen!

Nun kam ihr in den Sinn, wie dort und da die Rede gewesen war von solchen Dingen. Sie hatte nie daran geglaubt.

Und jetzt war es zu spät. Das verzweifelte Mädchen sprang in diesem Augenblick der Verwirrung von einer steilen Felsenwand und blieb drunten liegen, nahe dem Wildbach, in einer tiefen, unzugänglichen Schlucht, wo keiner sie mehr retten konnte.


Quelle: Die Heidin, Alpbacher Sagenbuch, Berta Margreiter, Innsbruck 1986, S. 79f.