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Die Glocke am Thierberg

Knapp zehn Minuten von der heutigen Alpbacher Pfarrkirche entfernt liegt der Weiler "Dorf". Am Südrand dieses Weilers rauscht der Dorfer Bach, der in vergangener Zeit unermeßlichen Schaden anrichtete.

Votivbild: Die Himmeldkönigin Maria rettet die Alpbacher aus den Fluten
Votivbild in der Pfarrkirche St. Oswald in Alpbach, Alpbachtal
Die Himmeldkönigin Maria rettet die Alpbacher aus den Fluten

© Berit Mrugalska, 26. Juli 2004

 

Nunmehr ist er gut verbaut. Weiter droben erhebt sich der Thierberg, ein Kalksteingeschröf, das mit Lärchen, Föhren, Fichten und dichtem Gestrüpp bewachsen ist. Da und dort fristen Waldbuchen ein kümmerliches Dasein.

Der Bach im Ortsteil "Dorf" in Alpbach
Der Bach im Ortsteil "Dorf" in Alpbach
© Berit Mrugalska, 26. Juli 2004

 

Hier - auf dem Thierberg - stand in alten Zeiten eine Zwingburg. Von ihr ist heute weit und breit nichts mehr zu sehen. Nur Eingeweihte wissen noch den tiefen Graben unweit der Thierberghöfe zu deuten und ahnen vielleicht auch den Grund, warum gerade hier eine kleine Kapelle erbaut wurde, die heute noch Vorübergehende zu kurzer Rast und frommer Einkehr laden will.


Die kleine Thierbergkapelle, Holzbau
© Berit Mrugalska, 26. Juli 2004

 

 

Informationstafel an der Thierbergkapelle, Alpbach
Informationstafel an der Thierbergkapelle, Alpbach:
"Hauskapelle (errichtet nach dem grossen Hochwasser
im Jahre 1893) der Thierberghöfe, die aus dem frühen
17. Jahrhundert stammen. Andachten gibt es im Mai und
Oktober sowie in der Fastenzeit."
© Berit Mrugalska, 26. Juli 2004

 

Der Besitzer der Zwingburg war ein grausamer Heide. Er bedrückte die umwohnenden Bauern mit harter Fronarbeit und forderte von ihnen viele Abgaben. Besonders haßte er seine christlichen Untertanen, sie waren am meisten seiner Willkür ausgeliefert.

In dem Turm der Burg hing eine Glocke. Wenn sie ertönte, mußten die Bauern sofort ihre eigene Arbeit im Stich lassen, um dem Herrn da droben dienstbar zu sein. Harte Strafe drohte denjenigen, die sich verspäteten oder gar den Ruf der Glocke mißachteten.

Es war die Zeit, da in unseren Tälern das Christentum Einzug hielt. Auch in Alpbach versammelten sich die Neubekehrten des öfteren zu gemeinsamen Andachten, obwohl sie wußten, daß der Ritter auf der Zwingburg gottlos lebte und keine christliche Gemeinschaft dulden wollte. Um seinem Argwohn zu entgehen, wählten sie entlegene Hütten, um dort ungehindert beten und feiern zu können.

Der Burgherr jedoch hatte seine Spione. Diese meldeten ihm sofort, was ihnen verdächtig erschien.

So geschah es immer öfter, daß die Glocke gerade zu den Andachten der Christen ertönte und alles aufschreckte. Da aber - wie schon erwähnt - diese Zusammenkünfte meist außerhalb des Dorfes stattfanden, war es für die Teilnehmer fast unmöglich, zeitgerecht auf der Burg einzutreffen. Dafür hatten sie dann schwer zu büßen.

Wieder einmal fanden sich die Gläubigen in einem einsam gelegenen Bauernhof zusammen. Plötzlich ertönte der helle Klang der Thierberger Glocke. Auch diesmal hatte ein Späher die frommen Beter verraten. Diese eilten schnell zur Burg hinauf, doch vor dem Tor stand schon der Heide mit etlichen seiner Knechte. Nach einem kurzen Verhör befahl er ihnen, die Christen bis aufs Blut auszupeitschen.

Kaum aber hatten sie mit ihrem unseligen Werk begonnen, da zog sich über dem Thierberg ein schreckliches Gewitter zusammen. Aus dem hellen Tag wurde stockdunkle Nacht. Blitze zischten, Donner grollten. Der Regen strömte hernieder, als hätte der Himmel all seine Schleusen geöffnet. Es heulte, stürmte, die Erde erbebte. Und Hagelkörner schössen aus den Wolken, die waren groß wie Hühnereier.

Die Menschen waren außer sich. Sie schrien, jammerten, weinten.
Nach Stunden erst legte sich das Unwetter. Am Thierberg droben war alles verwüstet. In die Burg hatte mehrfach der Blitz eingeschlagen. Überall brachen Feuerzungen hervor und lohten gleich riesigen Fackeln in die sternlose Nacht.

Von der Burg blieb nur mehr ein Schutthaufen übrig.

Im Wald lagen Bäume entwurzelt, viele schöne Stämme waren geknickt und nur mehr als Brennholz verwendbar. Der Dorfer Bach, unfähig, die anströmenden Fluten zu bergen, sprang aus seinem Bett und warf sein Übermaß in die angrenzenden Wiesen und Äcker. Sand, Steine und Treibholz bedeckten das vormals blühende Land. Die Hagelkörner hatten die ganze Ernte vernichtet.

Droben am Thierberg aber standen die Christen, die auf Befehl des Heiden gezüchtigt werden sollten. Sie allein blieben im Umkreis der Burg unversehrt. Laut priesen sie Gott, und so schritten sie den Abhang des Thierberges hinunter.

Nun waren sie von ihrem Peiniger befreit. Er lag entseelt unter Schutt und Asche, war elend zugrundegegangen wie auch seine Knechte.
Die dankbaren Christen aber machten sich ans Werk. Sie erbauten ein Kirchlein an der Stelle, wo heute die Pfarrkirche zum heiligen Oswald steht.

Die Sage aber weiß noch mehr:

Nach Jahrhunderten ging wieder einmal ein heftiges Unwetter über den Thierberg nieder. Und wieder schwoll der Dorfer Bach zum reißenden Ungeheuer an. Wieder überschüttete er die Ufer mit Sand, Lehm und Geröll.

Doch bald zeigte sich der Wildbach wieder zahm. Langsam zog er sich in sein Bett zurück, floß klar und glucksend, als hätte es die bösen Tage nie gegeben. Die Bauern, die mit dem Aufräumen beschäftigt waren, machten jedoch eine eigenartige Entdeckung:

Aus dem Schlamm hervor glänzte der Helm einer Glocke, es war jene, die im Turm der Zwingburg die Männer zum Frondienst gerufen hatte!
Nun gewann sie andere Bedeutung. Man grub sie aus, brachte sie in die neue Kirche, weihte sie und gab ihr einen Namen. Die Heidin!

Und seither hängt sie in schöner Gemeinschaft mit allen anderen Glocken im Turm, ruft zu Gebet und Andacht, unbeschadet ihrer unruhvollen Vergangenheit.

Und was lag näher, als gerade sie zur Wetterglocke zu bestimmen, sie, die alle Unwetter so gut überstanden hatte? Was wüßte sie nicht alles zu erzählen - von uralter Zeit, von Willkür und Gefahren, von ungerechtem und bösem Wollen!

Als Wetterglocke bewies sie ihre Stärke. Bald hatte sie den Ruf, weitaus die beste in der ganzen Talschaft zu sein.

 

Quelle: Die Heidin, Alpbacher Sagenbuch, Berta Margreiter, Innsbruck 1986, S. 13f.