SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Tirol >> Alpbachtal

   
 

Vom "Bringen-machen"

Es ist ein heikles Kapitel, das "Bringen-machen", doch die Sagenforschung kann an diesem Phänomen wohl kaum vorbeigehen. Gerade im Alpbachtal kennt man heute noch die Namen längst Verstorbener, die sich auf diese Kunst verstanden und sie auch anwendeten, allerdings unter großen persönlichen Opfern, wie es heißt.

Der volkstümliche Ausdruck "bringen-machen" bedeutet nichts anderes, als daß man einen Dieb unter gewissen Umständen dazu zwingen kann, Gestohlenes dem Besitzer zurückzustellen. Wo er sich auch befinden mag, es überkomme ihn ein heftiges Verlangen, sein Unrecht wieder gutzumachen, er finde sonst keine Ruhe mehr.

Man spricht von einem gewissen Buch, dessen Text von rückwärts nach vorne gelesen werden müsse, um damit den Dieb zu "stellen". Dieser müsse sich dann augenblicklich aufmachen und das Diebesgut an den Ort zurückbringen, wo er es genommen hat. Große Vorsicht erfordere das Lesen des Textes: Je nachdem, wie schnell oder langsam dies vonstatten geht, danach richtet sich die Gangart des Diebes. So könne es geschehen, daß er durch die Eile mitten auf dem Weg ermatte oder gar - wie es schon vorgekommen sei - leblos zu Boden sinke.

So meint der Volksmund, daß ein gewisses Einfühlungsvermögen und Erfahrung im Umgang mit dem "Zauberbuch" vonnöten sei, solle sich das gutgemeinte Vorhaben nicht ins Gegenteil verkehren. Daneben munkelt man von eigenartigen Ritualen in Verbindung mit einem nächtlichen Friedhofsbesuch, Einzelheiten aber werden niemals preisgegeben, weil man fürchtet, daß der Ausübende dann seine Kraft verliert.

Immer heißt es, daß der Ältere nur einem Jüngeren sein Wissen übertragen solle. Auch dieses bedeutet, daß mit diesem Vermächtnis die eigene Fähigkeit erlischt. Die Gabe solle ausnahmslos dazu benützt werden, Gutes zu tun und niemandem einen Schaden zuzufügen.

Dem Vernehmen nach erfordert das "Bringen-machen" große Konzentration und Sammlung aller geistigen Kräfte. So soll ein alter Bauer, den man um diesen "Freundschaftsdienst" gebeten hatte, nach Mitternacht einmal von einem solchen Gang ganz erschöpft heimgekehrt sein. Zu seiner Frau sagte er: "Das Geld ist da, aber ich tu es nie mehr wieder!"


Quelle: Die Heidin, Alpbacher Sagenbuch, Berta Margreiter, Innsbruck 1986, S. 68f.