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Die Salig-Fräulein und Nörgelen
Zwei Sagenbilder aus Tirol
von
Dr. Ludwig v. Hörmann
Bozen 1874


Sagen und Mährchen, Lieder, Sitten und Gebräuche sind der naturwahre Ausdruck des Charakters eines Volkes. In ihnen spiegelt sich all' sein Denken und Trachten, seine religiösen und politischen Anschauungen und Grundsätze, der Grad seiner Bildung, mit einem Wort: sein ganzes inneres Wesen - seine Geschichte. Ihrer muß sich der Forscher bedienen, will er ein vollständiges Bild von der Entwicklung und dem Kulturleben eines Volkes erhalten. Besonders sind die Sagen für die Wissenschaft von höchstem Interesse, da es meist nur mit ihrer Hilfe möglich ist, das geheimnisvolle Dunkel, welches die Urgeschichte umgibt, einigermaßen aufzuhellen. Deshalb hat man besonders in unseren Tagen der Sammlung und Sichtung des deutschen Sagenstoffes sich zugewendet und Männern wie J. und W. Grimm, Wolf, Simrock, Müller, Kuhn, Bechstein, Panzer, Meier u. A. ist es zu verdanken, daß wir über die Kindheit unseres Stammvolkes, von dessen ältestem Kulturleben uns nur ein Ausländer, der römische Geschichtschreiber Tacitus, ein dürftiges Bild entwirft, eine ziemlich klare Anschauung haben.

Auch das kleine Gebirgsländchen Tirol ist bei diesen Bestrebungen nicht zurückgeblieben, sondern hat an der Hebung des deutschen Sagenschatzes treulich mitgeholfen. Ich verweise hier nur auf die verdienstvollen Bestrebungen der Brüder Zingerle, Alpenburg, Hammerle, Moser u. A., welche manchen schätzbaren Beitrag zu diesem nationalen Unternehmen geliefert haben. Und in der Tat, es lohnt sich auch der Mühe. Es dürfte kaum einen Fleck deutscher Erde geben, der einen größeren Sagenreichtum besäße als Tirol. Nicht nur daß sich der größte Teil der deutschen Stammsagen daselbst wiederfindet, sondern es haben sich auch viele derselben viel reiner und ungetrübter erhalten und weisen häufige Züge auf, die in anderen deutschen Sagen bereits verschwunden oder wenigstens entstellt sind. Der Grund liegt natürlich darin, weil diese abgeschlossene Bergesheimat von den beglückenden, aber zugleich verflachenden und verwischenden Kulturwellen der Zeit weniger berührt wurde und es überhaupt ein Charakterzug des Tiroler Volkes ist, an Hergebrachtem und Überliefertem mit erstaunlicher Zähigkeit festzuhalten.

Diesem einerseits für die Entwicklung ungünstigen, für die Wissenschaft günstigen Umstände verdankt der Sagenforscher die Aufhellung manches dunklen Gebietes deutscher Urgeschichte und die Wichtigkeit Tirols in dieser Hinsicht wird erst ganz zur Geltung kommen, wenn der reiche Schatz tirolischer Sagen vollständig ans Licht gefördert und geordnet sein wird. Dieses gilt vorzüglich von jenen eigentlichen Stammsagen, deren ursprünglich einheitlicher Inhalt in einer Fülle von Einzelsagen zerstreut vor uns liegt und die in ihrem Schoße Fragmente der Göttergeschichte oder des religiösen Cultus unserer heidnischen Urväter in sich bergen. Aus den Sagen dieser Art habe ich zwei herausgegriffen, welche einerseits durch die Mannigfaltigkeit und Ausgeprägtheit der einzelnen Züge gestatten, ein Gesamtbild davon zu entwerfen, andererseits wegen ihrer Anmut und Frische für den Leser nicht ohne Interesse sein dürften.


1. Die saligen Fräulein.

Welcher Alpenwanderer hätte nicht von den saligen (seligen) Fräulein gehört? Schon ihr Name besagt, daß es heitere, milde, den Menschen freundlich gesinnte Wesen seien. Die Sage schildert sie als wunderschöne Jungfrauen mit weißen, blendenden Gewändern, blauen Augen und flachsgelben Haaren, von unbeschreiblicher Anmut und Holdseligkeit des Ausdruckes. Diesem lieblichen Äußern entspricht ganz ihr innerer Charakter. Die reinste, uneigennützigste Menschenliebe, die nur im Glücke Anderer ihre eigene Befriedigung findet, treffen wir in diesen freundlichen Gestalten verkörpert. Obwohl sich die Sage von den saligen Fräulein mit geringer Variation in ganz Tirol findet, so hat sie doch ihre eigentliche Heimat in den westlichen Teilen des Landes und es ist ein bedeutungsvoller Zug, daß sie gerade in jenen Tälern vorzüglich eingebürgert ist, wo die grüßte Armut zu Hause ist, nämlich im Ober-Inntal, Ötztal und Ober-Vintschgau. Doch harmoniert dieser Zug ganz mit dem Charakter dieser milden Wesen; denn aufopfernde Liebe meidet ja die Paläste und sucht die Hütten der Armut auf.

Reich und mannigfaltig sind die frommen Geschichten, die sich das Volk von diesen hilfreichen Geistern erzählt, und die dankbare Erinnerung an sie lebt in vielen Plätzen, die nach ihnen benannt sind. Oberhalb des Dorfes Graun in Vintschgau zieht sich ein rauhes Mittelgebirge hin, welches "d'Salg" heißt. Mächtige Steinblöcke (Ganden) liegen darauf zerstreut und einzelne uralte Tannen werfen ihre unheimlichen Schatten über die Gegend. Hier war ein Lieblingsaufenthalt der saligen Fräulein und der Eingang in ihr unterirdisches Reich, Oft sahen die Talbewohner unter Tags ihre lichten Gestalten , da oben erscheinen, wie sie Linnen bleichten und ihre schneeweißen Gewänder an den Sonnenstrahlen zum Trocknen aufhängten. Wenn sich dann der kühle Abend ins Tal niedersenkte und die Gaißer die klingelnden Herden heimtrieben, saßen sie vor dem Grotteneingange auf den bemoosten Steinblöcken umher, kämmten ihr goldenes Haar und sangen dazu ihre wunderbaren Lieder. Manchen Hirten haben diese herzdurchdringenden Weisen so berückt, daß er Herde und heimatliches Dorf vergaß und von unwiderstehlichem Drange ergriffen jener Gegend zueilte, woher die Stimmen tönten. Doch selten gelang es einem, sie in der Nähe zu belauschen, denn je näher man kam, desto leiser tönte der Gesang, bis er in der Höhle sich verlor. Auch brachte es nie Glück, sie in ihrer überirdischen Schönheit zu erblicken; träumerischer Trübsinn und ein frühzeitiges Ende waren die gewöhnliche Folge.

Noch schwerer gelang es, durch die Grotte in ihr unterirdisches Reich einzudringen; denn mächtige Felsblöcke schoben sich alsogleich vor und verwehrten den Eintritt, Von der Pracht und Herrlichkeit dieses Saligenreiches erzählt man sich wunderbare Dinge, Schimmernde Kristallpaläste , mit glitzernden Sälen standen da, rings umgeben von einer paradiesischen Gegend, welche die Phantasie des Volkes mit allem Zauber einer verklärten Alpenlandschaft ausgeschmückt hat. Blumenreiche Auen breiteten sich aus und üppige Gefilde mit saftreichen Kräutern, aus denen die saligen Fräulein ihre heilsamen Krankentränke preßten. , In der Ferne aber prangten herrliche Weideplätze und Alpenmähder, worauf Rudeln von Gemsen friedlich grasten. Diese muntern Geschöpfe nämlich waren ihre Haustiere und ihnen heilig. Stets traten sie als ihre treuen Wächterinnen auf und schützten sie vor den Gefahren, die ihnen drohten; angeschossene oder verfallene Gemsen heilten sie und gesellten sie ihren Herden bei - und wehe dem Jäger oder Wilderer, der das Unglück hatte, einen dieser Pfleglinge zu verletzen. Der Sturz von einer Felswand war seine sichere Strafe. Noch jetzt heißt ein langer einsamer Alpenfleck im Kaunsertal der "Gamshimmel.''

Nächst den Gemsen war ihnen auch der Flachs heilig. Deshalb ist es besonders das flachsreiche Ötztal, ein Seitental des Oberinntals, wo diese schöne Sage in aller Frische fortbesteht, hier lebte einst Hulda, die Königin der saligen Fräulein, die freundliche Beschützerin des Flachsbaues, den sie in dieser Gegend eingeführt haben soll. Gleich der antiken Ceres wandelte sie durch das Tal und lehrte die Menschen den Anbau dieses edlen, Gewächses und die ganze Pflege desselben. Um die Zeit der Flachsblüte stieg sie mit freudestrahlendem Antlitz durch die üppigen, Felder und segnete Kraut und Blüten. Darum gedeiht auch diese Pflanze hier so gut und der Ötztaler Flachs gilt als der beste des Landes und wird weit und breit versendet. Zwischen Kropfbühl und Unterastlen hatte Hulda eine neun Stufen tiefe Höhle, welche in ihr unterirdisches Reich führte. Hier spann sie ihre endlosen Zwirnknäuel, mit denen sie brave und tugendhafte Hausfrauen beschenkte, während ihre Dienerinnen, die saligen Fräulein, in die Hütten der Talbewohner stiegen, um da zu spinnen. Besonders war es die Zeit der sogenannten Zwölften, d. i. vom Weihnachtsabend bis hl. Dreikönig, welche in Tirol die eigentliche Spinnzeit ist, wo sie ihre freundlichen Besuche machten. Dann legten sie ihre göttliche Umhüllung ab und zeigten sich im schlichten Gewande der Sterblichen.

Unendlich lieblich sind die Sagen, die das trauliche Verhältnis dieser überirdischen Wesen zu den Menschen schildern. Mit der Abenddämmerung, nach dem Ave Maria-Läuten, nähten sie gewöhnlich zu zweien mit ihren kunstreich gedrechselten Rädchen den warmen Spinnstuben. Zutraulich setzten sie sich zu den Anderen auf die Ofenbank und spannen, daß es eine Freude war. Dabei sprachen sie kein Wort. Nur wenn einer zufällig der Faden riß, sagte sie leise zur anderen: "Faden ab", worauf die andere erwiderte: "Knüpf an" und dann schnurrten die Rädchen wieder lustig weiter. Hatten sie dann einige Spulen voll, so haspelten sie das Garn in Stränge, betrachteten mit Wohlgefallen das schöne Gespinnst, lächelten der Hausfrau freundlich zu und verschwanden mit ihren Rädchen in der dunklen Nacht. Überhaupt liebten die saligen Fräulein das geräuschlose, aber segensreiche Wirken im Hause, das ja am Spinnrade eine so sinnreiche Darstellung findet.

"Die Hand beim Zeug
Stärkt Seel' und Leib",

sagt der Tiroler, und mit Recht; denn wo die Hände tätig sind, da ist auch Segen und Wohlstand und waltet Zucht und Sitte und manches Stadtfräulein am Klavier müßte erröten vor dem Bilde reger Emsigkeit, das sich in mancher Bauernstube Tirols zeigt.

Wo aber die Arbeitsamkeit ihren Sitz hat da ist auch Zucht und Sitte zu hause. Darum läßt die Sage die saligen Fräulein auch nur an jene Orte gehen, wo diese beiden Faktoren des häuslichen Glückes vorhanden waren. Gab es irgendwo im Tale ein haushälterisches Weib, das ihren Mann treu liebte und ihre Kinder in Zucht und Gottesfurcht erzog, da nahmen sicher die saligen Fräulein Einkehr, gaben ihr gute Räte in der Wirtschaft und unterrichteten sie, wie man den Flachs ziehe, damit er schön reistig werde, wie man beim Schwingen, Hecheln und Spinnen umgehen und welche Vorteile man beim Bleichen anwenden müsse, um recht weiße Schürzen und Hemden zu bekommen. An ein solches Haus war dann gewiß Segen und Wohlstand geknüpft, so lange die Bewohner arbeitsam und tugendhaft blieben. Nicht selten ließen sie auch bei ihrem Weggehen einen Zwirnknäuel zurück, welcher die wunderbare Eigenschaft besaß, daß er nie abnahm, man mochte brauchen, wie viel man wollte; fleißigen und sittsamen Spinnerinnen aber schenkten sie wohl auch ein Brauthemd, so fein gesponnen, daß es in der hohlen Hand Platz hatte.

Besonders aber waren sie, den Kindern und Armen wohl gesinnt. Den ersteren erschienen sie öfter im Walde und halfen ihnen Reisig sammeln. Solches Holz brannte dann viel länger und besser als gewöhnliches. Den Armen suchten sie ihr hartes Los auf alle mögliche Weise erträglicher zu machen. Und in der Tat, das arme Ländchen Tirol bedarf wohl solch' hilfreicher und tröstender Schutzgeister und wer das Elend mancher Gegenden Ober-Inntals und Vintschgaus kennt, deren Bewohner der Hunger scharenweise in die Fremde treibt, um als armselige Geschirrhändler oder Schnitter ihr Brot zu suchen, der begreift die Zähigkeit, mit der das Volk an diesen lieblichen Sagengestalten festhält, die einst die Not des Thales linderten. Für die Armen spannen die saligen Fräulein Flachs und reichten das feine Garn Nachts zum Fenster hinein. War jemand im Dorfe krank, der keinen Arzt zu bezahlen vermochte, so kamen sie oft, besonders, wenn es ein Familienvater war, in die ärmliche Stube, setzten sich ans Bett des Kranken und reichten ihm ihre kräftigen Heilsäfte. Ein so Kurirter erlangte gewiß bald die Gesundheit und mit ihr kehrte wieder Mut und Hoffnung in die Hütte zurück. Auch verdingten sie sich oft während dieser Zeit an Bauernhöfe, wo der Kranke in Lohn stand, und arbeiteten statt desselben, damit ihm. sein Verdienst nicht entgehe, wie sie denn überhaupt mit der, dienenden Klasse Mitleid hatten und sie in tausend Fällen unterstützten.

Waren im Hochsommer Flachsjäterinnen oder Schnitterinnen auf dem Felde beschäftigt und drohte ein Gewitter oder war sonst Mangel an Arbeitskräften, so sahen sie oft plötzlich zwei unbekannte Mädchen von wunderbarer Schönheit, welche schweigend mitschafften. Nach vollbrachter Arbeit verschwanden sie - es waren Salige gewesen. Ebenso halfen sie den Mähern auf den Bergwiesen heuen.

Geübtere Roderinnen oder Worperinnen konnte man gewiß nirgends finden und sobald der bekannte schrillende Lockruf von der Sense des Mähers ertönte, erschienen gemeiniglich ein paar salige Fräulein und streuten mit ihren zierlichen Rechen die schwellenden Mahden aus einander.

Man nennt dieses eigentümliche Signal hier zu Lande das "Roderinnenlocken." Hat nämlich ein Mäher bereits ein gutes Stück abgemäht und es erscheint keine "Roderin" oder "Worperin", so nimmt er den Wetzstein aus dem Kumpfe und streicht damit drei Mal über den Rücken der Sense, was einen schrillenden, weit hörbaren Ton ergibt. Dann kommt gewöhnlich das Mädchen, das ihn liebt, und breitet das gemähte Heu zum Trocknen aus. Oft nun soll es in früherer Zeit geschehen sein, daß so ein bärtiger Mäher, wenn er nach der gelockten Roderin sich umsah, statt seines Kathai oder Lisai ein saliges Fräulein erblickte, das ihm so treuherzig in die Augen schaute, daß er darüber sein früheres Mädchen vergaß und sich in die neue "Kuntin" verliebte. Da jedoch diese feenhaften Wesen von irdischer Liebe nichts wissen wollten, unsere Bauern aber bekanntlich keine Platoniker sind und unter Liebe in der Regel etwas mehr verstehen, als bloß Augenblinzeln und Kußhändchen. werfen, so hatte die Herrlichkeit gewöhnlich bald ein Ende und der idyllische Liebhaber mußte froh fein, wenn er fein früheres Schätzchen wieder bekam.

Jungfräuliche Sittenreinheit war überhaupt ein Charakterzug der saligen Fräulein und so freundlich sie sonst den Menschen waren, so strenge ahndeten oder straften sie jede Ungebührlichkeit in dieser Hinsicht. Da ist es einem frischen Bauernburschen in Vintschgau schlimm ergangen. Diesem war nämlich während des ganzen Hochsommers ein saliges Fräulein erschienen und hatte ihm als Roderin beim Mähen wacker geholfen. Als man nun an das letzte Alpenmahd kam, wurde dem Burschen ganz sonderbar um's Herz, denn nun mußte er sein Liebchen verlieren. Was tat er? Er "latzte" heimlich mit einem Stricklein dem Mädchen den Fuß an und die Salige war gefangen. Als sie es bemerkte, schrie sie laut auf, riß sich los und brach sich dabei das zarte Füßchen. Doch den Schuldigen ereilte bald die verdiente Strafe. Am anderen Tage, beim Abzuge von der Alpe, strauchelte er und brach sich das Bein und bis auf den heutigen Tag haftet der Fluch der saligen Fräulein auf dem Geschlechte, indem immer ein Glied der Familie krumm sein muß.

Im Übrigen ist das Verhältnis der saligen Fräulein zu diesen Alpenbewohnern ein überaus trauliches. Sie liebten das Geschelle der Alpenglocken, den jodelnden Gesang der Senner und fröhliche Zitherweisen und hatten Freude am harmlosen Treiben der Älpler, in deren Treuherzigkeit und Schlichtheit sie ein Abbild ihrer eigenen Unschuld und Herzensgüte erblickten. Saßen Abends die Mäher vor den Sennhütten und "dengelten" pfeifend ihre Sensen, so kamen öfters salige Fräulein auf Besuch und schauten neugierig dem Geschäfte zu. Sie setzten sich wohl auch zum Herde, wo die Senner ihr fettes Rahmmuß kochten, oder griffen mit ihren zarten Fingerchen lüstern nach dem heißen Krapfen, auf die sie eine außerordentliche Passion gehabt haben sollen. Deshalb gibt man noch jetzt in Tirol den Mähern, wenn sie im Hochsommer auf die Bergwiesen ziehen, um das Spätheu einzubringen, die sogenannten "Mahdküchel" mit für den allenfallsigen Besuch der saligen Fräulein; auch wartet man auf sie mit dem ersten Essen bis drei Uhr Nachmittags. Doch die lieben Gäste lassen in der jetzigen Zeit lange auf sich warten und ich nehme es ihnen auch nicht übel; denn um diese zähen Lederküchel gehörig zu verdauen, braucht es eben auch den Ledermagen eines tirolischen Senners. Vielleicht sind ihnen auch unsere heutigen Älpler viel zu gescheid und aufgeklärt und sie machen es daher, wie es das Christkind oder der heilige Nikolaus macht, der auch ausbleibt, wenn die Kinder nicht mehr an seine vergoldeten Nüsse oder Äpfel glauben wollen. Darum geschieht aber auch heutigen Tages, heißt es, so viel Unglück unter Menschen und Vieh und trifft man so viele Marterlen auf Wegen und Stegen an, weil die saligen Fräulein nicht mehr wehren und schirmen wie einstens.

So denkt und argumentiert das dahinsterbende Alter dem ungläubigen Nachwuchs vor und erzählt mit wahrhaft rührender Einfalt vom einstigen hilfreichen Walten dieser milden Berggeister: wie sie verstiegenes oder verlorenes Vieh retteten und in schauerlichen Wetternächten die Wasserrunsen von Haus und Hütten zurückgehalten haben. Darum rief sie auch das Volk so gerne in Not und Gefahr an und an mancher abschüssigen Stelle, an manchem gefährlichen Jochübergange klebt die Erinnerungstafel solch einer frommen Sage. Unmittelbar vor der Obermarkter Almhütte im Oberinntal führt der Weg am sogenannten Sprisselstein vorbei.

Es ist dies ein gewaltiger, überhängender Felsblock, so daß jeder Vorübergehende meint, er müsse ihm "itzt und denn" auf den Kopf fallen. Da fuhr einmal ein frommes Bäuerlein mit Holz vorbei. Gerade wie er darunter war, kam die Wand ins Fallen; das Bäuerlein in seiner Todesangst rief die saligen Fräulein um Hilfe an und siehe! sie kamen und hielten den Stein auf. Seitdem wirft jeder, der vorübergeht, eine Handvoll Erde unten an die Wand, damit, wie die Sage fromm bemerkt, die saligen Fräulein weniger zu tragen haben. Ebenso schützten sie den Wanderer auf seinen einsamen Pfaden und mancher müde Pilgersmann, der hoch im Gebirge, von Nebel oder-Schneegestöber überrascht, vom rechten Wege abkam und sich verloren glaubte, fühlte sich plötzlich von unsichtbaren Armen entrückt und sah bald im Abendschein sein heimatliches Dörflein vor sich liegen.

Doch wie traulich sie sich auch dem Menschen nahen, einen wie regen Anteil sie an allen seinen Losen nehmen, so ist dieses Verhältnis doch stets nur ein äußerliches; im Ganzen stehen sie ihm doch als eine fremde Macht gegenüber, getrennt durch eine tief mit ihrer Natur verwachsene physische und psychische Scheidewand. Keine Gemeinschaft tieferer Interessen und Bedürfnisse verknüpft sie mit der Mitwelt, sondern hoch über der Menschen Tun und Treiben bilden sie ein eigenes Reich, führen ein seliges Leben, verklärt vom Zauber ewiger Jugend, verschönt durch das Bewußtsein freiwillig gespendeter Wohltaten. Nie aber gehen sie nähere Verbindlichkeiten. mit den Menschen ein, sondern meiden ängstlich jede Participirung an irdischen Angelegenheiten. Darum lassen sie sich, auch nie für ihre Dienste belohnen oder nehmen dafür Geschenke an, sondern kaum haben sie eine schöne Tat vollbracht, so sind sie auch schon entschwunden, noch ehe der Dank beglückter Sterblicher den Lippen entströmt. Mag man nun auch als Motiv solch' einer edlen und uneigennützigen Handlungsweise die reinste christliche Nächstenliebe annehmen, die nur gibt, nie nimmt, so ist doch ein nicht minder starker Impuls dazu das Bewußtsein, durch eine derartige gegenseitige Verbindlichkeit an ihrer göttlichen Natur Abbruch zu leiden.

Noch schlagender stellt sich dies da heraus, wo sie die Sage - wiewohl nur die jüngere und bereits getrübte - als Familienmütter oder als Mägde an Bauernhöfe verdingt hinstellt. Gewöhnlich hat ein solch' inniges Eingehen irdischer Verhältnisse nur kurze Zeit Bestand, indem eine solche Verbindung stets an Bedingungen geknüpft ist, deren gewöhnliche Nichteinhaltung die baldige Lösung des unnatürlichen Verhältnisses herbeiführt. Meistens besteht diese Verpflichtung für den Mann im Verbote, nachdem Name oder der Abkunft des Weibes zu fragen, nach dessen unvorsichtiger oder erpreßter Offenbarung dann die Salige verschwindet. Wo sie aber in der Sage als glückbringende Mägde auftreten, werden sie gewöhnlich durch geheimnisvoll übermittelte Benachrichtigung vom Tode ihrer Mutter oder naher Verwandter abberufen, welchem Gebote sie auch augenblicklich Folge leisten. So sehen wir diese milden Wesen als wahre Schutzengel durchs Land ziehen, überall Glück und Hilfe spendend, überall die reichen Segnungen der Kultur ausstreuend, wohin ihr göttlicher Fuß tritt. Darum bringt sie auch die Volkssage so gern in Verbindung mit jener guten alten Zeit, in der es noch keine Steuern gab, wo man noch das Star Roggen um einen halben Gulden kaufte und jedes Haus so ein saliges Fräulein hatte. Doch diese Zeit ging um; die wilden Männer sind ins Land gekommen, heißt es, und haben die saligen Fräulein vertrieben.

Dies war der Sage nach ein rohes, riesenartiges Waldvolk, ganz mit Moos und Baumbart überwachsen, jeder Kultur und Sitte abhold. Deshalb waren sie auch den saligen Fräulein, diesen holden Pflegerinnen menschlicher Bildung, todfeind und verfolgten sie auf die unbarmherzigste Weise.

Nur heimlich und mit äußerster Vorsicht konnten nunmehr diese den Menschen dienen; denn wo so ein wilder Mann eine Salige antraf, machte er mit fürchterlichem Gebrülle auf sie Jagd und zerriß sie, wenn er sie erwischte, wie Spinngewebe. Wie gescheuchte Tauben vor dem Habicht flohen sie dann mit bangem Angstschrei dahin, ob sie vielleicht irgendwo ein Kreuzbild am Wege erreichten oder auch nur einen Baumstrunk, in den mitleidige Holzfäller drei Kreuze eingehackt hatten. Gelang ihnen dieses, so konnte ihnen der wilde Mann nichts mehr anhaben und sie waren gerettet. Dieser Gebrauch der Holzfäller hat sich bis heute erhalten und besonders im Oberinntal und Vintschgau trifft man solche einstige Asyle der Verfolgten. An diesen Vernichtungskampf der wilden Männer gegen die saligen Fräulein knüpft sich auch die Sage von ihrem Auszug oder Verschwinden und jedes Kind von Graun weiß dir unweit der Salge den sogenannten Frauenstein zu zeigen, auf dem die saligen Fräulein bei ihrer Flucht gerastet und trostlos geweint hatten. Nach anderer Sage sollen sie, als das Schießen aufkam, erschreckt über alle Jöcher geflohen sein. Ob nun diesen beiden Varianten über das Verschwinden der saligen Fräulein ein altersgraues historisches Faktum zu Grunde liegt, an das sich die Mythe anschmiegte, läßt sich wohl schwer bestimmen; aber so viel ist gewiß, daß diese ganze sagenhafte Erscheinung im Heidentum unserer Väter wurzelt, ja ihrem Kerne nach ins graueste Altertum, nach der asiatischen Urheimat weist, wenn auch der früher angeführte Zug, daß nämlich das Kreuz den Saligen Schutz gewährt, darauf hindeutet, daß sich der Mythos frühzeitig dem Christentum anbequemte. Damit schließen wir das Bild dieser Sage ab, einer Sage, welche an Zartheit und poetischem Gehalte kaum ihres gleichen finden dürfte, eine wahre Perle im reichen Sagenkranze des tirolischen Alpenlandes.


2. Die Nörgelen.

Einen komischen Gegensatz zu den anmutigen Gestalten der saligen Fräulein bildet das neckische Völklein der Wichtelen oder Nörgelen, wie sie gemeiniglich heißen. *) Das waren kleine, steinalte Männlein mit dicken Wackelbäuchen, großem Kopfe und schmierigen Schnüffelnasen.

*) Die andern Ausdrücke: als Pechmannl, wildes Mannl, Putz, Kasermannl sind nur verschiedene Specificirungen derselben sagenhaften Erscheinung.

Dazu trugen sie einen langen, eisgrauen Bart und eine! tief ins Gesicht gedrückten, unverhältnißmäßig großen Hut Ihre Füße glichen denen der Gänse und Enten, weßhalb sie keine ordentlichen Schritte machen konnten, sondern sich bloß so herwalgten. Sie mußten sich auch der großen Mängel ihrer Gestalt wohl bewußt sein, da sie dieselben sorgfältig zu verbergen suchten.

Das ging aber oft schwer, denn ihr graues oder grasgrünes Kleidchen war in der Regel fadenscheiniger und zerlumpter als das Hausröcklein manches armen Studentleins. Nur bei besonders festlichen Gelegenheiten trugen sie ein hochrotes Galajäcklein mit großen goldenen Knöpfen. Im Übrigen war Reinlichkeit gerade nicht ihre Tugend und man darf sich auch nicht verwundern; hatten sie ja ihr gewöhnliches Logis in Höhlen und Erdlöchern, von wo aus sie den Bauernhöfen und Almenhütten ihre Etiquettebesuche machten. Solche sogenannte "Norgenlöcher" trifft man eine Unzahl durch ganz Tirol zerstreut. So über dem Sachsenhofe auf dem Vellauerberge bei Meran, zu "Woalda" in Passeier; die Alpe Norgles und die Norgehöhle an der Schweizergrenze haben von ihnen ihre Namen und im sogenannten Hagen bei Meran heißt noch heutzutage eine Gasse nach ihnen die "Norgengasse."

Besonders aber wimmelte es in Ober-Vintschgau, im Tal Planail auf dem Gebirgsstück zwischen Matsch, Schnals, Passeier und Ötztal von Norgenplätzen, was alles auf eine große Verbreitung der Sage schließen läßt.

Über den Ursprung der Norgen oder Wichtelen erzählt sich das Volk eine gar ergötzliche Geschichte, .die ganz die Natur dieser kleinen Kobolde kennzeichnet. Als nämlich beim Abfall der Engel diese hoffärtigen Geister in die Hölle gestürzt wurden, blieben durch Zulassung Gottes viele - besonders diejenigen, die sich nur hatten überreden lassen und nicht eigentlich böse waren - im Sturze an Bergesspitzen und Bäumen hangen, wo sie nun als Norgen und Alpenpütze bis zum jüngsten Tage bleiben müssen. Deshalb sind sie so "z'nicht" und tücken die Leute auf alle mögliche Weise. Und in der Tat: dieses genealogische Kompliment verdienen sie ganz und gar. Sie sind Plageteufelchen im eigentlichen Sinne des Wortes und scheinen es als alleinigen Zweck ihres Daseins zu betrachten, durch Neckereien aller Art in das idyllische Einerle des Landlebens einige Abwechslung zu bringen. Unzählig sind die Stücklein, die sich das Volk von diesen mutwilligen Knirpsen erzählt und der Herzenserguß mancher ehrsamen Bäuerin, der sie ihren Schabernack antaten, könnte halbe Bibliotheken füllen. Freilich erwiesen sie auch den Menschen nebenher viel Gutes und besonders die sogenannten "guten Nörgelen" brachten - wie wir sehen werden - Glück und Segen in manches Haus, aber die sonstigen Äußerungen ihres Erdenwallens waren ein endloses Sündenregister von tollen Streichen und Albernheiten, vor denen kein Ort, weder ein heiliger, noch profaner, sicher war. Aus Gassen und Straßen, in Häusern und Viehställen, auf Kirchhöfen und in Totenkapellen, auf Almen und Wiesen, kurz überall trieben sie ihr Unwesen.

Oft hörte man Nachts auf dem Dachboden einen Heidenlärm, als ob Alles von unterst zu oberst gekehrt würde, so daß die Leute erschreckt ans dem Schlafe fuhren. Sah man dann nach, so war Alles in Ordnung und so ruhig und still, daß man hätte können ein Mäuschen nießen hören. Überhaupt machte es ihnen Vergnügen, die Leute an zugefügten Schaden glauben zu machen, obwohl ein solcher in Wirklichkeit nie stattfand und ihr böses Treiben nur den Zweck hatte, die Mitwelt zu ärgern. So hängten sie einmal einem Bauern in Paznaun einen Korb voll Heu an einem Strohhalme unter's Dach hinauf, wo kein Mensch zukommen konnte. Das ganze Hans lief zusammen und umstand fluchend und scheltend das Phänomen. Nachdem sich die Knechte den ganzen Tag umsonst abgemüht hatten und sich anderwärts um Hilfe umsahen, holten unterdessen die Nörgelen den Korb herunter und den Zurückkehrenden schallte aus allen Winkeln ein höhnisches Lachen entgegen, Kamen die Dirnen schwerbeladen mit Heubürden nach Hause, so schlugen sie ihnen die Tennentüre vor der Nase zu, so daß die müden Leute wieder umkehren mußten, um zur Rückseite hineinzugehen. Dort erwartete sie der gleiche Spuck. Man sieht, es steckt wirklich etwas Diabolisches in diesen kleinen Rackern und manches fluchende Bäuerlein mag ihnen ein gut Teil Fegefeuer verdanken.

Einen Hauptspaß machte es ihnen auch, aus einem Winkel Leute auf der Straße mit Steinchen zu bewerfen und so einem Dritten zu unverdienten Schlägen zu verhelfen, oder sie walgten sich den Vorübergehenden blitzschnell vor die Füße, so daß man über sie stolperte und auf die Nase fiel. Sonntags, wenn die Dorfmädchen geputzt in die Kirche gingen, legten sie sich mit ihren dicken Bäuchen in die Wasserrinnen, so daß das Wasser überlief und die "feschen" Dirndlen ihre Kittelchen nicht genug aufheben konnten und patschnaß in die Kirche kamen, Am ärgsten jedoch trieben sie es auf den Einzelngehöften, den sogenannten "Danethöfen". Wehe dem Bauern, indessen Stall oder Tenne sie ihr Absteigequartier genommen hatten. Zwei Kühe während der Nacht an eine Kette hängen, einer andern den Kopf zum Fenster hinausklemmen, daß sie weder vor- noch rückwärts konnte, Melkkübel und Melkstühle verstellen und verräumen, kurz ähnlicher Schabernack waren die ersten Kundgebungen ihrer glücklichen Ankunft. Dazu hatte man vor diesen losen Taugenichtsen nichts sicher. Denn sie hausten und stahlen in Küche und Keller und zwackten den Hennen die Eier ab, ehe sie gelegt waren. Besonders liebten sie den Speck, den sie mit einer wahrhaften Virtuosität aufzuspüren wußten. Ja einmal hat gar eine Bäuerin in Planeil so einen tannenzapfen-großen Nascher in einer Mausfalle gefangen und war nicht wenig erstaunt, als sie statt eines armen Mäusleins das kleine Männchen unter dem Eisen zappeln sah. Sie hätte es im ersten Ärger wohl gar ertränkt, wenn die Kinder nicht gar so "gebittet und gebettelt" hätten. So ließ sie es laufen mit der Drohung, es Nachts mit der großen Feuerzange zu zwicken, wenn es nochmals etwas anstelle.

Besonders aber hatten es die Nörgelen auf die Mägde und Kuhdirnen abgesehen, die sie bei Tag und Nacht mit ihren Zärtlichkeiten verfolgten. Sie zogen die Milchschämel unter ihnen weg, zerrten sie bei den Zöpfen, daß sie laut aufschrieen, oder "blatterten" sie gar blau und rot. Warfen ihnen dann die erbosten Dirnen die Melkstühle nach - husch hatten sie sich in einen Winkel verkrochen und kicherten und lachten, daß ihnen die Bäuche wackelten. Das wurde denn doch mancher so geplagten Viehdirne zu arg und sie machte es wie jene Magd in Marling, die, der Plackereien eines Nörgleins müde, dem Bauer aufkündete, zusammenpackte und sich jenseits des Tales an einen andern Hof verdingte. Aber kaum hatte das Nörglein es erfahren, so sang es:

Da nimm' i n mei' Gehüder und Gezüder
Und zieh' mit dir über's Joch hinüber

und folgte der schlengelnden Dirne.

Daß solche Zärtlichkeiten nicht geeignet waren, den weiblichen Teil der Bevölkerung ihnen hold zu stimmen, versteht sich von selbst, und doch - zum wundern ist's - gerade das schöne Geschlecht erfreute sich ihrer besonderen Zuneigung und alle ihre Unarten und losen Streiche waren nur der verkannte Ausdruck des zärtlichsten Wohlwollens, ja nicht selten der heißesten Liebe für dasselbe. Saubere Dirnlein, vorzüglich wenn sie recht lustig waren, konnten diese kleinen Racker ganz närrisch und verrückt machen. Und in der Tat, wenn man so eine frische Bauerndirne im Sonntagsschmuck zur Kirche gehen sieht, das knappe Mieder um die gesundheitstrotzenden Formen, mit den runden Apfelwangen und dem tanzleichten festen Füßchen, um, die das "wisse" Kittelchen mutwillig sich schwenkt, so begreift man, wenn diese verdraxten Knirpse vor Lust die Augen verdrehten und so eine Dorfperle zu erobern suchten. Dabei bewiesen sie einen ganz guten Geschmack, indem sie stets den schönsten ihre Huldigung darbrachten, sowie sie überhaupt trotz ihrer keineswegs einnehmenden Erscheinung ziemlich hohe Prätensionen machten und in tiefste Melancholie verfallen konnten, wenn man ihre Leidenschaft nicht nach Gebühr würdigte. Wer hat nicht die tragisch-komische Geschichte vom armen Purzinigele gehört, das sich in die ekle Schloßgräfin von Tirol verliebte, bis dieselbe durch die Offenbarung seines Namens den ungestümen Freier vertrieb. Traurig wandelte es über den Schloßberg hinunter und sang:

Oweh, o weh, itzt kumm i nimmermeh,
Weil die schone Gräfin woaß.
Daß i Purzinigele hoaß.

Doch nicht immer waren sie in ihrer Liebe so unglücklich, besonders seit sie in den niederen Sphären der Dorf-Hautevolee ihr Glück versuchten. Manches Dirnlein, das vorher teils aus Mitleid, teils des Spasses halber die Sache so hingehen ließ, fand nach und nach an ihrem kleinen Ritter Gefallen und vergaß die Mängel der Gestalt, da sich so ein kleiner Freier äußerst artig gegen seine Dame benahm. Kein Kavalier konnte zierlichere Knixe und Komplimente machen und an Treue und Konsequenz hätten sie manchen Salonhelden beschämt. Dazu kam noch ein anderer günstiger Umstand. Diese kleinen Liebhaber hatten Geld und zwar viel Geld, konnten ihre Auserwählte auf jeden Tanzboden führen und warfen den Spielleuten die harten Taler handvoll vor die Füße. So wurde denn oft aus dem Spasse Ernst und es gab eine lustige Hochzeit.

Anfangs freilich hatte ein solches neues Pärchen vom Dorfwitze manches auszustehen und vor Allem die Flitterwochen gaben den Spinnstuben viel Stoff zum Lachen. Doch bald ging es, wie es mit allem Absonderlichen zu gehen pflegt, man gewöhnte sich daran. Dazu trug nicht wenig bei, daß die nunmehrigen Staatsbürger in ihrem neuen Verhältnis ihre boshafte Natur - so gut es überhaupt einem Nörgele möglich ist - ablegten und sich als arbeitsame, tätige Gemeindeglieder erwiesen. Da sie nämlich wie alle Zwerge äußerst klug und verständig waren, so griffen sie Alles geschickt und praktisch an, sodaß ein Norggenhof gewöhnlich zu den wohlhabendsten der Umgegend zählte. Besonders verstanden sie sich gut auf's Getreidemahlen und das sogenannte Mühlmannl am See in Passeier war wegen seines feinen und weißen Mehles weit und breit im Tale berühmt.

Es wäre sehr unbillig, wollte man diesen sonderbaren Geschöpfen kein gutes Haar lassen und denselben nur Schlimmes in die Schuhe schieben. Ich habe schon früher erwähnt, daß es "gute Nörgelen" gegeben habe, die sich den Menschen auf mannigfache Weise nützlich zeigten, wie wir denn bei den meisten dieser mythischen Gestalten das gute und böse Prinzip vereinigt finden. So prophezeiten sie den Bauern die Witterung, gaben ihnen gute Räte und sagten ihnen die Zeit des Pflügens und Säens an. Gewöhnlich geschah diese Mahnung durch einen auf das Ackerfeld hinausgestellten Pflug. Säeten dann die Landleute, so durften sie sicher auf eine reiche Ernte hoffen, befolgten sie aber den Rat des Nörgleins nicht, so verdarb gewöhnlich Reif und Hagelschlag die Feldfrüchte. Nicht minder zeigten sie sich den Sennern auf den Viehalpen behilflich; sie molken ihnen die Kühe, stellten die vollen Schüsseln vor die Türe und scheuerten die Pfannen spiegelblank. Auch putzen sie ihnen das Vieh und trieben es auf die Weide, wo es dann freilich manchmal etwas kunterbunter zuging. Am meisten gaben ihnen die Schweinchen zu schaffen, die vor ihnen wie besessen über Stock und Stein jagten, daß manchem Senner die Haare gegen Berg standen. Aber niemals geschah ein Unfall und Abends war das ganze Vieh wieder wohlbehalten im Stalle.

Wegen solcher Dienstleistungen nun waren die Nörgelen trotz ihrer Bosheiten und des Ärgers, den sie den Leuten machten, im Allgemeinen wohl gelitten, um so mehr, da sie für ihre Gefälligkeiten nie eine Belohnung annahmen und für ihre gütige Bemühung als einziges Äquivalent stillschweigende Hinnahme ihrer losen Streiche zu erwarten schienen.

Bisweilen wohl schmarotzten sie an den Eßtischen der Bauern herum oder holten sich aus der Küche ein Stück Fleisch aus dem Zusetzhafen, im Übrigen jedoch wiesen sie mit stoischer Selbstbeherrschung jede Belohnung zurück und verschwanden für immer, wenn man ihnen eine solche aufdringen wollte; ein Zug, den sie mit den saligen Fräulein gemein haben. Am wenigsten durfte man sie mit einem neuen Röcklein beglücken, obwohl eine solche Gabe in Anbetracht ihres keineswegs reizenden Kostümes gewiß nicht als überflüssig erscheinen durfte. Denn wenn man bedenkt, daß sie die edle Gewohnheit des Wäschewechsels als längst überwundenen Standpunkt betrachteten und jahraus jahrein in dem gleichen Kittelchen in allem Schmutz herumhausten, so kann man sich einen schwachen Begriff von der Salonfähigkeit ihres Galafrackes machen, in dem oft wahrlich zehn Katzen keine Maus erwischt hätten. Zwar verstanden sie sich ganz gut auf's Schneidern und ich könnte ein gar köstliches Histörchen von einem Nörgelein erzählen, das auf dem niederen Holzdach einer Sennhütte saß und an seinem Kittel so ernsthaft darauf losflickte und schneiderte und dabei so spöttisch auf den unten stehenden Senner herabblickte, daß dieser sich nicht enthalten konnte, dasselbe wegen einer gewissen Schneidertugend aufzuziehen. Doch kaum hatte das Nörgele diese Verhöhnung seines Handwerkes vernommen, als es im Nu seine Schneiderwerkzeuge zusammenpackte, mit einem Satz herunten war und den Senner so wild anlief, daß dieser über Hals und Kopf das Weite suchte und nicht eher zu Atem kam, als bis er einen breiten Wildbach hinter sich hatte.

Doch gehen wir weiter.

Diese originelle Caprice, nichts annehmen zu wollen, kam ihnen besonders im Winter teuer zu stehen, wo sie der grimmige Frost und der Hunger ganz zahm zu den inneren Bauernhöfen trieb. Dort hielten sie sich im richtigen Verständniß ihrer Situation in der Nähe der Küche auf und machten dem Metier eines "Hafeleguckers" alle Ehre. Überhaupt war der Winter eine harte Zeit für sie, ganz geeignet, die düstere Seite ihrer Doppelnatur hervorzukehren. Nicht selten hörte man sie dann über ihr Alter in laute Klagen ausbrechen. Dieses ist in der Tat derart, daß es selbst den Lebenslustigsten verzagt machen könnte.

"O mein Gott, wie bin i so alt!
Denk die Egerer Wies
Neun Mal Wies und neun Mal Wald
Und den Tristkopf
Kloan wie a Kitzkopf
O mein Gott, wie bin i so alt!"

So weinte und schrie kläglich ein uraltes Nörgele, das am Achenrain bei Rattenberg im Unterland hauste.

Als Grund ihrer Langlebigkeit gaben sie ihre einfache Nahrung an, die nur aus Wurzeln und Kräutern bestand, welcher Küchenzettel wenigstens beweist, daß sie keine Gourmands waren.

Noch mehr aber als das Alter drückte sie ihre Abhängigkeit von den Menschen, in die sie ihre winterliche Lage brachte, und die Not, die ihnen die ganze Wucht ihrer eigenen Hilflosigkeit ins Bewußtsein rief. Sie gewähren dann in der Tat ein Bild trauriger Verlassenheit und ihre Klage steht in schneidendem Kontraste mit ihrer sonstigen launischen Ausgelassenheit. In einem Herdwinkel in ihren Lappen zusammengekauert, schnatternd vor Kälte, hockten sie tagelang in dumpfem Hinbrüten da und wärmten ihre erstarrten Glieder an der wohltuenden Flamme. Manche mitleidige Bäuerin hätte ihnen gern ein warmes Kleidchen zum heil. Christ verehrt, wenn sie nicht gefürchtet hätte, das arme Ding dadurch zu vertreiben. Nicht minder charakteristisch ist die Scheu der Nörgelen vor den Eierschalen. Diese, auf den Herd gestellt, vertrieben so einen Knirps auf weltewige Zeiten.

Zu einem Bauer am Nördersberg in Vintschgau kam immer ein Nörgele in die Küche, um sich zu wärmen. Es kauerte sich am Herde nieder, rieb sich die Hände über dem Feuer und murmelte in einem fort: "Husch, husch - kalt, kalt!" Anfangs betrug es sich ganz manierlich, aber so bald es aufgetaut war, schlug seine alte Norgennatur durch, es gebärdete sich neckisch und zudringlich, bekrittelte Alles und Jedes, schnüffelte in jedes Schüsselchen und Häfelchen - kurz, wurde unangenehm. Die Bäuerin, der schon wegen des üblen Geruches ekelte, war endlich des zudringlichen Gastes überdrüssig und sann auf Mittel, sich denselben vom Halse zu schaffen. Da gab ihr eine Nachbarin den Rat, den Herd mit Eierschalen zu bespicken. Die Bäuerin tat es. Als nun das Nörgele am folgenden Tage wieder kam und die vielen Eierschalen sah, rieb es sich die Hände über dem Feuer, schüttelte den Kopf und sagte mit einem tiefen Seufzer:

"Husch, husch - kalt, kalt,
I denk' itz den Böhmerwald,
Neun Mal jung und neun Mal alt;
Aber so viel Hafelen auf ei'm Herd
Han i mein Lebtag nie derheart."

Dann ging es fort und ließ sich nie mehr sehen. Es ist dies ein eigentümlicher Zug, der sich auch in den anderen Zwergensagen wieder findet und für ihr hohes Alter bürgt. Es kam dabei vor Allem darauf an, durch einen sonderbaren Vorgang, wie das Eieraufstellen ist, die Nörgelen zum Geständnis ihres Alters oder Namens zu bringen, weil dadurch ihre fremdartige, den Menschen nicht verwandte Natur sich aufdeckte, wie wir dieses schon früher bei der Geschichte des armen Purzinigele gesehen haben, welches, von seinen Freiersgelüsten geheilt, allsogleich verschwand. Das Bewußtsein, daß nach unvorsichtiger Offenbarung ihres wahren Wesens ihr Verhältnis zur Mitwelt notwendig zerfallen müsse, vertrieb sie. Mit lauten Klagen über den Undank und die Treulosigkeit der Welt ziehen sie dann weg.

Doch ist dies nicht der einzige Zug, in dem sich die düstere Seite ihres Doppelwesens offenbarte. Aus hundert und hundert Sagen tritt uns dieselbe entgegen und es ist in der Tat wunderbar, wie die Phantasie des Volkes in richtiger psychologischer Erkenntnis dem komischen Charakter dieser Wesen den Zug tiefer Melancholie beigegeben hat. Man erinnert sich da oft unwillkürlich an die Doppelnatur eines Raimund, der mit seinem übersprudelnden Witz und Humor alle Lachmuskeln des Publikums in Bewegung setzte, während ihm tief innen .der bleiche Dämon unheilbaren Trübsinnes an der Leber saß. Dasselbe tragisch-komische Zwitterbild begegnet uns in der Natur dieser eigentümlichen sagenhaften Erscheinung. Ein Zug tiefer Unbefriedigung und Trostlosigkeit zieht sich durch das ganze Wesen dieser elbischen Gestalten, der auch in der Sage von den saligen Fräulein, wenn auch schwächer durchschimmert und sich vergebens unter der farbigen Hülle des Humors zu verbergen sucht. Ihre ganze Erscheinung macht den Eindruck, eines untergehenden Zeitalters, das einer neuen Ära den Platz räumt. Es ist das Zurückweichen des alten Heidentums vor dem neuen Lichte des Christentums und der Zivilisation. Damit hängt auch der Zug in der Sage zusammen, der die vertriebenen Nörgelen ins Ötztal wandern läßt, was nur ein Gesamtausdruck für wilde, unwirtliche Gegend ist, wohin die Hand der Kultur noch nicht gedrungen.

Quelle: Die Salig-Fräulein und Nörgelen - Zwei Sagenbilder aus Tirol, Dr. Ludwig v. Hörmann, Bozen 1874
Anmerkung: Rechtschreibung geringfügig modernisiert.