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Haymon der Riese

Nicht lange nach des glorreichen Kaisers Karl Tode kam ins Tirol ein Mann von riesenchafter Gestalt; es heißt, er stammte aus adeligem Geschlecht und vom Rhein. Der hieß mit Namen Haymon und soll seiner Länge gewesen sein zwölf Schuh und vier Zoll. Weil nun keiner war, der sich an großer Kraft des Leibes und der Glieder ihm vergleichen gekonnt, ist er gar hoffärtig und unbändig gewesen. Für ein Riesenschloß, das er zu bauen vermeint, gewann er sich den Soden, indem er mit einem mächtigen Felsblock auf der Schulter an der Sill hinauf bis fast zum Patscherkofl und zurück über Igls nach Wilten lief, dann aber den Stein noch mit Gewalt westwärts warf.

Es lebte aber nicht weit davon bei Seefeld im obern Inntal noch ein anderer Riesenmann, der Tyrsus genannt war. Als der Haymon von diesem Kunde erhielt, ist er dorthin gezogen, ihn im Kampfe zu bestehen. Andere sagen auch, daß es vielmehr der Tyrsus gewesen, der den Haymon nicht in der Gegend hat leiden wollen und ihm stets den begonnenen Schloßhau nächtlicherweile zerstört habe. Darnach hätte ihn Haymon zum Kampf gefordert, und sie bestritten einander so hart und scharf, daß Tyrsus hat sein Leben lassen müssen. Der Ort, da dies geschehen, ist noch heute Tyrsenbach benannt, ebenso heißt das Wasser, das aus den roten Steinen des Tyrsenbaches gebrannt wird, "Tyrsenblut". Darnach kam den Haymon um des mannlichen Blutes willen, das er vergossen, große Reue an: sein Gewissen ließ ihm nicht Ruhe; er nahm den Christenglauben an und ward vom Bischof von Chur getauft. Anstatt einer Burg beschloß er nun, zur Sühne des verübten Mordes ein Gotteshaus aufzurichten an dem Orte, der ehemals Veldidena (heute Wilten) geheißen und am Sillsfuß gelegen war. Also griff er das Werk mit Eifer an und nahm dazu die Trümmer der zerstörten alten Römerstadt. Aber nahebei im Geklüft - denn das Land war noch wild und wüst - hauste gar ein greulicher Drache, der vergiftete mit seinem Atem die ganze Luft. Dazu setzte er männiglich in solchen Schrecken, daß keiner dem Haymon wollte bauen helfen. Auch riß er mit seinem Drachenschweif die schon begonnenen Mauern darnieder. Das war dem Haymon ein übler Streich: er sah, daß er den Bau nicht vollenden möchte, er wäre denn des Drachen ledig. Also befahl er sich dem allmächtigen Gott, griff den Drachen herzhaft an und trieb ihn das Tal hinab bis zu einer engen Felsenschlucht, in der er ihn dann glücklich überwand und erlegte. Die Zunge schnitt er ihm aus zum Wahrzeichen und vergabte sie dem Kloster, das er nun ungestört zu bauen fortfuhr und stattlich zuweg brachte. Die Leute umher aber, aus Dankbarkeit, weil er sie von dem Drachen befreit hatte, begaben sich nachmals in des Klosters Zinspflicht.

Hugo Grimm,  Haymon der Riese

Da nun das Kloster fertig war, setzte er die frommen Benediktinermönche vom Kloster Tegernsee hinein, stiftete auch dazu sein Gut und Geschmeid und trat selbst als Laienbruder in den Orden. Dann hat der tapfere Riesenheld fromm und friedlich gelebt und ist selig verstorben, auch dort bestattet zur Rechten des Altars. Seine Grabschrift lautet:

"Als Tag und Jahr verloffen war,
Achthundert schon verstrichen,
Zu siebzig acht hats auch schon gmacht,
Da Haymon Tods verblichen.
Der tapfre Held hat sich erwählt,
Ein Kloster aufzuführen;
Gab alls hinein, ging selbst auch drein,
Wollts doch nicht selbst regieren.
Hat löblich glebt, nach Tugend gstrebt,
Ein Spiegel war er allen,
Riß hin, Riß her, ist nicht mehr er,
Ins Grab ist er hier gfallen."

Requiescat in pace!

Quelle: Tiroler Legenden, Helene Raff, Bilder von Hugo Grimm, Innsbruck 1924, S. 204ff