SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Tirol >> Achensee

   
 

DER BEIßWURM


I.


Ende August 1910, erzählte mir der Bergführer Krahl zu Pertisau am Achensee, als ich nach der Kreuzotter oder Kupfernatter fragte: Der Beißwurm kommt vor, wo es öde ist und die Murmeltiere vorkommen, aber ein Murmeltier ist es nicht. Er ist etwa wie ein Igel in der Gestalt und Größe, weiß oder auch weiß mit roten Flecken. Wenn man vor ihm ist, schießt er vor und beißt. Der. Biß ist giftig; die Stelle schwillt an. Auf Serpentinen und wo es abwärts geht, wälzt er sich und ist er dann nicht gefährlich. Er gibt auch Laute von sich, eine Art Pfeifen. Hier in den Bergen der Perusau gibt es keine, aber im Krimmeltal in den Hohen Tauern. Er zeichnete ihn mit einem Stock auf dem Erdboden. Danach sähe das Tier, von oben gesehen, etwa wie ein Igel aus, nur der Kopf schärfer abgesetzt. Er sagte mir, daß er aus den Hohen Tauern sei, und wenn ich ihn recht verstanden habe oder richtig behalten, daß entweder er selbst oder andere den Beißwurm angetroffen und von ihm gebissen worden seien. Bei meiner Abfahrt von Pertisau erzählte mir eine ältere Frau, die aus Perusau war, einen Korb Wäsche hatte und nach Buchau hinüberfuhr, auf dem Dampfer: Der Beißwurm ist wie ein Wurm, nicht sehr lang, soll zwei Füße haben, ist gefährlich giftig. Wenn es glatt ist, schießt er vor auf den Menschen und beißt, dann kann man ihm schlecht entrinnen. Wenn es herunter geht, da fällt er und kann sich nicht bewegen. Er kommt nur im Wald vor, in den Bergen bei der Perusau. Zwei Männer in der Volkstracht von Jenbach und Umgegend, die im Wagen der Zahnradbahn vom Athensee nach Jenbach mit mir hinunterfuhren, sagten mir: Es ist ein Wurm, etwa so lang, ist nicht breit, hat keine Beine, sehr giftig, richtet sich auf und springt vor; er kommt in den Bergen vor.


II.


Ein Bauer machte Taxen im Walde. Es kam ein kleiner Beißwurm und leicht schlug der Mann ihn tot mit dem ausgespatzten Fichtenast; schnell kam wieder einer, es kamen immer mehr, daß er sie nicht mehr derschlug; dann kam ein ganzes Rauschen, daß er von der Taxenbank fortlaufen mußte, um nicht umzukommen.

Anmerkung: glatt: eben;
etwa so lang: sie zeigte etwa 30 cm Länge;

Taxen: kleingehackte Fichtenzweige;
Taxenbank: Holzbank, auf der die Taxen gehackt werden;
ausgespatzt: ausgehauen;

Quelle: I: Wilh. v. Schulenberg, Charlottenburg: Zeitschrift für österreichische Volkskunde 16, 1910, 222; II: Rehsener: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 8, 1898, 258
Aus: Will-Erich Peuckert, Ostalpensagen, Berlin 1963, Nr. 16, Seite 17f.